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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-04-19 · Heft 14 (19.4.1883) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 14 (19.4.1883)
Date
1883-04-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Die vier Linder der Hagadah. Die Hagadah, die wir an den ersten Abenden unseres Festes lesen, hat uns vier Classen von Kindern vorgeführt, von denen Jedes die Feier des Pessachfestes mit eigenen Augen ansieht und durch die Form der Frage seinen. Charakter offenbart. Diese vier Kindergattungen der Hagadah, wir treffen sie auch unter den Erwachsenen an. In vier Classen lassen sich die Menschen, die Israeliten insbesondere, eintheilen de- Züglich der Stellung, welche sie der Religion gegenüber einnehmen. I. Beginnen wir mit dem an dem Einfachen. Es ist derjenige, der über religiöse Dinge nicht viel forscht, grübelt und klügelt; wie es seine Vorfahren gemacht haben, macht er es auch, was Jene geglaubt haben, glaubt er auch. Wie er es von Jugend auf getrieben hat, so fährt er fort, Gott zu verehren. Dabei läßt er auch Andere auf ihre Weise die Religion üben. Er ist kein Fanatiker, der auf andere schmäht und schielt, wenn sie das Judenthum anders als er auffasfen und bethätigen. Er hält sich auch nicht darüber auf, wenn die Gemeinde, sei es im Gottesdienste, oder sonstwo eine Neuerung einführt, die ihm nicht ganz entspricht. Eristeinfach, harmlos, bescheiden, ruhig, still im Denken wie im Handeln. Und darum macht er stets einen guten Eindruck, selbst wenn er manchen abergläubischen Gedanken hegt, manchen sinnlosen Gebrauch ausübt. Von ihm kann man sagen רוח הברירה ורוח המקום ״ מחה הימניsowohl die Menschen, als auch Gott haben Gefallen an ihm", denn der Herr sieht auf das Herz, auf die gottgefällige Gesinnung und auch eine zwecklose Handlung, wenn sie nur Niemand schadet und in wohlgefälliger Absicht geübt wird, empfängt durch die fromme Gesinnung eine religiöse Weihe. II. Ihm gegenüber steht der חכם der Weise. Seine Frage ist nicht wegwerfend und blos verneinend, wie die des Roschoh, sondern kritisch; redlich und ehrlich will er nachforschen und sich belehren lassen über den Grund der religiösen Gebräuche, den Ursprung, die Glaubwürdigkeit der Glaubenslehren. Er will den religiösen Inhalt prüfen am Probirstein der Vernünft, das Haltbare sich aneignen und das Unechte verwerfen. Diese Art der Frömmigkeit ist freilich nicht Jedem gegeben, aber sie ist die weise, die vernünftige. Denn so wie es unter den Münzen manche gibt, welche fälschlich das Gepräge höheren Werthes zur Schau tragen, so gibt es auch unter den religiösen Dogmen und Formen welche, die fälschlich den Stempel der Religion tragen. So wie. das Wasser klar und krystallhell hervorsprudelt aus dem Erdreich, im Verlauf seiner Wanderung aber manche verunreinigende Elemente in sich aufnimmt, so haben auch die Religionen auf ihrer Wanderung durch die trüben, dunkeln Zeiten des Mittelalters manche trübe Stoffe in sich ausgenommen, von denen sie gereinigt werden müssen. Doch nicht leichtfertig verwirft der Weise das Hergebrachte; sondern erst nach genauer Prüfung, tiefem Nachdenken, reiflicher Erwägung: III. Anders verhält sich zur Religion der רשט der Frevler. ״Was habt ihr da für einen Dienst!" Mit wegwerfendem, indolentem, brutalem Tone spricht er von der Religion. Er schüttet das Kind mit dem Bade aus, wie man zu sagen pflegt, er verwirft mit der Spreu auch das Korn, mit dem Veralteten, Abgelebten auch das ewig Wahre, Schöne und Gute. Leider gibt es dergleichen Manche in unserer Zeit, die selbst die nothwendigste Form, wie den Cultus an Sabbath und Festtagen vernachlässigen, ja verschmähen, der doch für die religiöse Erziehung des Menschen, für seine geistig-sittliche Vervollkommnung von höchster Bedeutung ist. Wenn wir das Abgestorbene im Judenthum zu beseitigen trachten, so thun wir cs in der Hoffnung und Absicht, daß dadurch der Kern um so eher zur Geltung gelange. Wir beschneiden, die geilen Sprößlinge der Reben, damit die edle Rebe des Judenthums sich um so herrlicher und kräftiger zu entfalten vermag. Aber wehe denen, die ihr Messer an die Rebe selbst legen und sie verletzen. Sie sind gebrandmarkt mit dem Namen ״Frevler", denn sie freveln gegen Gott, gegen die Gemeinschaft Israels und gegen ihre Gemeinde. IV. Aber es gibt noch eine vierte Classe, den שאינו יודע לשאול der da glaubt, in religiösen Dingen dürfe man gar nicht fragen, weder nach Grund noch Bedentung. Es ist der. Mann der Stupidität, aber nicht harmlos wie der Tam, sondern bösartig; kein religiöses Lamm, wie das korban Pessach, sondern ein stößiger Bock wie der ‘שעיר לעזאזל. Es ist mit einem Worte der Fanatiker. . Jedes Spinngewebe am Tempel der Religion ist ihm unantastbar, jeden Rostfleck, jeden Schimmelpilz datirt er zurück auf die Offenbarung am Sinai. Das Fürther Minhagbüchlein hält er so hoch, ja höher noch, als die Thora und wenn er entscheiden sollte zwischen Mosche Rabbenu und Rabbi Moses Jsserlein, so darf man mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß er sich für den Letzten ausspricht. Ein eingreiflicher Feind alles Schönen im Cultus, ein Enthusiast des Häßlichen und Abgeschmackten, heißt ihm jede schöne Form ehukas hagojim ״heidnischer Brauch", eine Orgel, ein Chorgesang, welcher die Andacht erhöht und den Gottesdienst verschönert, ist ihm ein Gräuel und wenn in der Gemeinde überhaupt eine zeitgemäße Neuerung eingeführt wird, erhebt er ein Geschrei, wie das bekannte Thier des Rabbi Pinchas ben Jair: Man wolle das Judenthum einreißen, oder liefert einen Artikel für jene famosen Organe, die den Namen Israel auf ihre Banner schreiben. Denn der Jsraelite liebt das Licht, jene aber lieben die Finsterniß; der Jsraelite erkennt nur eine unfehlbare Autorität an: Gott und sein Wort; jenen aber sind die Talmudisten sammt □ראשוני unb אחרונים infallible Dalai Lamas. Der Jsraelite verabscheut die Lüge, die Verleumdung, den Unfrieden, die Zwietracht, denn er lebt gemäß dem Wort ״ האמת והשלום אהבוLiebet die Wahrheit und den Frieden" (Sch. 8, 19.); jene aber Hetzen und wühlen und säen die Drachensaat des Zwiespaltes in Gemeinden; der Jsraelite verabscheut alles Unreine, jene aber tauchen ihre Hand mit Wohllust in den Gassenkoth und werfen damit nach dem Haupte dessen, den sie nicht widerlegen können. אנו יודיז לשאול Er weiß weder zü fragen!בעני, noch zu antworten בהלכה und ob er gleich mit Bibelversen und talmudischen Sprüchen um sich wirft, wie ein Sämann, so wendet er sie doch alle in der verkehrtesten Bedeutung an, so daß auf ihn anwendbar ist das Wort des Weisen חוח עלה ביר ״ שכור ומשל בסי כסיליםWas ein Dornstock in der Hand eines Berauschten, das ist ein Sinnspruch im Munde des Thoren". (Spr. Sal. 26, 9.). Lassen wir es jedoch bei dieser Charakteristik bewenden

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