Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 32 (7.9.1882)
- Date
- 1882-09-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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führung.zu bringen. Die Interessen des Himmels und der Erde waren es, die den Mann zu einer raschen Heirat drängten. Beer's Witwerzeit fiel nämlich in den Monat September. Er hätte unbeweibt an den 3 furchtbaren Tagen, den 2 Neujahrs- und dem Versöhnungstage, die vor der Thüre standen, nicht vor den Altar treten dürfen, um seines Amtes als Vorbeter zu walten, da es einem unverheiratheten Manne bekanntlich verboten ist, an diesen Tagen dem Gebete vorzustehen. Aus.eben denselben Gründen, aus welchen man im alten Jerusalem, als noch der heilige Tempel stand, für den Hohen- Priester am Versöhnungstage, an dem er zu fungiren hatte, eine ״außerordentliche" Frau in Bereitschaft hielt, für den Fall, daß seine ״ordentliche" Frau, plötzlich sterben sollte, aus denselben Gründen mußte der Rabbi Beer das Mädchen noch vor den drei furchtbaren Tagen heimführen. Dies geschah auch wirklich, aber merkwürdiger Weise im Stillen und ohne jeden Pomp. — Die zwei Neujahrstage waren angebrochen. Von allen Gegenden, wo Gläubige wohnten, trafen Andächtige ein, die ihre Gebete unter den Auspicien des Rabbi dem Himmel zuschickten. Das Zutrauen zu dieser Himmelspost war so groß, daß keiner der Herbeigeeilten den Rabbi vor Ablauf des Versöhnungsfestes im Stiche ließ. Ganz besonderes Gewicht legte man auf seinen Gesang, der stets von einem Fusfftampfen begleitet war und obgleich seine Stimme bald schillernd hell, bald dick und heiser war, so wußte doch Jedermann, daß dieser Gesang und Tanz in Ton und Tact nach den Musik- und Tanznoten der Himmelschöre componirt war. Der Stoß in's Horn war diesmal schwach. Die Eingeweihten wußten hiefür einen Grund anzugeben. ״Der Schofer," sagten sie, ״ist -der Vorbote der großen Posaune, die am jüngsten Tage erschallen wird. Wollte der Rabbi etwas stärker blasen, so würde die täuschende Aehnlichkeit des Schalles Verwirrung im Reiche der Schatten Hervorrufen. Geweckt zum jüngsten Gericht, würden sie glauben, aus ihren Gräbern auferstehen zu dürfen und Beer müßte dann vor seiner verstorbenen Frau beschämt dastehen." Neujahr war glücklich überstanden. Es kam der Bußsamstag heran, ein Tag, vielleicht ebenso wichtig als Jomkippur. An diesem Tage drängte man sich bei Beer .zu Tische. Es ging nämlich die Sage, daß Derjenige, der die Ueberbleibsel seiner Schüsseln genieße, bei Gott besonderen Anspruch auf Vergebung der Sünden habe. (Schluß folgt.) Exhorte zum Nochenabschnitte ״Zethro". Gebalten von Simon Diamant, Oberlehrer in Austerlitz. (Fortsetzung und Schluß.) Wie der Genius der Menschheit trauernd sein Haupt verhüllt, wenn die Menschen, die Ebenbilder Gottes, in den Pfuhl des Lasters versinken, die Erde, welche ihnen ein göttliches Paradies sein könnte, durch ihre scheußlichen Thaten schänden; so verhüllt der Edle sein Haupt, damit er die Menschheit in ihrer Entartung nicht sehe, auf daß er nicht irre werde und zweifle, ja, er lebt in seinem Ideale fort, zieht sich gleichsam in sein eigenes Ich zurück, er hält mitten in der Entartung fest an seinem Gotte, fest an der Erreichung der ewigen, unverrückbaren Ziele der Menschheit. Uwistajim jecliase laglow. ״Und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihre Füsse." Targum: dein mischase. ״Damit sie nicht gesehen werden". Es ist nothwendig, unter solch' kläglichen Zuständen, sein Thun und Lassen, seine weitern Pläne zu verhüllen, damit die Feinde des Guten und Edlen nicht allzugefährlich werden. — Wie. sehr aber widerstrebt es dem Edlen, wenn er sein Wirken vor den Augen der Menschen verhüllen muß. Wie schmerzvoll mag es einen offenen, ehrlichen Character berühren, der gewohnt ist, auch die geringfügigste seiner Handlungen öffentlich zu üben, dessen tiefste Herzensfalte kein Hehl und Falsch birgt, wenn ein solcher Mann, um der Förderung des guten Werkes, damit es nicht gefährdet werde, sich, einem Verbrecher gleich, von der Oeffentlichkeit zurückziehcn, wenn er scheu das Tageslicht fliehen muß und ihn nur der einzige und alleinige Gedanke zu trösten vermag, daß der später zu erringende Erfolg nicht ausbleiben und für alle Selbstverleugnung entschüdigen werde. Darum ruft Jesaias, gequält von dem marternden Gedanken, sein Thun verhüllen zu müssen Au li, ki nidmesi: ״Wehe mir, ich vergehe" ki iseh tome sfossajim onauehi ״denn ein Mann unreiner Lippen scheine ich zu sein". Man hält mich ob meines Zurückziehens von der Oeffentlichkeit für einen Mann unreiner Lippen, aber was ist die Ursache? Uwesoek am tome sfusajim onauciii josehew. weil ich unter einem Volke lebe, daß wegen seiner Gottlosigkeit und liefen geistigen Versunkenheit, mein Wirken nicht wahrnehmen darf, damit das Gute und Ersprießliche sich entwickle und nicht in seinem Keime schon erstickt werde. Li, 68 hameleeh adonoi Zebaoth rou enai nur zu ihm, der Herz und Nieren prüft der die geheimsten, verborgensten Dinge weiß und kennt — zu ihm, dem höchsten Wesen blicke ich hoffnungsvoll empor. Vor der Außenwelt scheinbar ruhig, unthätig, theilnahms los, gleichgiltig,. indifferent — aber wie erscheint der edle, bessergefinnte, geistige, zum idealsten Bewußtsein gelangte Erdensohn vor sich selber? Uwistajim jeofef. Sein Geist erhebt sich, schwingt sich, dem Vogel gleich, jener Höhe, jenem idealen Ziele entgegen, welches er anzustreben hat; so ruht der fruchtbringende Keim während der rauhen Jahreszeit scheinbar unthätig in den Tiefen der Erde, bis endlich die milde Frühlingssonne ihn an das Tageslicht lockt und ihn zur erfreulichen, gedeihlichen Frucht entwickelt. Und diese Zeit, sie kam für Jesaias, wie sie für jeden kommen muß, der den Geist der Zeit zu verstehen und zu begreifen vermag. Mit den Worten: hineni sehulehani — ״hier bin ich. sende mich", ist sein ganzer Beruf gekennzeichnet. O, daß auch wir stets unsere Sendung hinieden erfüllen möchten! An jeden von uns, namentlich aber, an Jene, die einem geistigen Stande angehören, ergeht der Ruf: hineni sehuleham! Mögen wir auf ihn hören und stets darnach leben! Lugendgottesdienst. Wien. ״Der Vorstand der hiesigen isr. Cultusgemeinde hat an diejenigen Religionslehrer, welche beim Jugendgottesdienste Ansprachen vor den versammelten Kindern halten, anerkennende Zuschriften gerichtet, welche von entsprechenden Remunerationen begleitet waren." Die vorstehende Notiz bringt die ״Neuzeit" in ihrer letzterschienenen Nummer vom 1. September. Es dürfte vielleicht von Interesse sein, wenn wir diesem Berichte noch hinzusügen, daß auch den Cantoren Remunerationen für deren ״Mitwirkung" (!!) jedoch leider ohne anerkennende Zuschriften vom Cultusvorstande zu-