Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 10 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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- 7׳ — Könitz, 7. März. Im Neustettiner Synagogen-Prozesse fällten die Geschworenen betreffs aller Angeklagten ein freisprechendes Nrtheil und verfügte der Gerichtshof die sofortige Entlassung aus der Haft. Weustetlin- 9. März. ,Gestern Ab-nds um halb 10 Uhr kam hier die Familie Heidemann an, welche im Prozesse über den Synagogenbrand angeklagt war. Die Familie Heidemann fuhr vom Bahn- Hofe per Wagen in das ,Hotel Mund'. Auf dem Wege zur Stadt wurde die angekommene Familie vom Pöbel unter unaufhörliches Schreien: ״Juden hinaus!" belästigt. Auf dem Marktplatze wurde der Wagen vom Pöbel angehalten, mit Stöcken und Steinen wurden die Fenster des Omnibus zertrümmert. Um 7 Uhr Abends begann der Pöbel die Judenhäuser zu bombadiren. Die Familie des Gemeindevorstandes Löwe war in großen Aengsten, denn das Gesindel erbrach die Corridor-Thür ihrer Wohnung, fand aber an der Stubenthür Widerstand; ein fünfmaliger Versuch, die Thür zu erbrechen, mißlang. Der Bürgermeister forderte am Hotel Mund den Gemeindevorsteher Löwe aus, auszusteigen, was Dieser im Hinblick auf die Lebensgefahr verweigerte. Der Omnibus hielt dann bei der Wohnung Heidemann's. Mit Hilfe eines Gendarmen flüchtete sich Löwe in's Haus. Der hilflose Greis Heidemann aber wurde niedergeschlagen und blieb wie tobt liegen; später wurde er wieder mühsam zum Bewußtsein gebracht. Der Pöbel erbrach das Haus von rückwärts und versuchte einzudringen. Den Heidemann's gelang es, zu dem Nachbar Sirpens zu flüchten. Ihre Wohnung, selbst die Treppe wurde demolirt bei den israelitischen Zeugen Lehmann, Freundlich und Roseuberg wurden die Läden und Wohnungen theils erbrochen, theils zu erbrechen versucht. Zeuge Freundlich ist erheblich verletzt. Die Wunden mußten vom Arzt verbunden und zugenäht werden. Der jüdische Arzt und seine Familie mußten flüchten. Lesheim's Wohnung ist gänzlich demolirt. In Mund's Hotel wurden christliche Reisende, mit den scandalösen Vorgängen nicht einverstanden, mißhandelt. Nur sechs Polizeileute waren anwesend. Der Scandal dauerte bis lange nach Mitternacht. Von irgend welchen Sicherheitsmaßregeln verlautet nichts. ZLertm, 14. März. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses gab auf die Interpellation Zelle betreffs der Neustettiner Excesse der Minister v. Pnttkamer folgende Auskunft: Obgleich das Konitzer Urtheil schon Freitag war, fanden an diesem Tage keine Unruhen statt. Erft Samstag den 8. d. M., Abends, als die Freigesprochenen im Omnibus zurückkehrten, wurden ans dem von dem Juden Flater bewohnten Hause Steine auf die schaulustige Menge vor dem Martin'schen Locale geworfen. So wenigstens lauten die actenmäßigen, wenn auch nicht beeidigten Berichte. Dann wurde allerdings der Omnibus angehalten, aber keinem Insassen ein Haar gekrümmt, nur die Fenster des Wagens wurden zerbrochen; vielmehr wurden die Insassen von dem Bürgermeister in Sicherheit nach Hause geleitet. Ob jene Steinwürfe wirklich erfolgt sind, darüber müsse sich Redner eines Urtheils enthalten, jedenfalls stand die Menge unter einem solchen Eindrücke. Noch in der Nacht sammelte der Landrath alle neun Gendarmen der Gegend, außerdem einige Schutzleute der Stadt; ferner wurden für Sonntag alle Schankwirthschaften geschlossen. Trotzdem rottete sich die Menge Abends zusammen, zertrümmerte viele Fenster jüdischer Wohnungen, drang bei dem Kaufmann Freundlich ein, stürzte die Tagescasse um und leerte deren Inhalt aus, dann drang sie bei Löwe in die Wohnung ein. Die Menge wurde von der Polizei zerstreut und theilweise verhaftet. Hieraus sei mit seiner Genehmigung Militär nach Neustettin zusammengezogen worden und werde dort bis nächsten Sonntag noch bleiben. Sein Eindruck sei, dass die Vorgänge von der Presse übertrieben und aufgebauscht wurden. Er protestire auch gegen jede Verdächtigung der Behörden. Die Vorfälle seien sehr bedauerlich, aber die Regierung habe ihre Pflicht gethan, hätte die Regierung schon vorher die Schutzmacht aufgeboten, so wären die Gemüther noch mehr erbittert worden. Für die Wahrscheinlichkeit, dass aus Judenhäusern Steine fielen, spreche auch der Umstand, dass am zweiten Tage unzweifelhaft aus Judenhäusern Steinwürfe kamen. Jedenfalls hätten die Vorgänge, ob provocirt oder nicht, nicht die ihnen zugeschriebene Tragweite. KypSkN. Die russischen Flüchtlinge, welche in Latakia eine Colonie gegründet, daselbst aber nicht existiren konnten, übersiedelten nach der Insel Cypern, wo ihnen von der Regierung ein großes Terrain zur Bebauung überwiesen wurde. Zu unserem Bedauern vernehmen wir jetzt, dass diese Unglücklichen einen schlechten Tausch gemacht haben. Das Klima in dem von ihnen bebauten Lande ist so schlecht, dass in einer Woche 56 Ansiedler, also ein Drittel aller Mitglieder, am Fieber erkrankten und mehrere an demselben starben. Wenn die Colonisten diesem für Russen unerträglichen Klima nicht entzogen werden, so werden alle bald des Todes sein, sie haben sich an das Londoner Comite um schleunige Anweisung eines gesünderen Terrains gewandt. Man hofft, dass dieses Comit6 einen Theil der ihm noch zur Verfügung stehenden Summen zur Rettung dieser Unglücklichen verwenden werde. Aez (Afrika). Die Gemeinde befindet.sich in furchtbarer Aufregung. Auf Befehl des Sultans muss diese die Gebeine zahlreicher Generationen von einem Friedhof, auf den anderen verlegen. Dieses muss vor Ablauf eines Monats, als die vom Sultan anberaumte Zeitfrist, beendet sein. Der Friedhof auf welchem die Gemeinde seit 400 Jahren ihre Todten begräbt, beträgt 300 Meter Länge und 250 Meter Breite; der neue Friedhof ist eben so groß als der frühere, aber der Boden ist niedrig gelegen und sumpfig. Um einen Todten zu begraben, muss man, anstatt zu graben, einen zwei Meter hohen Aufbau errichten. Tausende von Menschen sind bei dieser Ausgrabungsarbeit beschäftigt; Reiche, Arme, ein Jeder ist dabei betheiligt. An den Tagen, wo man die Ueberreste der Rabbinen überträgt, sind die Läden geschlossen, die ganze Bevölkerung fastet und trauert. Man hört im ganzen Viertel nichts als weinen und klagen- Diese Vorgänge wiederholen sich dreimal wöchentlich. Gründungs- und Vereinsbeitrage. Ab. Löwy, Wallisgrün, vierteljährigen Beitrag; I. Evstein, Proßnitz, halbjährigen Beitrag; S. Hirsch, Favoriten, halbjährigen Beitrag; S. Gütig, Kladno, Gründungs-Beitrag und vierteljährigen Beitrag; Fr. Judenstein, Mnissek, vierteljährigen Beitrag; I. Blum, Troppau, vierteljährigen Beitrag; Rud. Kohn, Kobersdorf, halbjährigen Beitrag; Gabr. Rosenfeld, llngereiden, vierteljährigen Beitrag: H. Lemberger, Kutten plan, halbjährigen Beitrag; S. Schwärzkopf, Tachau, 1 fl. 50 kr.; Simon Nußbaum, Holleschau, ganzjährigen Beitrag. A. Fischer, Vercinscassier. Corresponderrz der Nedactiorr. College׳.: Kr. in Kl., R. in Saud. (Galiz.), Pr. in L-, N. in St., P. Gin Br., Gr. in L., Ai. in N-, S. in T>, יי)!, in O., D. in Sz-, R. in Tr., N. in M.-K., Kr. in Ber., bestätigen dankend die eingesandten IBelräge. Gruss. — H. in Kopr. Ihren eingesandren Betrag haben wir ans Ihren Rückstand pro 1883 gutgeschrieben. M. in N. Wollen Sie BewußreS in Quadranchrifr einsenden. Gruß. T. in M. Wir bewilligen Ihnen den Rückstand in 3 Raten zu bezahlen. Gin Rik. Wir danken herzlichst für Ihre 0׳ warme Theilnahme. Wir bitten Sie nur im Interesse der Sache dafür zu sorgen, dass unser Fachblart von allen Collegen in Ihrer Rachbarschatt abonnirr werde, da ohnehin der Pränumerationsbetraz ermäßigt ist. Die Red,Mion.