Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 39 (19.11.1884)
- Date
- 1884-11-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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— 7 wenigen jüdischen Einwohner in ungetrübtem Frieden mit den christ׳ lichen Bürgern von jeher wohnen, rief der unerwartet von Oben herabgetangte Befehl, die Inden hatten binnen vierundzwanzig Stunden den Ort bei Vermeidung zwangsweiser Abschaffung zn verlassen, nicht geringe Bestürzung und Schrecken hervor. Motivirt war dieser humane Ukas durch den angeblichen Schaden, den die Juden ihren Mitbürgern im Dorfe durch Händel und Prozeßsucht bereiten sollten. Die guten Landlente erfuhren durch diesen Austreibungsbefehl erst von diesen gräulichen Dingen und versicherten hoch und theuer, das; die Juden ihre guten Freunde und Nachbarn wären; sie hätten niemals -in Unfrieden mit ihnen gelebt; seit zwanzig Jahren hätte kein,Jude irgend einen Prozeß geführt. Alles vergeblich. Es war eben ein Deeret von Oben gekommen, und die mächtigen Herren müssten doch wohl besser wissen, wie es in Miklischeni bestellt wäre, als die unwissenden Dorfbewohner. Da die Juden nicht im Stande waren, sich an demselben Tage vollständig reisefertig zu machen, um den Ort, wo sie geboren worden und gelebt hatten, mit Weib und Kind und Habe auf Nimmerwiedersehen zn verlassen, sie auch vielleicht so einfältig waren, an eine Zurücknahme oder Modifieation dieses gerechten und milden Decrets zu glauben, so erschien mit dem ersten Morgengrauen die bewaffnete Macht in Gefolge von Leiterwagen. Man riss die Juden aus den Betten, achtete nicht des Jammers der Frauen und Kinder, raffte die Habseligkeiten der Juden zusammen, warf sie auf die Wagen und führte die armen Menschen mit ihrem bescheidenen Gut hinaus über die Dorfgrenze und überließ es ihnen, sich auf freiem Felde häuslich niederznlassen. Nicht eine fremde Soldateska verübte solche Unthat — was sage ich, Unthat? — War es ja nur die gesetzmäßige Ausführung des gemessenen Befehles der eigenen Obrigkeit. Dringt nicht der Jammer der also brutal ver-!lichteten Existenzen zn den Herzen der Machthaber, oder regt sich kein Gefühl des Rechtes, der Menschlichkeit in ihrem Busen? Leben wir unter Barbaren oder civilisirten Menschen? Breslau. In der ,Schles. Ztg/ ist die Theaterkritik einer Person anvertraut, welche .v. K.' zeichnet. Dieser selbst noch in der Anonymität seinen ,Adel* markirende Kritiker schreibt in seiner letzten Recension (über eine Aufführung von Scribe's ״Feenhände" im hiesigen Sradtthealer) folgenden Satz: ,,Es geht auch im Stabttheater durch die Anfführnngen aristokratischer Stücke ein gewisser spießbürgerlicher Zug, der uns die Herzoge und Gräsinnen nicht ganz waschecht erscheinen und uns den Eindruck von Provinzaufführungen nicht los werden lässt. Es muß daher versucht werden, nach dieser Richtung Besserung anznftreben: freilich bleibt es eine offene Frage, wie weit eine solche mit dem jetzigen Persounale zn erreichen sein wird, in welchem in dieser Beziehung — es muß auf den Punkt einmal hingewiesen werden — das sichtliche Vorwalten des den! Aristokratis mns so abgewandten jüdischen Elements in den ersten Fächern nicht gerade förderlich wirken kann." Die ״Brest. Ztg." bemerkt dazu : ״Das haben sich wohl die Mitglieder unseres Stadttheaters nicht träumen lassen, dass sie hier vor einem Kritiker spielen könnten, der bei der Eintheilung der Künstler in gute und schlechte sich von confessionellen Rücksichten bestimmen lässt. Bisher mögen sie in nnseliger Verblendung geglaubt haben, dass die Religion nichts damit zu thun habe, wie man ein schauspielerisches Talent bethätigt, dass die Knust des Mimen nicht darnach fragt, ob die Eltern eines Menschendarstellers in einer christlichen Kirche, einer Synagoge oder einer Moschee Erbanung gesucht haben. Bisher mögen sie wohl auch gewähnt haben, die Kunst sei etwas so tief Menschliches, dass jeder menschlich Fühlende und Denkende ein Jünger und Apostel derselben werden könne, wenn er das heilige Feuer der Begeisterung in seiner Brust lodern fühlt. Doch nein! Der Theaterkritiker der ״Schlesischen Zeitung" zeigt ihnen mit schonungsloser Härte, dass die Guten sich einem holden Jrrthume hingeben. Weil die Träger der Hauptrollen daheim keinen christlichen Taufschein im Comodekasten liegen haben, fehlt es der Vorstellung an aristokratischem Styl. Das Jndenthum fei dem Aristakratismus so ״abgewandt", meint der aristokratische Verfasser der Kritik, dass das ״Vorwalten des jüdischen Elements in den ersten Fächern" nicht förderlich wirken könne. Wer lacht da! Vermnthlich Jeder, der einmal die Namen Dawison, Dessolr, Rachel gehört hat, was man freilich auch von jedem Theaterkritiker voraussetzen sollte. Wer bezweifelt heute, dass Sonnenihal, der weltberühmte Hofburgschauspieler, der erste lebende deutsche Schauspieler ist; wer weiß es nicht, dass er nicht nur der erste, dass er auch der feinste, der eleganteste, der aristokratischeste unter ihnen ist? Gleichwie Frau Gabillon, geb. Würzburg, die auch als Jüdin zur Welt kam, für ein Muster in der Darstellung aristokratischer Charaktere gilt. Wie würde dieser unglückliche Mann und diese treffliche Künstlerin vor dem confessionellen Richterftuhle des Kritikers der ״Schlesischen Zeitung". bestehen? Vermnthlich nicht besser, als Ludwig Barnay, mit Bezug auf den der nämliche Kritiker schon vor drei Jahren schrieb, dass er eonfessioneller Hinderniße wegen, wie alle seine Glaubensgenossen, zur Darstellung von höheren Officieren, Diplomaten und höheren Beamten nicht geeignet sei. Barnay spielte damals den Othello. Ist Othello ein höherer Officier. ein höherer Beamter oder ein Diplomat? lind ist der Darsteller im Besitze eines christlichen Taufzeugnißes? Das war der curiose Gesichts- Punkt, unter dem ein Theaterkritiker, der doch Anspruch daraus macht, ernst genommen zu werden, Barnay kritisirte." (D. Wochenschr.) Der hier erscheinende ״Dztenuik pozaau3ki'£ bringt einen haarsträubenden Bericht über einen in der einige Meilen von der Grenze gelegenen polnischen Stadt Radom stattzefnndenen Raubanfall. Am 23. v. M. erhielt der dortige jüdische Einwohner Kammer ein anonymes Schreiben, worin ihm mitgetheilt wurde, seiner Tochter Alter, welche seit 5 Jahr-n an einen gewissen Rosenzweig verheiratet ist, drohe diesen Abend eine Gefahr. Der erschreckte Vater nahm hieraus die Tochter mit ihrem Kinde, einem Säuglinge, in sein Hans auf. Um Mitternacht umzingelten Soldaten der dort stationirten Batterie das Hans des Kammer. Ein Polizeisoldat pochte an die Hansthüre und befahl, sie zn öffnen unter dem Vorwände, in der Schänke brenne dem polizeilichen Verbote zuwider noch Licht. Kaum war die Thür geöffnet, so drangen der Srabscapitän Koreniew. in Polizeiunifvrm verkleidet, der Gehilfe des- Polizeimeisters, 2 Civil- Personen, einige Polizeisoldaren und eine Menge anderer Soldaten in das Haus. Die Tochter wurde anfgefordert mir ihnen zu gehen. Auf ihre Entgegnung, sie wlsse von gar nichts, wurde sie ans dem Bette gerissen und fast unbekleidet, mit ihrem Kinde an der Brust, ans den Hof gestoßen. Ihr Later und ihre Stiefmutter wurden zu Boden geworfen und geknebelt. Die Eingedrnngenen raubten hierauf alles vorhandene Geld, Wäsche, Betten Kleidungsstücke und Kostbarkeiten. Hilfe von außen konnte nicht geleistet werden, da die benachbarten Häuser von den Soldaten gesperrt gehalten und Niemand heransgelassen wurde. Den Nachtwächtern, welche auf den Lärm herbeieilten, wurde bedeutet, sich zu entfernen. Die Tochter mit ihrem Kinde wurde alsdann hinweggeführt, Tags darauf in eine K rche gebracht und getauft, worauf sie gezwungen wurde, einen Feldwebel zu heiraten. Drei Tage darauf wurde auch daS Kind gerauft. Corvesponden; der Akedaction. College!! K. in Zr.^ M. in JSt. in W., L. ^in Hürb., R. in Pr., Sch. in 3t., 3tc. in Fr., Ltr. in L!z., >Lt. in A. M., Fl. in Sk., B. in Tr-, bestätigen dankend die eingesandren Beträge. Gruß. K. in Sz. Wir sind gewöhnt zn gedulden. Gruß. Str. in Sob. Sie können die früheren Musikbeilage!! nachzeiender erhalten. Gruß. 3u1bb. 3t. in fc. Da die Ergänzung bisher noch nicht einzelangr, werden wir Eingesandles erst in nächster 3i!un1ner veröffentlichen. Gruß. Dr. L. in B. Wird in nächster Nummer veröffentlicht. Gruß. S. in I. Bericht für diese 3tum!!!er zn spät eingerroffen. Gruß. Wir ersuchen die geehrten Herren College!!, uns über interessante Creignisse in den Gemeinden Mittheilung zn machen, und sind wir bereit, di-eSbezügliche Notizen in unserem Blatte anfznuehinen. Die Redaktion. Im Leilarlikei der vorigen Nnmmer bar sich ein!ehr unliebsamer Fehler eingefchlichen. Es soll nämlich 2. Seile, Zeile 20 von oben statt רב לבם בני ״לוי״ ׳רב לכם בני לבי heißen.