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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-12-19 · Heft 43 (19.12.1885) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 43 (19.12.1885)
Date
1885-12-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — verbürgt erscheinen. Nach Lactantius (äs morte persee. 3) soll die Verfolgung erst mit dem Tode des Domitian ihr Ende er- .reicht haben. Noch mehr aber als die Christen und, wie oben dargetban, die Juden, wurden jene verfolgt, die sich dem jüdischen Bekenntniße zugewandt hatten. Gegen diese wurde die Anklage wegen Gottesleugnung erhoben und dieselben entweder hingerichtet oder ihrer Güter beraubt (Dio C. LXYII, 14). Ein solcher Fall ist besonders hervorzuheben, weil er dem Kaiser nahestehende Personen betrat. Es waren dies Flavius Clemens, Sohn des Flavius Sabinuß, eines Bruders des Vespasiau. dessen Kinder von Domitian zu leinen Nachfolgern bestimmt worden waren, und seine Gattin Domitilla. Diese waren zum Judenthume übergetreten, und als dies der Kaiser vernahm, ließ er den Fl. Clemens hinrichten, seine Gemdlin aber nach der Insel Pandataria verbannen (Dio 0. ibid.; Luston. Dorn. 15). Diese Nachricht wird auch in den jüdischen Quellen bestätigt. Im bab. ' Talmud (Gittin 56 b) wird ein Proselyte Onkelos bar Kleonikos, Schwestersohn des Titus, angeführt, daselbst (Aboda sara 11 a) heißt derselbe Onkelos bar Kleonymos, was aber, wie Graetz (jüd. Geschichte IV, Note 12) richtig bemerkt, leicht aus Clemens verstümmelt sein kann, indess der Name Onkelos aus Aquila entstanden ist, der an anderen Stellen als Neffe des Hadrian bezeichnet wird. Zn dem Nidraseh Rabba (Deuteron C. 2), sowie an der erwähnten Stelle des Talmud (Aboda sara 10 b) wird Folgendes berichtet: Auf den Willen des Kaisers beschloss der Senat, binnen dreißig Tagen alle Zuden im römischen Reiche zu vertilgen. Als die Kunde nach Zudäa kam, eilten die angesebensten Männer, der Patriarch Gamaliel, Rabbi Zosua und Rabbi Akiba nack Rom, um diese Maßregel abzuwenden, die ihnen von einem Senator (Ktia bar Schalom*) rnitgetheilt worden war. Ein Senatßbeschluss konnte nur dadurch in seiner Wirkung aufgehalten werden, wenn binnen 30 Tagen ein Senator starb. Auf das Drängen seiner Gattin trank nun dieser das in seinem Ringe verborgene Gift und opferte sich'so dem Heile der Zuden. Diese Erzählung wird noch an manchen anderen Stellen mitgetheilt und durch Episoden bcreichert. Eusebius, gestützt auf einen römischen Schriftsteller Brutiu s will den Flavius Clemens als einen Christen ansehen. Auch eine edle Römerin-Veturia, auch Valeria (?) tritt mit allen ihren Sclaven zum Zudenthume über (Talmud Roseli haschana 17 b; Gerim). Die Uebertritte zu fremden Culten nahmen damals in Nom so überband, dass der Dichter Juvenal dies verspottet (Latyr. XIV, 96—106; VI, 541—546). Doch geschah dies eben so oft aus muthwilliger Laune und Aberglauben, als aus sittlicher Ueberzeugunz,(ibid.). Auch über die Verfolgung des Davidischen Geschlechtes berichtet die talmudische Quelle (Taanit 29 a). Als über Rabbi Gamaliel der Tod verhängt war, erschien ein Herr im Lehrhause und rief aus: Nasicus quaeritur! (i. e. qui nasum habet), er sollte jedoch sagen: Nassi quaeritur! denn dies war der Titel des Patriarchen. Niemauv konnte dem Römer Bescheid geben, allein Gamaliel hatte ihn verstanden. Um der Ewigkeit theilhaftig zu werden, wollte der Römer dem Rabbi das Leb en retten und gab ihm den Wink, sich verborgen zu halten. Dio Dass. (Dom. 18) erzählt, dass in der Stunde der Ermordung Domitians Apollonius v. Tyana vor einer Säule in Epbesus gerufen babe: ,Recht, Stephanus! Schlag' den Blutbefleckten! (Philostr. vit. Apoll. VII, 8.) (Fortsetzung folgt.) ' Kleine Chronik. Stemamanger. Am 26. v. M. feierte Herr Obercantor M. Goldjbin seine Vermählung mit Frl. Regine Bauer. Dem Trauungsacte wohnten zahlreiche Honörationen der Stadt ohne Unterschied der Confession bei, ein Beweis der allgemeinen Beliebtheit, deren sich Herr Goldsteiu hier erfreut. Als Beistände von Seite des Bräutigams fungirten der Vorstands-Präses, Herr PH. Lackeubacher, mit Frau Fridrike Neumann. Den TrauungSact vollführten Rabbiner Dr. Stier aus Steinamanger nnd Overeantor Smulowitz aus Raab. Ersterer erregte durch seine glänzende Rednergabe, Letzterer durch seinen schönen Vortrag allgemeine Bewunderung. Unter zahlreichen Gästen aus dem Collegenkreise wurde auch Herr Cantor Schiller aus Wien bemerkt, der beim Festmahle mit dem Tischgebete beehrt wurde und mir seiner klangvollen Baritonstimme ungetheilten Beifall fand Werlm. Der langjährige Vorsitzende der Stadtverordneten- Versammlung Dr. Wilhelm Strassmann, der Schöpfer und Leiter zahlreicher Armenvereine, beschloss am 6. d. M. sein dem Dienste der Stadt und der leidenden Menschheit geweihtes Dasein, das, wie selten eines an Opserfreudigkeit, an edlem Streben reich, nur dem Wohle seiner Mitmenschen geweiht war. Sein Wirken, seine Charakterfestigkeit, seine Ueberzeugungstreue, für welche er stets mannhaft eintrat, verschaffte ihm die Achtung aller Schichten der Bevölkerung. ,Er war — so schließt die Volksze-tung den ihm gewidmeten Nachruf — ein Jude, doch ebenso an Christen, wie an seine Glaubensgenossen dürfen wir den Mahnruf richten' : ,Gehet hin und thut desgleichen.' Das Leichenbegängnis, das vom Festsaale des Rath- Hauses aus, wo die irdischen Reste aufgebahrt waren, gehörte zum Imposantesten, was Berlin jemals geschaut. Der greise Kaiser hatte der Witwe einen Kranz als Zeichen seines Beileids zugeschickt, die Kaiserin in einem huldvollen Schreiben ihrem Mitgefühle Ausdruck gegeben. Oberbürgermeister Dr. v. Forkenbeck, Geh. Rath Prof. Dr. Virchow und Stadtverordneter Lüdwig Loews schilderten in ergreifenden Reden das lhatenreiche Leben des Verblichenen, seine Verdienste um Vaterland nnd Vaterstand, die allgemeine Menschenliebe, welche fein Herz durch glühte. Auf dem Friedhofe hielt Rabbiner Dr Maybaum die Trauerrede. Sophia. Die Ereigniße der Balkan-Halbinsel haben die ganze Welt überrascht, die Juden von Sophia aber noch -mehr als alle Welt. Der 6- (di. der 18.) September war nämlich Freitag, Erew-Jom-Kipur, und gerade wurde in der Synagoge das traditionelle ,Kol Nidre* vorgetragen, als die Bevölkerung von Sophia auf die Nachricht von dem Sturze des Pascha von Philippopel und der Vereinigung von Ostrumelien mit Bulgarien sich in weniger als einer Viertelstunde erhob und mit brennenden Fackeln die Straßen durchzogen mit dem Rufe: ,Tod den Türken, Hoch daß geeinte Bulgarien'? Ein achtjähriger Knabe kam in die Synagoge und erzählte seinem Vater, es sei in der Stadt Revolntion ausgebrochen, und dass seine kleineren Geschwister, sowie alle Kinder der Stadt weinten und nach den Eltern schrien. Natürlich wurde der Gottesdienst unterbrochen, und jeder׳ suchte /seine Wohnung zu gewinnen. Glücklicherweise verlief alles ohne trüben Zwischenfall, und durch die׳ Angst und Ungewissheit der Dinge, die kommen konnten,- verbrachten die Juden eine schlaflose Nacht. In der Frühe begaben sich angesehene junge Israeliten aus die Polizei-Präfectur, wo sie, sowohl im Namen der Gemeinde, als für sich selbst, der Freude über das glückliche Ereignis, wie es damals erschien, Ausdruck gaben und erklärten zugleich, .dass die Jude»,- da heute ein Tag des Fastens und der Buße sei, heute nichts weiter thun könnten, als an diesem großen und heiligen Tage für das Glück des geeinten Vaterlandes zu Gock beten, indem sich vorbehielten am folgenden Tage sich den Demonstrationen ihier Mitbürger anzu

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