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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-09-24 · Heft 33 (24.9.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 33 (24.9.1883)
Date
1883-09-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gesangmeistt'r und LeliMcthsdrn. z (Schluß.)! Zwischen jener Studienzeit und der Errichtung der Singschu.e, sowie dem Ruhme eines ausgezeichneten Gesangleorers und Componisten, liegen viele dunkle Jahre schwerster Kämpfe mit dem Leben. Vielleicht haben wenige Musiker der Welt sich so ,durch Nacht zum Licht' durchgcrungen, wie der Schüler deS gelehrten Homilius in 'Dresden, Johann Hillcr, der arme Leipziger Student, der die Vorlesungen Gottsched's und Gellert's besuchte, in seinem kalten Dachkämmerchen mit erstarrten Händen Flöte spielte und bei einem elenden Lämpchen Nächte lang Opernpartituren abschrieb. Der erste Theil von Hiller's Buch über die Kunst des Gelanges ist dem Churfürsten Friedrich August gewidmet und beginnt mit den naiven Worten: ״Jedermann singt und der größte Theil singt-schlecht.' Er fährt dann fort: .Die Ursache aber des schlechten Gesanges der deutschen suche man aber in nichts anderem, als darin, daß man ihn nicht genug und nicht gehörig studirt. Denn Genie zur Musik überhaupt, Anlage zum Gesang, d i. Stimme, Biegsamkeit der Kehle, Einsicht und ׳ Gefühl wird man ihnen doch nicht absprechen wollen. Die Italiener lassen sogar unseren deutschen Componisten alle Gerechtigkeit widerfahren und schätzen sie nicht allein den ihrigen gleich, sondern ziehen sie ihnen öfters vor. Aber im Gesänge freilich stehen die Deutschen hinter den Italienern noch sehr zurück. Als Dr. Burney auf seiner Reise durch Deutschland nach Leipzig kam, wunderte er sich, daß er so wenig gute Sänger unter den Deutschen fände, da er doch gehört hätte, daß in allen großen und kleinen Städten Singscbulen wären, — die italienischen Singschulen schwebten ihm immer noch in den Gedanken, aber diese in Deutschland zu suchen, war wohl ein Jrrlhum,! unsere lateinischen Stadtschulen, in welchen man freilich auch singen lernen soll, sind von ihnen sehr verschieden. Aber warum vernachlässigt man den Gesangunterrickt so? Er wird nickt be- I zahlt. . .O meine Freunde', ruft der brave Cantor aus, wenn wir in der Welt nichts weiter thun wollen, als was bezahlt j wird, so sind wir ihr sehr wenig nütze gewesen. Wer sich damit der Arbeit zu entziehen-sucht, der cklage nicht, daß sein Amt schlecht ist, er verdient nicht einmal ein schlechteres. Die Kunst, musikalisch schön zu singen, setzt vier Dinge voraus: 1. Eine gute Stimme zu haben und mit derselben eine reine und deutliche Anssprache zu verbinden. 2. Die Noten und alle durch dieselben vorgeschriebenen Intervallen genau und richtig anzustimmen, oder wie man sagt, zu treffen. 3. Jede Note nach ihrer verschiedenen Geltung in der ihr zukommenden Däner der Zeit vorzulragen, das ist: tactrich tig zu sein. 4. Dem Gesänge den gehörigen Nachdruck und alle Zierlichkeir, deren er fähig ist, zu geben. Hiller spricht auch in seiner Gesangschule das gewichtige Wort von der Bildung des Sängers aus. und stimmt somit seinem italienischen Collegen bei. »Gewiß ist', sagt er, »daß ein! Sänger, der seinen Text nicht mit Verstand liest, ihn auch nicht mit Verstand singen kann. Bildung ist für den Sänger nicht minder wichtig, als die Ausbildung der Stimme selbst.' Zu den berühmtesten Singmeistern, den Vorläufern - des genannten Man ein i, zählt man den schon erwähnten Pistocchi, so wie Campeggio in Bologna, Binio in Mailand, Peli in Modena, Nodi in Florenz, Amadori in Nom, Nicolo Porpora, Leonardo Leo und Francesco Feo zu Neapel. In Deutschland war es der gelehrte Freund Häudel's, Johann Mattheson, der in dem Rufe eines bedeutenden Singmeisters stand, so wie der große Theoretiker Friedrich Wilhelm Marpurg, 1718 zu Seehausen!'geboren. Er war es, der den bekannten Ausspruch that: »Der Lehrmeister des. Gesanges braucht kein Virtuos erster Größe zu sein, doch ist es durchaus nöthig, daß er eine reine und sichere Intonation/ eine richtige Aussprache und eine gehörige Einsicht Tongabel und Tonpfeife. Eine Studie von Leopold Stern, Cantor in Fünfhaus. (Schluß.) Da lobe ich mir hingegen die Tonpfeife. Die tritt charaktervoll und selbstbewußt auf. Schlage sie, wie Du willst, sie setzt Dir paffiven Widerstand entgegen, sie schweigt. Dies Schweigen ist aber sehr beredt, es sagt Dir: »Wenn Du haben willst, daß ich töne, so darfst Du mich nicht wie meine Collegin, die Tongabel, anschlagen, Du mußt mich vielmehr an Deine Lippen drücken. Man schlägt wohl 'aus mannigfachen Ursachen: das Kind aus Liebe, den Feind aus Haß; man kann den Einen zum Krüppel, den Andern zum Ritter schlagen, aber zum Sänger wurde noch Niemand geschlagen. . Wen die Musen küßten, den drücke, wie mich, an Deine Lippen, dem bereite ein sorgenfreies, heiteres Dasein, denn nur das ist der Schlüffel, welcher den Gemüthssaiten des Sängers die richtige Stimmung gibt.' Diese Worte richtete sie an die Gemeinde. Aber auch dem Cantor gibt sie ebenso das Signal zu einem raschen »Vorwärts!' auf der F o rt s ch r i t t s b a h n, wie ihre Collegin, die D am psp seife auf der Eisenbahn. Und daß sie beide dieses gemeinsame Ziel anstreben, wer wollte dies bei der jetzigen politischen Strömung bezweifeln? Sind sie doch sowohl in der Race als auch in Sprache verwandt — beide pfeifen sie. Was sie pfeifen, offen gestanden, ich verstehe es nicht. Ist dies aber auch nöthig? Muß denn jeder Cantor Verftä ndniß für das Pfeifen haben? Daß sie aber nichts Schlechtes von den Cantoren pfeife, kann ich mit Gewißheit sagen. Denn unter der Pfeifenrace haben die Cantoren keinen Feind als die — S a ckpfeife. Diese wird gar oft den gefiederten Sängern gefährlich, die ihren Syrenen-Rufen auf den Leim gehen. Und da es unter unseren Bernfsgenoffen so manche lose Vögel gibt —denn welcher Stand hat solche nicht? —: so dürste dieser warnende Wink nichts schaden. Daß aber die Tonpfeife unsere beste Freundin ist, dafür spricht folgende Betrachtung, die sie auf einem Bahnhofe, wohin sie ein gedrückrer Staudesgenosse gelegentlich eines Ausfluges nahm, unter dem Eindrücke der lauten Thätigkeit ihrer Collegin von der Loeomo- - tive, machte und die ich hiemit getreulich mittheile.- Ob sie so gedacht, ich kann es nicht beschwören. Man wird es aber hoffentlich nicht darauf ankommen lassen, da es ja die Wahrscheinlichkeit für sich hat, weil ich die Gesinnungen der Freunde zu errathen pflege. »Was die Locomotive hier,' begann die Tonpfeife zu raisonnircn, »das leistet doch sicher mein Chef, der Cantor, im Tempel. Dort ist er die bewegende Kraft, dort führt er Alle der Andacht zu und trägt sie auf den Fittigen der Andacht gegen Himmel, eine Strecke, wie sie noch keine Locomotive zurücklegte-; und würde er so ächzen, krächzen und kräuschen wie die Locomotive, er hätte keinen einzigen Passagier, sie ließen ihn ganz allein gegen Himmel fahren, was, in die Profane Sprache übersetzt, heißen würde, zum Teufel fahren. Der Cantor muß vielmehr, um die Mitreisenden

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