Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 41 (5.12.1883)
- Date
- 1883-12-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 gelangen? Wir können dies für Wien und vielleicht noch für einige größere Gemeinde» bejahen, denn hier leben Rabbiner und Cantor seit jeher in Frieden und stärken durch gegenseitige Achtung ihr eigenes Ansehen in der Gemeinde. Und gerade in Wien, wo Männer, deren Namen in der Gelehrtenwelt einen solch' Hellen Klang besitzen, wie der eines Jellinek und Güdemann Rabbinerposten bekleiden, gerade hier stört kein Mißton das Verhältnis zwischen jCantor und Prediger, während in kleineren Gemeinden und von unbedeutenderen Männern fortwährend kriegerische Melodien angestimmt werden, Herausforderungen über Herausforderungen gegen das Cantorat ergehen und alles dies vielleicht nur, um die eigene Unfähigkeit und Unbedeutendheit zu verbergen. Die Gemeinde will vielleicht einen Mann von Bedeutung als Rabbiner haben, und wie kann man leichter Bedeutung sich verschaffen, als, indem man Andere herabsetzt und verunglimpft. Dabei kann man ja auch den Fortschrittsfreund spielen und in einem Athem damit den Zndifferentismus, der immer weitere Kreise zieht, beklagen. Dass aber gerade dies Vorgehen es ist, welches den Zndifferentismus, wenn nicht hervorruft, so doch wenigstens nährt und fördert, bedenkt man dabei nicht. Ist man ja doch von seiner eigenen Unfehlbarkeit auf's Tiefste überzeugt und will daher auch nicht zugeben, dass man sich aus einem Holzwege befindet. Za sogar das einzige Bindemittel, welches, wenn auch mit einem losen, so doch auch mit einem genug starken Bande, alle Juden auf dem ganzen Erdbälle zusammenhält, unsere heilige Sprache, sucht man allmälig aus dem Gottesdienste zu verdrän׳ gen. Man beruft sich dabei darauf, dass den Meisten die Kenntnis derselben abhanden gekommen sei. Wen aber trifft dieser Vorwurf mehr, als jenes Rabbinerthum? Wenn es mit verschränkten Armen dem immer mehr erkaltenden Eifer für das hebräische Studium zusieht, so mag der Vorwurf, der es trifft, noch ein gelinder sein; wenn es aber selbst schon mit Versuchen auftritt, dasselbe auch aus dem Gottesdienste, seiner letzten Zufinchtsstätte, zu verdrängen, dann verdient es den allerherbften Vorwurf, den Vorwurf der Pflichtvergeffenheit und Pietätlosigkeit. Der Rabbiner erfülle seine lehrende Mission, er trete ein für die Verbreitung der Bildung, für die Stärkung des religiöfen Gefühles, und hiefür bat er aus der Kanzel die schönste Gelegenheit, aber er versuche ja nicht, frevelhaft Hand zu legen an das größte Heiligthum eines jeden Zuden, an die Sprache unserer heiligen Schrift. Die Wunde, die wir hier offenzulegen versucht haben, ist eine tief in's Fleisch gehende, aber wir verzweifeln an ihre Heilung nicht. In immer weiteren Kreisen muß sich am End^ doch die Ueberzeugung Bahn brechen, wie unfruchtbar, ja soga^ Verderb lich die fortwährenden Reibungen und Competenzüber. schreitungen sind. Vielleicht ist der Tag nicht ferne, wo wir mit Freude und Genugthuung Einigkeit und Friede werden constatiren können, wie wir heute, zu unserem Bedauern, Zwietracht und Unfrieden constatiren mußten. Eine Rundschau. Ein eizenthümliches Gefühl bemächtigt sich meiner, so oft ich einen, mit dem Gepräge ewigen Weltschmerzes durchtränkten Artikel, deren die ,Cant.-Ztg.* uns von Zeit zu Zeit liefert, zu Gesicht bekomme; meine Neugierde, meine rege Theilnahme, mit welcher ich alle das Cantorenthum tangirenden Angelegenheiten und folglich auch die schöpferischen Zdecn unserer Schöngeister verfolge, stumpfen augenscheinlich ab, oder machen nicht selten einer argen Enttäuschung Platz, noch ehe ich diesen oder jenen Artikel zu Ende gelesen. Zch wage es selbstverständlich, nicht, ein Gleiches von anderen Lesern vorauszusetzen, bin auch zu wenig Stimmungsprophet, die Geschmacksrichtung ungleichartiger Individuen nach einem Maßstabe festzuftetten — im Allgemeineu aber dürfte es Vielen gleich mir ergehen. — Wen trifft ein Vorwurf? Die Nedaction? Bewahre! Er trifft vielmehr uns, beziehungsweise die Mitarbeiter par excellence. Erstere, als gewissenhafter Interpret aller fachlich einschlägigen Fragen, thut nichts als ihre reöactionelle Pflicht, indem sie dem Begehren irgend eines schriftstellernden Collegen willig Raum und Ausdruck gibt. Letztere hingegen — will sagen Einige derselben — und gerade Jene, welche den Weg der Oeffentlichkeit öfter denn nöthig, betreten, gefallen sich in einer Art platonischer Weltweisheit die, wenngleich in breitspurigen Zügen entworfen, dennoch eine gähnende Leere, ein unqualifieirbares Etwas verficht. Hallen wir ein wenig Umschau. Hier ringt ein College jammernd die Hände und macht seinem tiefempfundenen Schmerz in spalrenlangen Episteln Luft, als sehe er schon in nächster Bälde seinen präsumtiven Amtsnachfolger in leibhaftiger Gestalt als Zögling der ersten österreichischen Cantorenschule hervorgehen. Darob große Bestürzung und heilloser Lärm in Böhmen, ein ausgiebiger Controversenregen in Ungarn, worein secundirend sogar ein anderer stiller Leser wacker miteinstimmt. Hierauf kommt ein anderer College, durchforscht mit Kennerblicken das endlose Gebiet des Talmud und, nicht zufrieden damit, wühlt er unbarmherzig in den sagenreichen Compendien der Midraschim, ja sogar die bekanntesten Größen der uachtalmudischen Äera nimmt er zu Hilfe und erbringt dir durch eine Unzahl rabbinischer Sentenzen den unwiderleglichsten Beweis, dass all' des Contors Leid und Freud einzig und allein im Trifolium des tkyo, schworim, tryo seinen Sitz habe oder er beweist es dir durch ebenso viele trefflichere Kernsprüche, dass du in Ermangelung der Tugenden eines jore schomaym, eines jodea sefor, eines musikalischen Genies und in Ermanglung einer wohlgeschulten, klangreichen Stimme, du nichts anderes als ein wunderlieblicher Drvng bist. Zu dieser folgenschweren und allenfalls nicht ungerechtfertigten Kenntnis gelangst du erst dann, lieber Leser, wenn du es je gelernt hast, zwischen den Zeilen zu lesen, denn das Conzepr selbst ist eine diplomatische Gedankenvertuschung, ein formvollendeter Irrgarten, strotzend von köstlichen Stilblüten,, ein sinnberückender Bau, allwo man, einmal hineingerathen, stillhaltend fragt: wo aus und wo ein? Ein anderer wieder ist mit Tendenz und Inhalt der Cantorenzeilung nicht zufrieden. Es ist von jeher leichter, ein Kritiker denn ein Verfasser zu sein; es gehört eine totale Unkenntnis des Fachblattwesens dazu, wenn man die Wirkungssphäre eines für einen.beschränkten Leser- J kreis eines Blattes mit den weitverbreiteten anderen Zeitschriften, gleichviel welcher Tendenz, in Einem arrangirt. Es würde über den Raum dieses Aussatzes hinausreichen, wollte ich dieses undankbare Thema ad at>8urdum beleuchten. Seit 2 Jahren ruft eine, allen Collegen wohlbekannte Stimme: Vorwärts Bruders Vorwärts hallt es aus hundert Busen wieder! Ja, wir wollen׳vorwärtsschreiten, heißt es allüberall. Doch wie? Darüber schaut ׳verblüfft Einer den Anderen an. Nicht dass wir der praktischen Winke, der wohlmeinenden Rathschläge entrathen, es wäre höchst ungerecht, wollten wir die daraus gereiften Früchte danklos hinnehmen, allein wir müssen zunächst eine tüchtige Dosis wüsten Zeuges verschlucken, bevor wir ein Körnlein gesnnder Ansicht daraus holen. Und nun ״ein Wort am OrtV .