Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1884-06-22 · Heft 21 (22.6.1884) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 21 (22.6.1884)
Date
1884-06-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3452960-3452981--1041-3455139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 - gen zu läutern, ohne daß diese jedoch im Großen- und Gauzcn wesentlich beeinflußt werden konnten. Dieses Programm ist und war schon lange fertig, und wenn wir dasselbe nicht der Oesfentlichkeir übergaben, so bildet dieses Vorgehen ebenfalls ein Moment unseres vorsichtigen Gebahrcns. Allein den vorliegenden Gegenstand müssen wir beleuchten, um ans die Schäden einer etwaigen unzeitgemäßen Bestrebung aufmerksam zu machen, vor der Letzteren zu warnen und die Sache einfür allemal geordnet zu sehen. Nach erfolgter Constituirung eines Vereines muss es die erste Aufgabe der leitenden Kreise sein, denselben lebensfähig zu gestalten, d. h. das Bestehen desselben zu sichern. Bei einem Vereine, dessen Tendenz hauptsächlich in der Ausführung und Bewältiznng irgend welcher gemeinsamen Arbeit gipfelt, ist es selbstverständlich nölbig, die Erstarkung des Unternehmens durch die Herbeiziehung einer möglichst großen Mitgliederanzabl zu bewerkstelligen — bei einer solchen Bestrebung jedoch, bei welcher ein Zusammenwirken möglichst vieler Personen nicht Hauptbedingung ist oder aus anderen, wie immer Namen habenden Urfachen, nickr vorausgesetzt werden kann und muss, wie z. B. bei Gründung eines Pensionssondes, liegt der Schwerpunkt der Arbeit lediglich in der Herbeisckafsuug jener Mittel, die uns Allen unter, der Bezeichnung ,,Geld" bekannt sind- Wenngleich nun der öfterr.-Ungar. Cantoren-Vercin nach den beiden vezeichneten Richtungen hin zu wirken verpstichtet wäre, so erscheint durch das. leider zu bekannte, unbegreifliche Vorgehen einiger Cantoren der Monarchie das Ideal einer Zusammengehörigkeit jüdischer Cantoren, in des Wortes edelster Bedeutung, wenn auch nicht vollständig vernichtet, doch in uuberechenbarer Ferne entrückt und wir haben deshalb unser Hauptauzenmcrk aus den zweiten Tbeil unserer obigen Klarlegung l b. h. aus die Beschaffung materieller Mittel zur Gründung eines Pensionssondes zu richten. Wenn es nun weiters die Aufgabe einiger Vereinsmitglieder zu sein schien, die Vercinsbestrebungen in ethischer Beziehung zu stören, so müssen wir leider gestehen, dass die Absichten jener Herren insoweit von Erfolg waren, als dieselben einen Miston innerhalb des bereits zur besten Harmonie gestimmten Vereinslebens bervorriesen, und dies, weil sie nicht nach dem Wortlaute des diesmaligen Wochenabschnittes ,איש אהד איש אחד למטה ,Jeder wie ein Mann für die heilige Sache wirkten׳ — vielmehr eine andere Stelle desselben Abschnittes als Devise ans ihre Fahne schrieben, und zwar die Stelle, יבל נשיא בהם jeder wollte Regentjeder Fürst und Befehlshaber sein, obne den Nachweis zu liefern, je etwas zur Erstarkung des Vereines beigetragen zu haben. — W i r jedoch müssen. Vorwürfe anhörcn, öffentlich der Ehrsucht und Vergewaltigung geziehen werden, ohne dass wir jemals einen persönlichen Zweck angestrebt hätten oder anstreben wollten. Mit.Aufopferung selbst der Spanne Zeit, die uns nach Ausübung unseres schweren und anstrengenden Berufes übrig bleibt, arbeiten wir — etwa für persönliche Zwecke? — Wohlan, möge Jedermann öffentlich gegen uns zeugen und uns die angedeuteten unlauteren Absichten Nachweisen! Wenn jene College«, um nur den Schein für ihr ungerechtferligtes und unberechtigtes Vorgehen zu retten, jetzt hinterher den Nachweis liefern wollen, wie Vieles sie hätten thnn könne n, falls der Vorstand unseres Vereines sich zu Handlangern ihrer Utopien hätte hingeben wollen, so sind das nichts anders als äußerst billige Nothbehelse, mit denen Unmündige oder in der Sachlage Uneingeweihte vielleicht befriedigt werden können; — bei uns verfängt das nicht — uns kann man nicht mit den Taufen¬ Eine vkrlajskNk Synagoge. Es gibt wohl viele jüdische Gemeinden, die keinen Tempel besitzen, so-namentlich in zahlreichen Städten des Königreichs Sachsen, woselbst ehemals, ja. dis vor kurzer Zeit, noch kein Jude sich aushalten durfte, ist die Anzahl der israel. Mitbürger in jüngster Zeit zn einer ziemlich bedeutenden Höhe Heraugewachsen, ohne dass Jemand die Initiative ergreifen möchte, die erforderlichen unentbehrlichsten Institutwnen des Zudenthums in'S Leben zu rufen, oder zu einer Gemeiude sich zu coustituiren. Dass aber iu einer Stadt, in welcher zur Zeit kein einziger jüdischer Einwohner mehr existirt, eine große, schöne Synagoge zum Himmel emporragt — Las klingt fast unglaublich; und doch ist es wahr! wie der freundliche Leser aus meiner Schilderung bald erfahren wird. In der Nähe deS weltberühmten Spreewaldes, wenige Meilen von Cottbus entfernt, liegt das Städtchen Friedland, woselbst vor nicht allzulan.^er Zeit eine ansehnliche israelitische Gemeinde blühte, die außer ihren Cantor rc. sogar einen Rabbiner gut besoldete und sämmtliche Institutionen, wie rituelles Badehaus, בית עולם u. s. w: befass und in musterhafter Weise verwaltete. Aus derselben Stelle, wo jetzt der verlaffene Gottestempel steht, befand sich früher das altehrwürdige Bethaus, das jedoch vor circa 32 Jahren durch Feuersbrunst gänzlich zerstört und gleich darauf, wie ein Pvöuix aus der Asche, in verjüngter Pracht im Style der Frankfurter Synagoge neu erstand. Schon damals begann die allmälige Zerstreuung der dortigen israelitischen Gemeinde, bis zuletzt sämmtliche jüdische Einwohner aus Friedland gänzlich wegzogen ויפץ ה׳ אותם משם על פני כל הארץ. Gegenwärtig steht das würdige Gotteshaus einsam und verlasten da, ohne jemals von seinen früheren Verehrern in feierlichernster Stimmung andachtsvoll und Erbauung suchend begrüßt zu werden. Ja, der Anblick dieser Gott geweihten,. jetzt öden und leeren Stätte, in deren Räumen sein heiliger Name in frommen Chören so oft verherrlicht und angebetet ward — machte aus uns einen tief erschütternden Eindruck und hat in uns. die wehmüthigsteu Gefühle wachgerusen! Das Gemeindehaus, welches einst von den israelitischen Cullusbeamten bewohnt wurde, ist an Nichtjuden vermiethet; das rituelle Bad ist halb verwüstet und verschüttet, כי סתמום פלישתים וימלאום עפר. — In tiefe Trauer gehüllt, blickt der Friedhof in stiller Resignation zum H.mmel empor; nur höchst selten werden die hier Schlummernden durch den Besuch von Angehörigen, die meist aus weiter Ferne dorthin wallfahrten müssen, aus ihrer ewigen Ruhe gestört. Noch seltener kommt es vor, dass auf jenem Gottesacker einem; Heimgegangenen Erdenpilger eine Ruhestätte bereitet wird. Dies geschieht nur daun, wenn in Lieberose Jemand stirbt. Lieberose liegt nämlich in der Nähe von Friedland und die daselbst. wohnenden vier jüdischen Familien gehörten vormals der Frtedlander Gemeinde als Filialnntglieder an; jetzt bilden diese vier Familien die eigentliche Corporation und bestehen (zu gleicher Zeit) aus: Vorstehern, Repräsentanten und Gemeinde-Mitgliedern. Nur während der hohen Festtage findet in Lieberose öffentlicher Gottesdienst statt, bei welcher Gelegenheit die nöthigen Thbrarollen aus der Synagoge zu Friedland herbeigeholt werden, sonst stehen auch diese das ganze Jahr über unbenützt im Allerheiligsten. Ob dereinst nach Friedland Juden noch hinziehen, eine Gemeinde bilden und die alten heiligen Institutionen wieder aufri'chten und neu beleben werden — wer kann das wissen? A. Aadeck, Cottbus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.