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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-02-26 · Heft 8 (26.2.1885) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 8 (26.2.1885)
Date
1885-02-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Zum provisorischen Präses wurde Dr. Samuel Herzfeld gewählt, welcher die Versammlung eröffnete, das Programm der reformirten :Religionsgemeiude verlas und die Annahme desselben ea bloc beantragte. Derselbe betonte, dass es nicht in der Absicht der Reformer liege, Proselyten zu machen, sondern blos die Zieligion dem Zeitgeiste -anzupassen und dieselbe in Einklang mit dem bürgerlichen Berufe zu bringen, welcher tiefsinnige Satz mit lebhaften Eljenrnfen ausgenommen wurde. Redner führte ferner ans, dass man in der heutigen materialistischen Zeit keinen Talmud mehr brauche, dass der Gottesdienst von überflüssigem Formelkram zu purificiren, das Trannngs-Ceremoniel zu vereinfachen sei. Mehr als 800 Personen, sagte der Redner, haben das Programm bereits durch ihre Unterschrift anznnehmen erklärt, und der Zweck der heutigen Versammlung sei, sich als reformirte israelitische Lreiigionsgerneinde zu constituiren und die nöthigen Schritte zu v.-rattlassett, um die Genehmigung des Ministeriums für die Statuten zu erlangen. Nun erhob sich Rudolf Stern und stellt den Gegenantrag, dass das Programm nicht 6a bloc angenommen werde, sondern dass dasselbe punktweise einer Debatte unterzogen werden solle, was der Präsident jedoch nicht znlassen will, indem er eonstaiirt, dass Stern .nicht zu den Eingeladenen zähle und daher nicht das Recht habe, zu sprechen, worauf Herr Stern in Eifer gerieth, zugab, dass er nicht geladen worden sei, sondern blos ans den Zeitungen von der Ab- Haltung der Versammlung Kenntnis erlangt habe, .dass er sich aber .als einen in ronfessioneller Beziehung ,reformbedürftigen* Menschen fühle und daher geglaubt habe, au der Versammlung theilnehmen zu dürfen. Er wolle weder eine Katze noch eine Religion im Sacke .kaufen, ein Ausdruck, der den Präsidenten so in Harnisch bringt, dass er ihn zurnchtweist. Stern beginnt hierauf über den Antisemitismus und die Judenverfolgungen zu sprechen, worauf der Präsident ihm — das Wort entzieht. Johann Pollak tritt in heftiger Weise für Stern's Antrag in die Schranken. Er sei zwar auch nicht direct eingeladen worden, glaube .aber doch das Recht zu haben, zur Sache zu sprechen, was der Präsident in erregter Weise bestreitet, Pollak will weitersprechen, worauf sich ein großer Tumult erhebt, der seinen Abschluss rarin sindet, dass sämmtiiche nicht Eingeladenen den Saal verlassen, indem Pollak im .Fliehen in den Saal znrückruft: ,Da sollen die 300 die neue Ncligion machen!' Hierauf erhebt sich Dr. Bauer, constatirt zuvörderst, dass er zu den Eingeladenen gehöre und daher das Recht zu sprechen habe. Er tritt ebenfalls für den Stern'schen Antra/, der püuktweisen Debattirung des Programmes ein, wogegen der Präsident sich jedoch merkwürdigerweise entschieden verwahrt. Nun erhebt sich Eduard Klein und erklärt, dass er das Programm nicht verstehe, man möge dasselbe Punkt für Punkt durchberathen, damit er doch auch wisse, um was es sich handle. (Eine Stimme ruft: ,Es gibt keine Extrawürste, nicht einmal, wenn sie koscher sind!') D-r Präsident schreitet nun zur Abstimmung und fordert diejenigen, welche für die.Annahme 6a bloc sind, auf, sich von ihren Sitzen zu erheben; nun stellte es sich heraus, dass eine Menge Leute, die keinen Platz gefunden haben, stehend der Versammlung beiwohnen, dass diese Art der Abstimmung also nicht thunlich sei; der Präsident trifft nun die Anordnung, dass die Zustimmung durch Sitzenbleiben zu coustatiren sei, was aber ebenfalls nicht angeht, da wegen der Enge der Sitze die gegen den Antrag Stimmenden nicht anfftehen können, worauf endlich durch Aufheben der Hände abgeftimmt und das Programm 6a bloc angenommen wird, worauf Herr Steinitz ausrast: ,Nicht einmal im Reichstag wird so was ca bloc angenominell!* Der Präsident empfiehlt hierauf, die Statuten der hiesigen äsraelitischeu Cultusgemeinde als Basis für die neue Neligionsgsnoffenschaft anznnehmsu und dieselben der Negierung vorzulegen, was ebenfalls angenommen wird, worauf der Präsident eonstatirt, dass sich die neue reformirte Religionsgeineilide nunmehr conftitnirt habe und die Entsendung eines Zwanziger-Comitcs vorschlägt, welches die weiter erforderlichen Schritte zn veranlassen haben werde. Hierauf erfolgte die Autheutification des Protokolls, worauf Dr. Albert Szte» rcuyi der Versammlung seinen weihevollen Segen ertheilte. Die Anwesenden entfernten sich befriedigt. Wetersönrg. Zum neuen Jahre wurde der wirkliche Staatsrath S. Pol iakoff mit der Ernennung zum Geheimrat he (der erste Fall in Rußland) und der wirkliche Staatsrath Dr. Hirschborn mit dem Wladimirorden vierter Claffe beehrt. Unser rühmlichst bekannter Orientalist Dr. A. Harkawy ist zum Staatsrath ernannt und zugleich mit dem Stanislausorden zweiter Claffe ausgezeichnet worden. Welersburg Eine auffällige antisemitische Begebenheit, die sich in der hiesigen musikalischen Welt vor einigen Wochen zugetragen hat, macht gegenwärtig viel von sich reden. In unserer Residenz debutirte Hans von Bülow. Er sollte im Saals der Adelsversammlung zum erstenmale als Dirigent des großen Orchesters und als Klavier-Vir» iuose austreten. Das Orchester sollte ein Concert von Goldmark spielen und Bülow dasselbe dirigiren. An dem Concerte wollte sich unser weltberühmte Geigen-Virtnose Professor Auer vom hiesigen Conservatorium betheiligen, der bekanntlich, wie der frühere und gegenwärtige Director jener Anstalt, A. Nnbinsteiu, Davidow und viele andere Koryphäen der hiesigen musikalischen Welt (;. B. Professor Neverardi. Laterner, Michailow rc.) jüdischer Herkunft ist. Ungeachtet dessen erklärte Hans v. Bülow, er sei mit dem Programme des Con׳ certes nicht zufrieden, weil er ,keine Semiten spiele* (Goldmark ist bekanntlich Jude). Als dies Herrn Professor Auer zu Ohren kam, nahm er sofort fern Versprechen, sich an dem Concert zu betheiligen, zurück, und noch am selben Tage mußten die bereits publicirten Afficken durch neue ersetzt werden. Das Vorgehen des Herrn Bülow bedarf keines CommentarS und überraschte nicht, denn derselbe ist als Judenfeind längst bekannt. Gründungs- und Vereinsbritrage. I. Bauer, Wien, halbjährigen Beitrag. S. Neumann, Oberhollabrunn, vierteljährigen Beitrag. H. Steiner. Franzensbad. halbjährigen Beitrag. A. Notter, Wien, halbjährigen Beitrag. A. Fischer, Cassier. Correspondenz der Nedaetion. B. in M-, S. in D. Wir bitten um Erfüllung Ihres Versprechens. Gruß. -- S. in Ad. und B. in Kur. Dank für Vermittlung der Abonnenten in Ihren Gemeinden. Ihr Bestreben, dass unser Blatt auch in den Gemeinden Verbreitung finden soll, wird gewiß Nachahmung finden. Besten Gruß. Allen Collagen und Freunden wünschen wir שמחת פורים. Die Redaction. Zahlungen der Abonnements- und Jnsertiorrsbeträge sind an die Nedaetion Wien, II.- Novaragaffe Nr. 27 zu senden

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