Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 37 (25.10.1882)
- Date
- 1882-10-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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״Fragt nur, lieber Herr," entgegnete der Rabbi in freund-- lichem Torw, wenn ich Euch Auskunft geben kann, gerne will ich es thun." ״Nun denn, so sagt mir, finde ich die Tochter Gerson Levi's noch am Leben?" ״Ob Ihr die Tochter Gerson Levi's noch am Leben findet. Gar schweres Unglück hat diese Familie getroffen. Der Vater starb vor mehr denn-.zwei Jahren schon und vor wenigen Monaten ist auch seine ältere Tochter ihm gefolgt in's Jenseits und- O! nichts weiter will ich wissen, nichts weiter. Ich danke Euch, Herr Rabbi, für Euere Mittheilung, trotzdem sie mich schmerzt, o? so sehr, so schrecklich schmerzt. Umsonst ist jede Hoffnung, sie ist tobt I" ״Noch weiß ich nicht, weshalb Ihr nach Gerson Levi's Tochter forscht und wollt Ihr Euer Geheimniß bewahren, so thut es immerhin, ich will es Euch nicht entreißen. Doch vorhin ließet Ihr mich nicht aussprechen und hättet Ihr es gethan, wer weiß, vielleicht wäre Euch dieser Schmerz erspart geblieben." ״O! sprecht, was habt Ihr noch zu sagen! ״Gerson Levi hatte zwei Töchter. Die ältere Judith, sie starb, die jüngere, Rachel, sie lebt, wenn man ein Leben so nennen darf, das sich sterben sieht." ״Rachel lebt!? Herr Rabbi, sagt es noch einmal, damit meine Ohren diese süße Musik noch einmal hören können. Rachel, sagtet Ihr nicht Rachel lebt!?" ״Ja wohl, sie lebt, lebt in Gesellschaft meiner Tochter in meinem Hause. Doch Ihr, Herr, sagt an, wer seid Ihr?" : : ״Wer ich bin, Herr Rabbi, ich bin ein Todter! Ein Todter, den man jetzt Raphael Ledron nennt." ״Ledron!" rief der Rabbi erstaunt, ״stehen die Tobten aus ihren Gräbern aus, seid Ihr der Graf von Ledron?! ״Der Graf von Ledron gewesen, Herr Rabbi, doch jetzt bin ich schlicht und einfach Raphael Ledron, da man den ^Grafen zu seinen Ahnen in die finstere unheimliche Gruft gebettet hat. ״Erkläret mir-" ״Ich will es Euch erzählen, doch saget mir vorher, darf ich Rachel noch heute sehen?" ״Ja wohl, das sollt Ihr, ich selbst will Eure Hand mit der ihrigen vereinigen, doch halt, Ihr seid —-“ rrVch bin-ein Jude!" ״Und wie dies gekommen, ich will es Euch mittheilen." ״Ich hatte meine weltlichen Angelegenheiten geordnet Meine Aerzte gaben mir nur wenige Stunden noch zu leben Die Wunde wollte sich nicht schließen und ich — starb." ״Ihr starbt?! ״Ich starb. Man hatte mich nach meinem letzten Willen nur einen Tag lang aufgebahrt Dann wurde ich unter Glockengeläute und Grabessang in die Gruft meiner Ahnen getragen." ״Der letzte Graf von Ledron ruht bei seinen Ahnen," hatte der Haushofmeister feierlich gerufen. Und Alles verließ die Gruft und kehrte zu den Lebenden zurück — nur ich, ich blieb bei den Tödten und dennoch war es nur ein Scheintod, der meinen Körper erstarren machte. Ich hatte sie Alle gesehen, da ich aufgebahrt im Sterbezimmer lag, sch sah die vielen brennenden Lichter, ich vernahm die Stimmen und konnte mich nicht rühren, konnte kein Zeichen geben, daß ich noch lebte." ״Verzeiht, Rabbi, wenn ich einen Augenblick inne halte — doch die Erinnerung an diese Stunden — sie ist noch heute schrecklich. Mein alter Gottfried, der langjährige Diener meiner Familie, er konnte sich von meiner Leiche nicht trennen — und weinte und betete — und betete und weinte. Es mochten etwa vier bis fünf Stunden verstrichen sein, daß ich begraben war — da fühlte ich, wie der Alp, der centnerschwer auf mir geruht hatte, sich allmälig löste. Ich konnte meine Augen öffnen — ich konnte mich bewegen. Ich lebte, lebte und war doch ärger als todt, .ich wäi lebendig begraben — ich war dem schrecklichsten Tod verfallen, der nur erdacht werden konnte. Da, plötzlich wie aus Himmelshöhen kamen mir die Worte in's Gedächtniß, die Rachel zu mir gesprochen. Ich sah sie vor mir stehen, sah ihre glühenden Wangen, ihre strahlenden Augen — hörte sie sprechen, vom Glauben ihrer Väter — vom Glauben, der beglückt, der zufrieden macht, vom reinen Glauben des Juden. Und sonderbar, je länger ich mir diese Scene vergegenwärtigte, desto mehr kam mir auch der Gedanke mich zu retten . und es gelang. Ich begann zu klopfen, immer stärker, immer stärker, bis mich endlich mein alter Gottfried hörte, der noch immer an meinem Sarge betete. Er öffnete den Sarg und befreite mich aus dieser grausen Umhüllung. Niemand. erfuhr von meiner Befreiung, Niemand weiß es auch bis heute, daß ich noch am Leben bin außer Gottfried. Ich beauftragte den Diener mir das Nöthige zu besorgen was ich zu einer längeren Reise brauchte und dann geduldig zu warten, bis ich wieder zurückkommen würde. Und Nachts kam Gottfried wieder zu mir, versah mich mit Allem was ich gewünscht und geleitete mich zu einer nahen Herberge. Dort verbrachte ich mehrere Wochen unerkannt. Meine Wunde war in Folge des Starrkrampfes vernarbt und ich ganz und voll dem Leben wiedergegeben. Und als ich gekräftigt war verließ ich Prag und begab mich zu einem weisen, frommen Mann, dem Rabbi Elias Seeligmann. Dort blieb ich bis vor wenigen Wochen, dort lernte ich das Judenthum, das wahre, echte Judenthum kennen» ohne Falsch, ohne Heuchelei, dort wurde mir ein so reicher Schatz des Wissens, der über alle Zweifel erhaben war, erschlossen, daß ich den alten Rabbi kniefällig bat, mich aufzunehmen — mich zu belehren, mich zu unterweisen, damit ich wahr und wahrhaftig mit Leib und Seele ein Jude sei. , Und als ich es geworden und als ich zum ersten Male als Jude im Bethause mich einfand, da jubelte es in mir -7da jauchzte und frohlockte mein Herz und ich betete mit einer Andacht, mit einer Inbrunst, wie sie nicht tiefer sein kann. Und so seht ihr mich vor Euch jetzt stehen — und noch einmal bitte ich Euch, laßt mich Rachel noch heute sehen." ״Und noch einmal," entgegnete der Rabbi, »gebe ich zur Antwort Euch: Ich selbst will Euch in mein Haus führen, ich selbst will Eure Hand in die ihrige legen. (Fortsetzung folgt.)