Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 14 (19.4.1883)
- Date
- 1883-04-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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der Leitung und den Fortschritten der angehörigen Zöglinge das ehrendste Zeugniß gab. Das zahlreiche Publicum spendete reichlichen Beifall. — Die Instituts-Vorsteherin, Frl. Amalie Thilo schloß den diesjährigen Cyclus von Vorlesungen, welche sie in Gemeinschaft mit den Herren Professoren Dr. S. Nascher, Robert Stern. Rieck und Hrn. Dr. Münzer erfolgreich veranstaltet und abgehalten hatte, mit einem Vortrage über Herder und Lessing unter lebhafter Beifalls- Aeußerung der zahlreich Versammelten ab. Lamuel, der blinde Geiger. Novelle von Alois Kulka. 5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.) Samuel hätte gewiß in dem stillen, aber deßhalb werthvolleren Beifall der Wenigen einen reichlichen Lohn für seine Mühe und sein Streben gefunden, doch auch der Beifall dieser sollte vorübergehen. Der erste Act der ״Rosalinda" war von Samuel in den Tagen seiner kräftigen Gesundheit und Heiterkeit geschrieben; mit der wachsenden Schwäche seines Körpers, der Zunahme der unruhigen Fieberstunden und zuletzt des verderblichen Augen- Übels, welches eine Herabstimmung der geistigen Kräfte in hohem Grade herbeirufen mußten, wich auch die poetische Begeisterung. Die Gluth der Phantasie erlosch, der krankhafte Zustand des-Körpers wie der Seele malte sich in den matten kränkelnden Melodien, den schwächeren harmonischen Wendüngen; ohne daß Samuel es ahnte, schlich sich die gänzliche Abspannung in seine Tonschöpfungen, die aufwallende Fieber- Hitze hielt er für Begeisterung, die ihn bedrückende Schwermuth für inniges Gefühl, die kraftlose monotone Verwebung geistloser Figuren und musikalischer Phrasen—für zartsinnige Leichtigkeit und so konnte demnach der zweite Act seiner Oper dem traurigen Schicksale des Ausgezischtwerdens von. Seite der lebhaften Römer, deren Langeweile sich endlich durch Gepolter und Pfeiffen Luft machte, nicht entgehen, und selbst seine Landsleute stimmten darin ein, mehr aus Zorn darüber, daß der schöne Tonbau des ersten Actes zu den ärmlich gewürfelten Steinklumpen des zweiten Actes niederstürzte und erleichterten so den immer schlagfertigen Zungen wälscher Beredsamkeit und satyrischer Witzeleien den Triumph über die deutsche Tonmuse. Es fehlte nicht viel, und der Vorhang hätte vor dem letzten Finale fallen müssen. Samuel, welcher den Erfolg seiner Oper, von. den mannigfaltigsten Gemüthsbewegungen erschüttert, draußen beim Portale abwartete, stürzte, als er das Gemenge von Zischlauten, das Pseiffen und Poltern vernahm, wie von Furien getrieben, durch die Gassen und Straßen nach seiner Wohnung und ohne die theilnehmenden Fragen seiner gutmüthigen alten Wohngeberin zu beantworten, warf er sich, da ihn die zur letzten Kraftanstrengung gezwungenen Beine nicht mehr zu tragen vermochten, auf seine Lagerstätte und weinte laut und bitterlich. Ein Fieberanfall heftigster Art raubte ihm die Besinnung. Die gute Alte kauerte neben ihm, trocknete ihm dann und wann den Schweiß von der Stirne und da er schwer ächzte und stöhnte, wagte sie es nicht, seine Lagerstätte zu verlassen. So durchwachte sie eine trübe Nacht, während welcher unser Samuel bewußtlos blieb. Erst als der Morgen zu grauen anfing, bat er mit matter Stimme nach einem Trunk frischen Wassers, um die brennende Trockenheit des Gaumens und Schlundes zu lindern. Als er den Durst gestillt hatte und ruhiger zu schlummern schien, trippelte die alte gute Rachel fort, um ihrem Geschäfte nachzugehen und ließ, so schwer es ihr auch fallen mochte, den Kranken allein, in der Hoffnung, auf dem Wege den Arzt zu begegnen, welcher dem unglücklichen Jüngling zu Hilfe eilen sollte. — Plötzlich erwachte Samuel, durch ein Klopfen an der Thüre seines Kämmerleins und hereintrat der Theaterdiener, der ihm die Partitur mit den Stimmen seiner Oper nebst einem Brief des Directors überbrachte und sich eilends nach einer leichten Verbeugung wieder entfernte. Samuel erhob sich vom Lager, so gut es gehen wollte und las, nachdem er mit zitternden Händen den Brief geöffnet hatte, den Inhalt desselben. In kurzen Worten schrieb ihm der Director, daß er nach einem solchen Fiasco, welches seine, wie seiner Sänger Ehre unmöglich fördern könne, die Oper zurückstellen müsse. Eine kleine Gratification legte er bei, die Samuel, trotz der stolzen Worte der Geringschätzung, in denen das Schreiben abgefaßt war, freudig in seine Tasche steckte. War ja doch dieses Bettelgeschenk nun sein ganzes Vermögen! Und so waren denn alle seine Hoffnungen zerronnen wie ein Nebelbild, wie ein Fata morgana. -- Verzweiflungsvoll rang er seine Hände, die sengende Hitze wich einem plötzlich eintretenden Froste, so daß ihm die Zähne klapperten und er sich nicht erwärmen konnte. Rachel hatte ihn verlassen, er war nicht im Stande, sich aufzuraffen und wenn er es auch vermocht hätte, wo war Holz oder ein wenig Reisig zu finden, um im Kamine ein kleines Feuer anzuzünden. Da durchzuckte ihn ein Gedanke, ein Gedanke der höchsten Schwermuth, über sein mißlungenes Musikwerk und alle seine Kräfte zusammennehmend, versuchte er sich mit Mühe zu erheben, was ihm endlich gelang. Aus Ueberresten beschriebenen Papieres fachte er ein kleines Feuer an und als er die Flamme aufflackern sah, lachte er vor Freude einem Wahnsinnigen gleich, riß die Partitur seiner ״Rosalinda" krampfhaft an sich und — schleuderte sie dann in den Kamin. Kauernd und mit stieren Augen sah er auf sein Werk, wie sich die Flamme eines Blattes nach dem andern bemächtigte. Mit verzerrten Mienen hohnlächelte er und wie im Jrrsinnstaumel rief er mit gebrochenen Worten, da der Frost ihn heftig schüttelte ״Fahre hin — du Werk schlafloser Nächte! — Der Schmerz gekränkter Liebe hat dich geboren, — an der Brust des folternden Kummers — hast Du gesaugt! — Elend und bittere Noth — haben Dich gepflegt, der wüthende Hunger hat Dich groß gezogen, während das Fieber sich entmarkt hat. Ha, ha, ha! — Wie schnell verraucht ihr Blätter, an denen ich tagelange saß, innig besorgt, daß Ihr güte Zeugenschaft von der — Größe meines Geistes geben werdet. — Ja, Ihr habt sie gegeben und — habt nun auch Euren — heißen Lohn dafür! — Ha, ha, ha!! Wie gierig die Flamme hascht, nach den Stellen, auf welchen — zerflossene Notenfiguren — Spuren darauf gefallener Thränen weisen. So hascht auch der Fluch der Hölle nach meinem Herzen, doch — es wird ihm nicht zum Opfer fallen; mitten im Sturm, in den höchsten Qualen, in dem wahnsinnigen Getöse — will ich — will ich — aufrecht stehen, wie eine — kräftige Eiche. — mich lachend umbrüllen und umsausen lassen, — zu meinem Gotte aufschauen,— nach einem milden Lichtsterne am Horizonte meines Grames blicken — in welchem