Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 40 (25.11.1885)
- Date
- 1885-11-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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e — nicktß anderes sein als der Tempel (zu Jerusalem). (Das Letztere wird erklärt durch die Stelle Deuteronom. III, 25). Dass ich aber bis zum heutigen Tage dir nicht gebuldigt habe, hat seinen Grund darin, dass die Bewaffneten in unserer Mitte es nicht gestatteten. Während nun Vespasian noch mir ihm redete und ibm vorstelltc, dass es Sache der Friedenspartei gewesen wäre, die Mauern zu zerstören und die Stadl in Brand zu legen, kam ein Abgesandter aus Nom und meldete ibm: Erbebe dich, denn der Kaiser ist todt; die Edlen Noms beabsichtigen, dich an die Spitze zu stellen. Da sagte Vespasian: Ick gehe und schicke einen anderen an meiner Stelle, doch elbitte dir eine Gunst. Da erbat AI. Zochauan sich die Erkaltung von Zamnia, das Leben der dort besindlichen Weisen und die Erblichkeit der Patriarchenwürde in dem Geschlechts Hillels für den jüngeren Gamaliel." Diese Gunst, deren bedeutende Folgen Vespasian nicht abzusehen vermocht-׳, wurde ihm gewährt. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. (Orig.-Corresp.) Montag den 16. November 723 Ubr! Nachmittag fand die feierliche Grundsteinlegung zu dem neuen Tempel 1 der hiesigen türkischen Jsraeliten-Gemeinde statt. Zu derselben hatten sich eine Vertretung der kais. ottomaniichen Botschaft, der Gesammt- Vorstand der Gemeinde, unter Führung des Präses, Herrn Marcus M. Russo, und zahlreiche Gemeindemitglieder eingefunden. Nach Nbsinguug des 84. Psalms hielt der Präses eine wirkungsvolle Rede in spanischer Sprache, in welcher er die Bedeutung dieses Festes für die türk. Gemeinde hervorhob. Hieran schloss sich die Absingung eines kurzen Psalm-Chorals, der von dem Chordirigenten, Herrn I. Lowit, componirt und vom Chore recht ejcact vorgetragen wurde. Während dessen wurde die Bau-Urkunde in den Grundstein eingeschlossen. Der Bauleiter, Architekt Hugo Ritter von Wiedenfeld, hielt hierauf eine kurze Ansprache und thar auch die üblichen 3 Hammerschläge, den ersten, wie er sagte, zur Ehre Gottes, den zweiten fürs Kaiser- Haus und den dritten fürs Vaterland. Dann folgten die Hammermit Sorgfalt an und stieg dann in den Wagen, der bereits vor dem Thore stand und von einer ansehnlichen Menschenmenge umgeben war. Sendet Hammelschwanz, klein und hager, mit einem röthlichen Bart und einem froschgrünen Kaftan, führte eben das Wort. ,Kannst Lu sagen, was du willst/ rief er dem Kutscher zu, der eben auf dem Bocke Platz nahm und die Zügel ergriff, ,Ketzer seid ihr doch und euer Rabbi sogar misachtet das Gesetz.' .Unser Rabbi?' Der Kutscher Jeremias Stiefel begann laut zu lachen. ,Wann hält' er das gethan?" ״Bist du nicht gefahren den letzten Freitag mit ihm in den Schabbes hinein, was Loch verboten ist?" ״Bin ich gefahren mit ihm, ja," erwiderte Stiefel triumphirend ״mit eurem Rabbi freilich war' ich nicht gefahren, weil ich hatte gebrachen den Schabbes, aber unser Rabbi kann wirken jedes Wunder so er will. Wie hat sich gezeigt der Abendstern, hat er gesprochen nur ein Wort, ein einziges Wort, und was ist geschehen?" ״Nu, was ist geschehen?" ״Rechts war Schabbes, links war Schabbes, aber in der Mitte! war immer noch Freitag." Zugleich hieb Stiefel auf seine Pferde los und jagte mit seiner leichten Britschka davon, während Hammelschwauz und die Frommen von Babniki ein Wuthgeheul erhoben. (Fortsetzung folgt.) schlage durch den Baumeister Dehm, den Gemeindevorstand und di e Fnnctionäre. Mit einem durch Obercantor I. Bauer vorgetragenen Mischeberach schloss die Feier. Die Bauurkunde enthält auch die Geschichte der Wiener türk. Jsraeliten-Gemeinde, die wir im Nachfolgenden auszugsweise wiedergeben: Vor 149 Jahren wurde von frommen Männern״ an deren Spitze Moses Lopez Perera stand, eine ähnliche Feier begangen, wie diejenige, welche wir heute begehen wollen. Moses Lopez Perera, welcher zu jener Zeit gleich so vielen Anderen das unduldsame Spanien verlassen musste, hatte Wien zu seinem bleibenden Wohnsitz gewählt und gründete mit kaiserlicher Bewilliguug sowohl in Wien als Temesvar -.׳ine kleine Gemeinde nach sephardischem Ritus. Dies war die Grundsteinlegung der heute bestehenden türkischen Jsraeliten-Gemeinde zu Wien. 149 Jahre sind bis beute im Strome der Zeit begraben, seit jene kleine Gemeinde gottessürchtiger Männer in einem kleinen Gemache ihrer Gottverehruug huldigten, und was damals fromme Gottesfurcht angestrebt, ist heute zur vollendeten Wirklichkeit geworden, und wenn sich damals ׳ kaum zehn Personen znm Gottesdienste versammelten, zahlt die Gemeinde heute mehr den 500 Seelen. — die Mauern des kleinen HeiligthumS haben sich erweitert, die belebende Allgewalt Gottes! machte diese!leine Gemeinde stark und mächtig. Die Rechte der ' sogenaiinteli ״türkischen Colonie in Wien" zur Ausübung eines selbstständigen Gottesdienstes, wurden mittelst kaiserlichen Patentes unter der glorreichen Regierung Ihrer Majestät der Kaiserin Maria Theresia verbrieft und geschützt, und wenige Jahre später durch ein kaiserliches Reglement die innere Regelung des Gemeindewesens angeordnet. Am 2. Deeember 1843 wurde der türkischen Jsraeliten-Gemeinde zu Wien von Sr. Majestät dem Kaiser Ferdinand I. die Be« willigung zur Erbauung eines selbstständigen Gotteshauses gegeben׳ Doch erst fast 25 Jahre später — am 27. Juni 1867 wurde in der Plenarversammlung des Vorstandes der Gemeinde der Beschluss zum Baue eines Tempels gefasst, und schon ein Jahr später war das neue Gotteshaus auf demselben Grunde fertiggestellt, ans welchem wir heute den Grundstein legen werden. Wieso dies gekommen, dass schon nach erst 18jährigem Bestände dieses mit grossen Kosten errichtete Gebäude demolirt werden musste? — ist lediglich dahin zu beant- Worten, dass sich leider beim Bane desselben so viele Mängel und Gebrechen einschlichen, welche endlich den Gedanken zur ernstlichen Reise brachten, einen Umbau zu veranstalten. Eine eigentliche gesnv.de Reorganisation der Gemeinde trat erst ein, als im Jahre 1881 Herr Marcus M- Russo einstimmig zum Gemeindevorstande gewählt wurde. Von dieser Zeit an nahm die Gemeinde in Wirklichkeit jenen Platz in der Oeffenrlichkeit ein, welcher ihr *fett Langem gebührte. Vorsteher Herr Marcus Russo war darauf bedacht, nicht nur einen weihe- und pietätvollen Gottesdienst zu schaffen, — sondern er beseitigte alle veralteten Gebräuche und Uebelstände, — ging Schritt für Schritt doch unaufhaltsam mit der Neuzeit — und die ganze Gemeinde ohne Zögern mit ihm. Von den größeren Gemeinden war die uuserige vielleicht die einzige, welche ihren Gottesdienst ohne Chor abhielt. Vorsteher Herr Marcus M. Russo besaß die nörhige Energie und das richtige Verständnis. Diesem Uebelftande musste abgeholfen werden und bereits Sabbat Hagadol 5642 (1882) fand der erste Gottesdienst mit Chor zur Freude der ganzen Gemeinde statt. All die Neuerungen und Verbesserungen, die seit jener Zeit platzgegriffen, anznsühren, ist hier nicht der Platz und bleibt einer anderen Gelegenheit Vorbehalten. Im Früjahre 1884 trat der Vorsteher Herr M arcus M- Rusio bereits mit der Idee hervor, das Gotteshaus einem Umbau zu unterziehen, nachdem selbes stark schadhaft geworden und sich auch zu klein erwies. Die Ausführung der Idee wurde jedoch vertagt, un