Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 5 (6.2.1883)
- Date
- 1883-02-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— e — den zeitgenössischen christlichen Scholastikern Stellen über das christliche Mysterium der Verwandlung vorzusühren, deren Form noch mehr anstößig. Die Roheit in der Form war nun einmal eine Eigenart jener Zeit; die unsere mit dem Antisemitismus sollte sich darin nicht überheben. Also Sie, Herr Rohling, indem Sie eine von Niemandem ausgesprochene Schmähung gegen Ihren Heiland erdichteten, haben Ihn gelästert, nicht der Talmud. Ihre maßlose Unwissenheil und Ihr blinder Haß haben Ihnen wieder einmal einen schlimmen Streich gespielt, haben Ihnen eine ״amtseidliche" Aussage entlockt, in welcher schon die Verwandlung des ״abgesallenen Israeliten" in den ״abscheulichen Bösewicht" Sie ewig brandmarken wird. Sie berufen sich auf Herrn Rabbiner Dr. Landesberger in Cassel, den verstorbenen Dr. Abraham Geiger, welche Beide angeblich zugegeben hätten, die.christenfeindlichen Stellen stünden wohl im Talmud, aber sie wären nicht übel gemeint. Sie spielen da ein falsches Spiel mit Worten. Wenn in den großen und zahlreichen Bänden des babylonischen und jerusalemischen Talmud drei oder vielleicht vier Stellen von wenigen Zeilen Vorkommen, welche einige christliche Dogmen abweisen, so ist der Talmud darum doch nicht christenfeindlich! Ich selber habe in meinen wissenschastlichen Arbeiten den Sinn einer Talmudstelle, welche Ihr Lehrmeister Eisenmenger ergötzlich verspottet hat, dadurch herausgefunden, daß ich dort eine religiöse Controverse zwischen Gamaliel und dem Apostel Paulus entdeckt habe. Allein religiöse Differenzen bilden ״keine Feindseligkeiten", nicht jeder fromme Katholik ist ein Protestantenfresser und, wenn Sie die ganze Literatur jener Rabbinen, welche Sie. in Ihren Enunciationen namhaft gemacht haben, inquisitorisch untersuchen, Sie werden nirgends solche Schmähungen finden, gleich denen, mit welchen Sie, Herr Rohling, die christlichen Reformatoren überhäufen. Der Herr Professor Delittzsch, Seite 11, hat Ihnen erklärt, daß der Talmud nur verschwindend wenige directe Beziehungen auf Christliches enthält und selbst diese wenigen sind nicht alle sicher. Seite 64 hat er Ihnen ausführlicher anseinandergesetzt und nachgewiesen, ״daß die Person Jesu für das Judenthum der Talmuden in den Nebel dunklen Hörensagens entschwunden war". Sie aber bleiben dabei und behaupten amtseidlich, daß der Talmud christenfeindlich sei! Warum citireu Sie nichr diese Stelle? Warum zeigen Sie nicht, wo sie steht? Warum übersetzen Sie dieselbe nicht? Die Männer der Wissenschaft quälen sich über das räthselhafte Schweigen des Talmud in Bezug auf das Christenthum, warum in diesem bändereichen Werke so wenig Ausbeute und nutzbares Material für die neutestamentliche Zeitgeschichte gefunden wird und Sie, Herr Professor Rohlings haben nach Ihrer amtseidlichen Aussage die Entdeckung gemacht, daß der Talmnd sehr zahlreiche polemische, feindselige Stellen enthält gegen Christen und Christenthum. Warum theilen Sie das nicht mit? Die gelehrte Welt wird Ihnen Dank wissen! Ihre Verdienste werden belohnt werden. Sie würden Renan, den berühmten Renan beschämen, der Seite 276 seines Werkes ״Die Apostel" nicht minder die Erscheinung zu erklären sucht, ״warum man im Talmud die Christen so spärlich erwähnt findet". Ihr Name wird einen neuen Glanz erhalten und aus einem Plagiator werden Sie sogar ein Gelehrter werden. Elende Flunkerei. Hingefendet- Löbliche Redaction! Nachdem die 1. Musikbeilage speciell. dem Cantorenstande geboten zu sein scheint, halte ich es, als demselben angehörrg', für meine Pflicht, diese Arbeit nach meinem besten Wissen einer Kritik zu unterziehen׳. Trotz der Berichtigung der sich ׳eingeschlichenen Druckfehler kann ich die Composition vom musikalischen Standpunkte nicht besonders günstig beurtheilen; der Werth derselben besteht einzig darin, daß der hebräische Text richtig accentuirt erscheint. In der Melodie kann ich die Grundmotive, nach welchen dieselbe aufgebüut ist, nicht entdecken, doch wird sie nirgends unedel, obzwar im 1. und 4. Theil gegen die Symmetrie Verstöße Vorkommen. Abgesehen davon, möchte ich sehr um die Erklärung bitten, warum so oft' und mit solcher Beharrlichkeit der { Accord als dominirend auftritt, z. B. 1. Theil 11. Tact, 2. Thl. 14. Tct., 3. Thl. 8. Tct., 4. Thl. 10 und 17 Tct. und welche Bedeutung die Octaven zwischen der Tenorsolostimme und dem Basse der Orgelbegleitung (4. Thl. 5. Tact) haben. Auch bin ich nicht im Klaren über 1. Thl. 10. Tct., wo zwischen Singstimme und Begleitung Differenzen obwalten und über den vorletzten Tact, wo, wenn Tenorsolo singt, das 6 im Basse abzugehen scheint. Oder sollte der Accord gemeint sein? Mein offenes Urtheil werden Sie, löbliche Redaction, nicht übel nehmen, und wenn dasselbe falsch ist, mich gewiß über meinen Jrrthum aufklären. Indem ich Sie eindringlichst bitte, diese Zeiten der Oeffentlichkeit übergeben zu wollen,*׳) zeichne Hochachtungsvoll Moritz Waller st ein, Cantor und Mnsiklehrer in Prag. Berichtigung. Die löbliche Redaction der ״Cantoren-Zeitung" war so freundlich, eine kleine Geistesarbeit von mir der Veröffentlichung zu würdigen, wofür ich ihr meinen verbindlichsten Dank sage. Weniger oder eigentlich gar nicht dankbar bin ich hingegen dem Herrn — Setzer für die wahrhaft kannibalische Verstümmlung einiger hebräischer Wörter in meinem gutgemeinten Gedichte,- und ich muß die freundlichen Leser dieses Blattes in ihrem eigenen Interesse bitten, mir auf's Wort zu glauben, daß Fehler wie z. B. ימים חלפו statt חליפו oder לשרש statt לשרת בקדש im Originale nicht Vorkommen, da dem ״Ungläubigen" sonst zu näherer Ueberzeugung kein anderer Weg übrig bliebe, als der — nach Budapest, wo das Original vielleicht noch existirt. Eben so wenig Dank verdient dieser Unheilstifter dafür, daß er die Endzeile vom Gedichte des Herrn Obercantor I. Singer von ihren launigen Schwestern gänzlich ab- Der Unparteil chkeit wegen und um Niemanden in der freien Meinungsäußerung zu beschränken, sehen wir uns veranlaßt, dieser Bitte nachzukommen, doch glauben wir auch an dieser Stelle bemerken zu müssen, 'daß wir Gelegenheit hatten, in ein von einer bedeutenden Capacität— deren Autorität auf synagogalem Gebiete auch Sie gewiß anerkennen — an Herrn Obercantor I. Singer gerichtetes höchst schmeichelhaftes Anerkennungsschreiben Einsicht zu nehmen. D. Red.