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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1883-03-26 · Heft 11 (26.3.1883) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 11 (26.3.1883)
Date
1883-03-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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III. Wir übergehen einen Zeitabschnitt von beinahe zwei Jahren, während welcher sich im Leben Samuels wie Röschens wenig Bemerkenswerthes ereignete. Samuel hatte mittlerweile nicht Neapel, wie er gehofft nnd gewünscht, sondern Rom zu dem Orte seiner weiteren Ausbildung wählen müssen. Der Umstand, im Orchester der -großen Oper der stolzen Siebenhügelstadt ein Engagement als Violinspieler gefunden zu haben, bewog ihn, daselbst seinen Wohnsitz aufzuschlagen und sich feinen Capellmeister als Lehrer der Composition zu wählen. Nun lebte er mit rastlosem Eifer nur der Kunst, doch, je mehr er in die Tiefen derselben eindrang und je mehr er das beseligende Gefühl kennen lernte, In den Massen von Tonmitteln wählen zu können, und als Schöpfer neue Harmonien mit dem Zauberstabe der Phantasie auftauchen zu lassen, desto weniger Eifer und Mühe wendete er der technischen Vervollkommnung auf seinem Instrumente zu, was er später, leider, bitter zu bereuen hatte. An den Ufern der Tiber hinwallend und ihren gelblichen Wogen nachblickend, erinnerte er sich so gern an die liebe Heimat und die verlassenen Freunde — an sie, deren theures Bild keine römische Schönheit zu verdrängen vermochte. In solchen Momenten entwickelten sich Pläne über Pläne in Samuels Gehirn, heiterer blickte er in die Ferne, sich nicht, wie sonst, einsam unter dem lärmenden Getriebe von Menschen, deren Sprache ihm nicht so zu Herzen drang als sein gemüthliches Deutsch, das er nur mit den Lüften und Wolken sprechen konnte, die hinüberzogen nach dem Lande seiner Liebe. Dort, im Lande seiner Liebe, ward aber auch er nicht vergessen von Röschen, welche mehreren glänzenden Anträgen entsagte, um ihm allein Herz und Hand zu bewahren.- Und wieder waren einige Monde in das Meer der Ewigkeit geflossen. In einer ärmlichen, von dem spärlichen Scheine einer Oellampe matt erhellten Kammer im Erdgeschosse eines seinem Ruine nahenden Hauses in einer der ödesten und schmutzigsten Eassen des Ghetto, welches bekanntlich zu den wunderlichsten Erscheinungen Roms gehört, das wie keine andere Stadt die vriginellen Contraste der Zeiten — in all' ihrer Eigenthümlichkeit erhalten —, in so ausgeprägter Weise darbietet, in lenem Ghetto, wo alle Fabeln von dem Schmutz und Kleinkram plötzlich in ein paar dumpfen Gassen bis in das Unglaubliche verwirklicht erscheinen, saß ein bleicher abgezehrter junger Mann, das gramgebeugte Haupt auf die linke Hand gestützt, indeß die Rechte mit einem dünnen Lcinenlappen von Zeit zu Zeit in ein nahestehendes, halbzerbrochenes irdenes Geschirr mit Wasser fuhr, um dann die hochgeschwollenen Augenlieder, welche schmerzlich zu brennen schienen, zu kühlen. ׳Sodann griff die dürre Hand wieder nach der Feder, die trüben Augen stierten wie durch einen Nebelflor auf ein Notenpult, aus welchem eine Partitur lag, und die Hand begann dann langsam von mancher Pause unterbrochen, einige .Zeilen Noten zu schreiben. Hie und da durchbebte manch' banger Seufzer aus hohler Brust die Stille, und deutlich hörbar war jeder Zug der Feder auf dem rauhen Notenpapiere. Endlich erhob sich die mehr einem Schatten, denn einem menschlichen Körper ähnliche Gestalt vom harten Stuhle und begann die Stube aus und nieder zu wanken, dumpf vor sich hintrübend, und nur abgerissene Worte hervormurmelnd, welche, in Zusammenhang gebracht, etwa folgenden Monolog zum Inhalte hatten: ״Auf dieser Partitur beruht also noch die letzte Hoffnung — sie soll mir wenigstens Mittel schaffen, in meine deutsche Heimat zurückzukehren, nach der ich mich, wie noch nie, so heftig sehne — ach! ob sie noch lebt — mein theueres geliebtes Röschen!" — Und wieder verstummten die trockenen Lippen, die zusammengeschrumpfte Gestalt setzte sich ermattet nieder, um sich — abermals unruhig zu erheben. Wer hätte in diesem Bilde des Jammers den früher blühenden Samuel wieder erkannt? Hunger, Noth und Krankheit hatten aus dem segenverheißenden Fruchtbaume eine dürre Hecke gebildet. Samuel, dessen Talente zu den höchsten Erwartungen berechtigten, hatte sich die ganze Zeit seines Aufenthaltes in Rom wohl kümmerlich, aber wenigstens nicht armselig fortgebracht. Einige Unterrichtsstunden und Notencopiaturen, auf welche er nach Beendigung der Carnevalsstagione als Erwerb angewiesen war, ließen es ihm wenigstens an dem Nothwendigsten nicht fehlen, um seine Studien fortsetzen zu können. Doch ein anderes unheilvolles Element vernichtete die Saat der schönen Hoffnungen; es war die Feuerflamme des Klimas, welche zerstörend auf den Körper Samuels wirkte. Heftige Fieberanfälle entnervten seine Glieder und als ihre Wuth vertobt schien, zog sich der Krankheitsstoff auf einen gefährlichen Theil des Körpers — auf die Augen. Samuel mußte in Folge dessen die Unterrichtsstunden vernachlässigen, während seine Stelle bei der Oper bei Zunähme seiner Augenschwäche durch einen Andern besetzt wurde und so blieb dem Armen denn nichts übrig, als — das Abschreiben von Musikalien. Allein, auch diese Quelle der Ernährung versiegte nach und nach, als bei auffallend sich mindernder Sehkraft die Schrift schlechter, beinahe unleserlich wurde und überdies jede einzelne Notenzeile einen bedeutenden Zeitaufwand erheischte. So dem drückendsten Mangel preisgegeben, von einer armen gutmüthigen Matrone in der elenden Stube, deren ganze Einrichtung aus einem Stuhle und Tische bestand, geduldet, um wenigstens, den Unfällen der Witterung durch ~ ein Obdach zu entgehen, auf einer schmutzigen Strohmatte schlafend, von alten abgetragenen Kleidern bedeckt, vom nagenden Hunger gequält, seufzte der unglückliche Fremdling nach seiner Heimat. Bereits mehrere Briefe an seinen Vater, in denen er mit lebhaftesten Farben sein Jammergeschick schilderte, waren unbeantwortet geblieben und auch die, wenn schon nicht bedeutende, doch in seiner jetzigen Lage doppelt nöthige monatliche Unterstützung erwartete er vergebens. Unberührt hing nun seine einzig treue Gefährtin im Leide, seine Violine, an der feuchten Wand; er versuchte mehrmals die selig schmerzlichen Stunden in's Gedächtniß zu spielen, doch fand er kaum Kraft, die Saiten zu drücken und den dünnbehaarten Bogen zu führen. Ein einziger leiser Hoffnungsklang im Herzen richtete ihn so weit auf, um sich nicht den Furien der Verzweiflung in die glühenden Knochenarme zu werfen; und eben hatte er den letzten Strich an seinem Werke, an der Partitur einer zweiactigen Oper vollendet, welche er einem der stolzen Impresarien anzubieten hoffte, nur um einen Preis — der ihm die Rückkehr in's langersehnte Vaterland möglich machen sollte. Auf diesem Werke ruhte nun seine ganze Zukunft, und schon des andern Morgens wankte er in das Theatro Rossini um seine ״Rosalinde", zu welcher er auch das Libretto gedichtet hatte, einzureichen. (Fortsetzung folgt )

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