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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-06-20 · Heft 21 (20.6.1883) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 21 (20.6.1883)
Date
1883-06-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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und als solche werden ja die Christen in allen rabbiniscken Schriften nicht erklärt. Der Prophet Ezechiel machte nämlich seinen jüdischen Zeitgenossen einmal den Vorwurf, daß sie Heidnifche Sitten nachahmten und entgegengesetzt, daß sie solche nicht übten. Diesen Widerspruch erklärt der Talmud (Sanhedrin) dahin, Laß sie sich die unvernünftigen Sitten angceignet, die vernünstigen aber unterließen. Der ,Nemo' sagt׳ausdrücklich: .Was zu einem guten Zwecke לתועלת oder zu Würde לכבול oder aus einem anderen vernünftigen Grunde geschieht, das ist gestattet.' Und ein sehr orthodoxer -Rabbiner des Mittelalters scheute sich sogar nicht öffentlich zu lehren: .Wir Juden sollten,' was das anständige Betragen im Gotteshause betrifft/uns die Christen zum Muster und Vorbilde nehmen.' Kann also, dies Alles wohl erwogen, bei der Orgel noch von ״cKukkot hagoiim“ die Rede sein? Wohin auch würden wir kommen, wenn wir Alles und Jedes abweisen wollten, was nicht ursprünglich jüdisch war? Hat man nicht seiner Zeit, in Synagoge- und Schule, das deutsche Wort ebenso verpönt und in die Acht gethan, und bedienen sich desselben unsere orthodoxen Brüder nicht in der ausgedehntesten Weise? Hat doch der FortschriNsgedanke auch unter ihnen, schon solche Wurzeln gefaßt, daß sie einen verwaisten Nabbinatsstuhl in Galizien . mir einem D o c t o r. N a b b i ne r besetzen wollen. Haben nicht einst die größten rabbinischen Autoritäteu mit Acht und Bann das Studium nichtsüdischer Wissenschaft belegt, und lassen nicht jetzt orthodoxe Väter ihre Söhne Gymnasium und Universität besuchen? Daun trage ich weiter: Hat nicht das Chriftenthum so Vieles und Treffliches aus dem Judenthnme ausgenommen, und uns sollte es verboten sein, aus den! nichtisraelitischeil Bethause Ltufzunehmen, was,, bei uns Andacht und erbauliche Stimmung fördern kann? Das Chriftenthum ist aus dem Judenthnme her׳ vorgegangen.- Die Nelizionsurkunden Israels sind, wie den Juden, auch den Christen heilig. Die aUtcstamentlichen Bücher, Prodücte jüdischen Geistes, gehören der Christenheit ebenfalls zum Bibel-Canon. Das Heranwachsende Geschlecht der christlichen Nation Europa's lernt die Geschichte Israels viel früher, als die seines eigenen Stammes; ja, die christliche Volksschule beschrankt ihren historischen-Unterricht fast nur aus Israels Lorzeü! Die christlichen Prediger wählen zu ihren Predigten gar häufig alttestamentliche Texte. In einem geistvollen Vorträge, welchen Ern ft Ncn a n an, 26. Mai in der ״Societe des etudes juives“ gehalten, sagte er u. A.: ,Ja, die Welt ist jüdisch geworden, als sie sich zu den Gesetzen des Rechtes, der Gleichheit und der Freiheit bekehrte. Und da diese großen Dinge in Erfüllung gegangen sind, können wir es mit Sicherheit sagen: Das Judenthum, welches in der Vergangenheit so viel geleistet hat, wird es auch noch in der Zukunft, es wird die Sache der Wahrheit, dis Sache des Liberalismus und des modernen Geistes vertreten. Die Propheten, das sind die wahren Gründer des Geistes der Gerechtigkeit in der Welt. , Indem er den modernen Geist bewahrt, rhm der Jude in Wahrheit nichts Anderes, als das Werk vollsühren, welchem er sich mehr als sonst jemand in der Vergangenheit gewidmet hat und — fügen wir hinzu — für welches er so viel erduldet hat! Die reine Neligion, mit einem Worte, diejenige, die die ganze Menschheit verbinden kann, wird die jüdische Neligion sein, befreit von den Schlacken, welche hiueinzemischt wurden. Ihre Bibel, meine Herren, ist das Buch Ler ganzen Menschheit, d. h. die Geschichte der Entwicklung des nationalen Fortschrittes und der religiösen Idee in der Menschheit.' £§ also nicht widersinnig, dis Orgel als eine nnstalthasre Nachahmung eines nichijüdischen Gebrauches zu bezeichnen? Und mit solcher beschränkten Anschauung, mit solcher Ueberängstlichkeit will man den modernen Geist verirrten, will man eine .Neligion der Zukunft' werden? Das ^Christentbnm hat aber noch mehr 'vom Judenthnme übernommen. Litaneien, Nesponsoricn, Necitative in der katholischen Kirche tragen unverkennbar den Stempel der Synagozengesangsweise; dieselben sind aus der griechischen Kirche in die katholische Herübergeuommell worden; ihr Ursprung zieht sich aber bis in d׳e uralte Synagoge, wohl bis in den Tempel-׳- und Levitengesang hinein. Sollten wir also nicht befugt sein, die wir der Welt einen Gott und die Bibel, die Gesetze des Rechtes, der Wahrbeit und Liebe, den Gesang, sowie die Gebetweise gegeben, aus dem nichtlsraelilischen Belhause, zur Hebung unseres Gottesdienstes, zur Bevölkerung der verödeten Stätten, ein so erhabenes Tonwerkzeng, wie die Orgel ist, die in der Fülle und dem Neichthum ihres Klangschatzes ihres Gleichen nicht wieder bat, herüber zu nehmen? Gerade die Musik ist, wie ich bereits in den früheren Artikeln nachgewiesen, bei den alten Israeliten zu hoher Äusblldung gelangt. Und solcher Anregung, welche die Kunst gewährt, um uns voui Sinnlichen zum Uebersinnlichen zu erheben, bedarf der Mensch. Wie schön deutet der Talmud das Thorawort über die Bestrafung Israels, ״weil Du nicht gedient hast dem Ewigen, Deinem Gotte, mit Freude", ״mit Freuden Gott dienen, geschieht du r ch den Ges ang.' Hierin ist die hohe Mission der Cantoren der Neuzeit' ausgesprochen! Wie sehr aber namenillch die ״Instrumentalmusik' zu religiöser Erhebung beiträgt, das finden wir nicht nur bei David, sondern auch bei den Propheten, indem E l isch a sprach: ״Hole mir einen Spieler! Und als der Spieler spielte, da kam über ihn die Kraft Gottes!' Ist nun die Anwendung von Musik beim Gottesdienst so wirksam und durch Beispiele unseres heiligen Altcrthums geboten, warum sollten wir dieselbe nicht anwenden? -Warum sollten wir nicht die Orgel ausnehmen, welche, in ihrem merkwürdigen Bane, so zu sagen, alle Instrumente in sich vereinigt und die zur Leitung und zur Heranbildung der Gemeinde für einen wechselseitigen Gesang so nützlich ist? Dr. Gr. (Fortsetzung folg!.) Eingkjendet. Tont comprendre, c’est tout pardounei*. Wer Alles begreift, ist auch leicht geneigt zuverzeihen, nach dem Ausspruche der Fr. v. Stael, was in der That ganz begründe: ist, wie ja auch wir einen ähnlichen Spruch besitzen, nämlich:אין ארם הוטא אא״כ נכנם׳ בו לולו שטות. Dies fiel mir ein, als ich Ihren so trefflichen Leitartikel in der vorletzten Nummer Ihres geschätzten Blattes las, und wie ich einmal Gelegenheit hatte, die Ouantität und Onalität des של״מ , wie auch das peridoische W e ch s elfieber der Gemeinde psychologisch zu erklären, so dürfte es auch'nicht schwer fallen, in analoger Weise den eigentlichen Grund der unliebsamen Erscheinung - zu finden, daß manche Vorsteher vis-a-vis dem Cantor gleichsam absicht-!ich durch unhöfliche Stylifirung des Coneurses ihre despotische und dictatorische Manier össeutlich antieipiren, und zwar Reslectanten gegenüber, die ihrer Botmäßigkeit noch gar nicht׳ unterworfen sind, wo, also bestenfalls nur der Acceplirte sich dies nolens volens gefallen lassen dürfte. — Meines Erachtens trägt daran hauptsächlich der fatale Umstand die Schuld, daß durch den überhandnehmenden Materialismus, durch׳ den allenthalben herrschenden crassen Mammonismus der religiöse Sinn verloren geht, das Bedürfniß nach göttesdienstlicher Befriedigung gar nicht aufkömmt. Die nächste logische Folge ist eine erschreckliche Maffenträgheit in Sachen, die ans das Gemeindewesen Bezug haben, da man seiner Nationalität und dem angestammten Glauben genug ״VJ ״״.. .,***?»#*

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