Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 29 (25.8.1884)
- Date
- 1884-08-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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den. Schließlich sei noch erwähnt, dass von Seite der Cultusrepräsentan; dem berühmten Nestor der jüdischen Wissenschaft.- Dr. Zuuz in Berlin, zu seinem 90. Geburtsfeste eine vom Rabbiner Herrn Dr. Mühsam verfaßte, tiefempfundene Glückwunschadresse geschickt wurde. ■ I*aris. Herr Bartbelcmy von Saint-Hilaire, einstiger Minister des Auswärtigen der französischen Republik, schrieb an Herrn Singer, den Verfasser der Broschüre: ״Sollen die Juden Christen werden?^ folgenden zu beherzigenden Brief: ,,Ich zögere nicht, Ihnen zu antworten: Nein, nie sollen die Juden Christen werden! Ich würde diese Bekehrung als ein unermeßliches und kaum gut zu machendes Unglück tür die Menschheit betrachten. Es gibt kein Volk in der Welt, welches ein so überraschendes Beispiel von Ausdauer und Glauben gegeben halte; es gibt keines, das einen solchen religiösen Einfluss ausgeübt hätte; ihre Bibel mir der Genesis und den Psalmen ist bei Weitem das größte Werk unter den heiligen Büchern der Nationen, und sie ist es, welche es zum Volke Gottes machte. Der Lag, an welchem die Juden Cristen würden, wäre ein unseliger (nefaste); und die Lücke, welche dieser Abfall machen würde, könnte nie ausgefüllt werden. Die Juden müssen für immer das bleiben, was sie sind, ihren Glauben beibehaltend, der mehr denn drei Jahrtausende für sich hat, und den die Zeit nicht alteriren konnte. Es würde dem menschlichen Geiste ein unvergleichliches Muster fehlen; und dieses Verschwinden wäre heute um so trauriger, als die Gottesidee, wenigstens vorübergehend, in vielen Geistern, die sich für aufgeklärt und gelehrt halten, bis zum Der. schwinden abgeschwächt ist. Das menschliche Gewissen bedarf für ewig der lebendigen Protestation Israels und der unerschütterlichen Stütze, die es dort gegen seine eigenen Schwächen und gegen die Zweifel, welche das Christenthum bedrohen, findet. Im Namen der Philosophie theile ich Ihnen meine Meinung mit. Sie ist nicht neu in mir. und ich habe sie wehr als einmal öffentlich ausgesprochen. Was die gegenwärtige Verfolgung betrifft, so müssen sie die Juden mit Muth ertragen, sowie sie bereits so viele andere, nicht minder grausame, erduldet haben. Diese schändlichen Barbareien werden vergehen, und es wird ein Tag kommen, an welchem die Israeliten überall das sein werden, was sie ui Frankreich sind, Bürger wie die andern; — ein Tag, da sie mit ihren Mitbürgern leben werden, wie Katholiken und Protestanten untereinander leben; unter allgemeinen Gesetzen, die sie trotz der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnißes gleichmäßig schützen." Petersburg. Gegenwärtig tritt bei uns wieder die heikle Judenfrage in den Vordergrund. Abgesehen von den immer und immer wieder bald hier, bald dort zu Lage kommenden Feindseligkeiten gegen die Juden, wie z. B. in Reval, in Njeschin (Gouvernement Tschernigow) u. s. w., hat man bei uns, als gelte -es für die Berliner Ausweisungen ,in Folge der socialistischen Tendenzen des russischen Judenthums* (wie ein hochconservatives Berliner Blatt sich auszudrücken beliebte) ein Pendant zu schaffen, auch Maßregeln ergriffen, um Len ,jüdischen Socialismus" auch in Rußland nach Möglichkeit auszu' rotten, und zwar auf indirectem Wege. Indem man sich hinter den Buchstaben des Gesetzes gesteckt, welches sagt, dass den Kindern jüdischer Eltern nur diejenigen Mittelschulen zu besuchen, welche sich in dem Orte befinden, in welchem die Eltern Aufenthaltsrecht besitzen, gestattet sei, schiebt man den» Strom derselben in die Schulen, namentlich in Gymnasien und Realschulen, einen Riegel vor und glaubt dadurch auch der Ausbreitung des ״jüdischen Socialismus" einen Damm zu setzen. Eine anderweitige, dasselbe Ziel verfolgende Beschränkung der Lernfreiheit geht von der Universität Kiew aus, welche den Antrag gestellt, die Zahl der jüdischen Studirenden der Medicin auf J10 der Gesammtzahl der Studirenden zu sixiren. In dieser Sache hat das Ministerium die Entscheidung noch nicht gefällt, Loch ist wohl anzunehmen, dass sie dem Gesuche der genannten Hochschule willfahren wird, ungeachtet dessen, dass das Gesetz den Juden im ganzen Reiche und in jeder Hochschule nach ihrer Wahl ihre Bildung forlmsetzen gestattet. Bei uns kümmert man sich jedoch um dergleichen gesetzliche Bestimmungen nicht, und speciell in Hinsicht auf die Juden liegt ein einschlägiger Präcedenzfall bereits im Kriegsministerium vor, wo der Kriegsminifter Wannowsky ganz willkürlich und im Widerspruche mit dem klaren Wortlaute des Gesetzes angeordnet hat, dass unter den Militärärzten nicht mehr als 10 Percent Juden sein dürfen! Wer wiegt sich in unseren leitenden Kreisen in der Wahn- Vorstellung, dadurch dem Socialismus und dem Umsichgreifen desselben innerhalb der russischen Gymnasial- und Hochschulbildung ein Bein gestellt zu haben, als ob der Socialismus aus dem Judenthume käme? Wenn, auch in Leu vielen politischen Processen der letzten Jahrs ein gewisser, nicht unwesentlicher Theil Juden signrirt, so haben sie ihre socialistischen Irrlehren doch in den russischen Lehranstalten aufgezogen, in denen sich zumeist gerade die kernrussischen Lehrer der Russischen Sprache und Literatur als die stillen Führer und Förderer dFs SocialismuS erwiesen haben. Und dass es auch jetzt noch nicht vi!ll anders und besser geworden, beweist ein kürzlich ergangenes Circular des Ministers der Volksaufklärung an die Curatoren der Lehrbezirke, worin der Minister in Folge andauernder Verbreitung verderblicher Irrlehren in den Mittelschulen sich gezwungen sieht, die Directoren der Anstalten persönlich dafür verantwortlich zu machen, dass sich bei ihnen kein Socialismus zeigen darf. Den Inden mag man gegen alles höhere Recht die Lernfreiheit nehmen — die Schule bleibt doch inficirt und wird ohne Zweifel noch lange insieirt bleiben: so lange eben das gegenwärtige wurmstichige politische System besteht! Nijchnei Wowgorod. Die Untersuchung gegen die Urheber des JudencrawalleS ist bereits beendigt. Gegen 109 Personen, darunter auch Frauen, wurden der Theilnahme an dem Blutbade in Kuniawino angeklazi. Die Angeklagten rühren größtentheils aus den niedrigsten Volksclassen her. Es befinden sich aber unter ihnen anch einige russische Kaufleute. In Haft verbleiben noch jetzt sechzig Personen, die übrigen Angeklagten stehen unter strenger polizeilicher Aufsicht. Trotz der strengen Nachforschungen ist es bis jetzt noch nicht gelungen, die bei den Juden gerauoren Sachen ausfindig zu machen. Es wurde gerichtlich constaiirt. Lass das Hauptziel der Ruhestörer auf Raub war, da nur Sachen von geringfügigem Werthe zerstörr, die sämmtlichen werthvollereu aber fortgeschleppr wurden. Als der Pöbel vor dem jüdischen Be! Hause, angeblich wegen des Raubes eines Christenkindes, sich angesammelr hatte, schrie die Menge, und das ist von den Unrersuchungsrichtern eonftatirt: ,Gehen wir znm Bauunternehiner, Deizelmann, dort finden wir schon was zu unserer Erholung!* oder: ,Gehen wir in die Stadt*. Dass der Pöbel dieses letzte Vorbaben urchl ausführen konnte, ist nur der Vorsicht des Gouverneurs Baranow zu verdanken, der im kritischen Momente die Communication zwischen Kuniawino und Nischnei -Nowgorod abbrechen ließ. In Nischuei-Nowgorod selbst, und in der Umgegend,, herrscht in Folge der energisch geführten Untersuchung vollkommene Ruhe. Eorrespondenz der ALedaction. M. in L. Wir ersuchen um die Erfüllung Ihres Versprechens. Die gewünschten Exemplare sind leider vergriffen. Gruß. K. in B. 'Amerika. Die Comp, haben erhalten und sprechen unseren herzl. Dank für Ihr so^ reges Jnleresse, welches Sie unserem Unternehmen enrgegenbringen. Des Textes wegen können wir leider von Ihren sehr gediegenen musikalischen Arbeiten keinen Gebrauch machen. Ihrem Berichte sehen wir mit besonderem Vergnügen entgegen und haben wir eine wahrhafte Freude, zu vernehmen, daß unser Fachblait in den dortigen Kreisen so sympathisch begrüßt wurde. Herz, colleg. Gruß. Sam. in T. Ihr Eingesender ist leider nicht zu verwenden. Gruß. R ab b. R. in S. Einzesandres bereits in allen Fachbläitern abgedrnckt, daher für uns schon verspätet und nicht verwendbar. Ihren iveireren -Arbeite!: für unser Blatt sehen wir mit Vergnügen entgegen. Herzl. Gruß. Gi n K- Herzlichen Dank im Flamen des Autors, dem wir Ihre schöne Widmung eingesandt. Leider ist dieselbe in Folge der. undeutlichen Cursivschrift zum Abdrucke nicht geeignet. Auf Empfehlung eines he rvo rrag en den C o l l ege n in Rußfand senden wir mehreren dort amtirenden Cantoren unser Fachb latt seit ei Niger Zeit zu. Diese ge e hrren Herrn Colle ze n werden höfl. ersucht, uns gef. den Ab on n e m ent S b e r ra g eheft e n s, (׳a u cl) in R übel) einsenden zu wolle n.