Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 29 (21.8.1885)
- Date
- 1885-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische - Zeiiun Organ für die (fonmnit-lntmssni iiiitisdjrr Cantnrra. Erscheint jeden achten Hag. ׳ Begründer: ilbercaulo. Ic1kc>l5!׳Sauer. Nr. 29 Wien, 21. August 1885. 5. Jahrgang r fiednclioi 2ld,»rittistrnric»»r IU i e 1». II., Novaragaffe 27. - Inserat« werden billigst berechnet. Manuscriple werden nicht rerournirt. r Pränumerations-Preis Kür Jereinsmitgtieder: Ganzjährig ... fl. L.— Halbjährig - - - fl- 3.50 Vierteljährig - . fl. 1.3L Monatlich - . . fl- —•45 ״ Kür Vichlmitgtteder: Ganzjährig ... st. 6.— Halbjährig ... fl. 3-— Viertellährig - - fl- 1-50 Monatlich . - . fl- —50 Kür das Ausland: Ganzjährig ... fl. 7.— 12 Mark oder 6 Rubel. V. (Eautar und Chor ■! Beim Vorübergehen vor einer Kirche lauschte ich öfters den Tönen der singenden Schaar, die weihevollen Klänge der Orgel, die feierliche Stille, die Ruhe und Ordnung der andächtigen Menge übten auf mich schon als Kind einen gewaltigen Zauber aus, so dass ich nicht selten der Kirche hart an den Leib rückte ' und aus den daselbst befindlichen, wenig betretenen Grasplätzen ' manche Viertelstunde zubrachte. Kam ich dann nachträglich in unser Gotteshaus und fand nicht denselben Anstand, dieselbe Weihe, die gleiche Andacht, ward mir um's Herz so bange, und aufgeregt durch den wabrgenommenen Contrast, summte es stets in meinen Ohren: ,Warum bei uns das Chaos?' Den Fuß auf den Betfitz stützen, dem ארון הקודש den Rücken zukehren u. dgl. find keine seltenen Erscheinungen. Man plaudert von den profansten Dingen und erinnert sich erst dann an מה נורא ׳המקום תה wenn der Cnltusvorsteher mit ernster Miene an זה שער verweiset. Gehört diese Ungebührlichkeit etwa zur Leb- Hastigkeit des auserwählten Volkes? — Nein, das Uebel liegt tiefer und will man's beseitigen, so muss man es an der Wurzel faffen und verhüten, dass es überhaupt nicht auftrete. Die Prophylaxis ist weit wichtiger als die Behebung des Uebels. — Abgesehen von andern, dem jüdischen Gottesdienste anbaftenden Ungehörigkeiten, welche in diesen Blätlern bereits gründlich und geistvoll beleuchtet worden sind, abgesehen von diesen Uebelständen, ist cs zuvörderst die P e r s ö n l i ch k e i t eines Cantors, die für Disciplin im Tempel maßgebend erscheint. An Euch, Cantoren, ist in dieser Beziehung viel, unter Umständen Alles gelegen. Von der Tüchtigkeit, dem Takte und der Umsicht eines CantorS hängt in der Regel das ruhige Verhalten seiner Gemeinde im Tempel ab, sowohl während der Zeit des Vortrages, als auch beim stillen Beten. Von diesem Gesichtspunkte aus-!. gehend, hat der Cantor eine herrliche Stellung, er hat sozusagen die Gemeinde in seiner Hand, steht mit der Gemeinde immer im Connex, und wenn nicht Lässigkeit oder Launenhaftigkeit seine Willenskraft umgarnt, ist bei den Functionen der Erfolg im Vorhinein gesichert. Zwei Momente sind es, welche dem Freunde des Juden- > thums und-des jüdischen Gottesdienstes in Bezug auf das Can» torenthum in manchen Fällen nahegehen. 1. Ueberbebung aus dem Gebiete des musikalischen Wissens. 2 Ma:1gr׳l a.1׳ Ch ar a k l e r f e st i g k e i t. Der Begriff ,musikaliicbe Bildung' ist sehr dehnbar und lässt verschiedene Interpretationen zu. So Mancher schreibt sich »Cantor', der weder stimmbcgabt, noch vom geregelten Kunstgesange eine Spur hat, freilich 2רנםה קשה כקריעת ים0וף aber nur bescheiden auftreten- ,Zum künstlichen Gesäuge ist nicht blos eine schöne und biegsame Beschaffenheit der Stimme, sondern auch deren Ausbildung und Beherrschung zum Behufs der Hervorbringung ansprechenden Klanges, deutlicher und edler Aussprache und möglichst vollkommener Darstellung mehr oder minder künstlicher Tonfiguren erforderlich. Elementare Grundlage des künstlichen Gesanges ist die Fertigkeit, die Noten richtig zu lesen und die Töne nach denselben richtig und rein zu treffen, d. h. intoniren.' Ich glaube kaum fehlzugehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, ein sehr geringer Percentsatz der auf dem Lande und in kleineren Städten fungirenden Cantoren besitzt gediegene musikalische Bildung, die meisten kochen mit Wasser. Soll die sociale Stellung des Cantors gehoben werden, so muss er von Strebsamkeit erfüllt sein, nur arbeiten; zum Lernen ist es n ie zu spät. Auch erleidet der Cha׳ rakter keine Einbuße, wenn man hie und da einen überlegenen Sachverständigen zu Rathe zieht לא הביישן?*מד. Die Vocalmusik allein wird schwerlich jene Stimmung, jene nachhaltige Entzückung Hervorrufen, die den schweren, aufrüttelnden Klängen der Orgel innewohnt, ist jedoch letztere aus religiösen oder wirthschaftlichen Gründen dem Gottesdienste nicht beizustellen, so muss für ordentlichen Gesang ganz entschieden gesorgt werden. Verständnis des liturgischen Textes ist unerl ässliche Forderung, wenn der Vortrag dem Inhalte, das Wort dem [ Tonausdrucke entsprechend accommodirt werden soll. Das Gleiche gilt von den Endstellen der Pijutim (חרוזים)♦ Den Anforderungen des Recitives wird nicht immer Genüge geleistet; man sieht es nicht als solches, als Kunststück an, und wer recitiren gehört, glaubt auch dies zu können. Am schrecklichsten ist's dann, wenn ein Unkundiger aus dem Stegreif recitirt und nicht ahnt, dass sich nur Wenige, wahre Meister, zu jener Höhe emporschwingen