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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-08-22 · Heft 30 (22.8.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 30 (22.8.1882)
Date
1882-08-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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r eu t ZZet on. Der Verstuchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. (Nachdruck streng verboten! UebersetzungSrecht verbedalten.) 6. Fortsetzung. ״Freudlos — heimatslos mußt Du in der Welt umherirren, kein menschlich Obdach soll zum Ruheort Dir dienen, kein Tropfen der Erfrischung soll Dir von menschlicher Handgereicht werden, um Deine lechzende Zunge, Deinen trockenen Gaumen zu erquicken. Dem wilden Thiere gleich sollst Du von Wald zu Wald umherirren und endlich, einsam — verlassen von Gott und den Menschen — einsam am Wege sterben, so sagt es der Fluch und darum fort aus meinen Augen." ״Ich will mich demüthigen und Euch bitten, Rabbi, daß Ihr den Fluch von mir nehmt, nicht länger kann ich's tragen. Geh' auf der Straße ich, so schaut man scheu und furchtsam mich an und nahe ich einem Freunde, strecke ihm die Hand zum Willkomm, zur Begrüßung entgegen, dann läuft er vor mir fort, als wäre ich ein Gespenst. Der Vater meiner Braut, der Aron Eisik — er sperrt vor mir sein Haus, läßt mich nicht ein, der kleinste, kleinste Knabe auf der Straße — erblickt er mich, sucht er nach einem Häufchen Koth, um mir — verdämmt, um mir ihn in's Angesicht zu schleudern. ״Seit Ihr den Bann über mich verhängt, ich finde nicht Ruh', nicht Rast. D'rum bin ich hier, um Euch zu bitten, nehmt diesen Fluch von mir. Und nützet meine Bitte nicht, so fordere ich's mit Gewalt. Nehmt diesen Fluch von mir!" ״Nicht früher, bis Du durch Reue und Buße, die man Dir auferlegt, Dich als gebessert zeigest, nicht früher, als Du diese Jrrthümer abschwörst, die Deine Seele gefangen haben." ״O! nehmt den Fluch von mir, Rabbi, nehmt ihn von mir, denn — böse Saat trägt böse Früchte." ״Du drohst, Du willst den starren Sinn nicht beugen, willst nicht Buße thun?" ״Nein, nein, ich will es nicht, ich will nicht Buße thnn Ich will aber auch nicht länger Schande und Hohn mit mir Herumschleppen — ich will nicht länger von der ganzen Gemeinde gleich einem wilden -Thiere gehetzt werden. Hört Ihr, Rabbi, ich will es nicht!" ״Ich fürchte Deine Drohung nicht. Was kannst Du mir anhaben?" ״Ich spotte Eurer Macht, Rabbi, ich will's Euch zeigen, daß Ihr ohnmächtig seid gegen mich!" —Und mit wüthender Geberde zog Ephraim Manasse ein Messer und stürzte sich auf den Rabbi. Rasch öffnete der Rabbi die Thüren des heiligen Schreins, mit beiden Händen ergreift er die Thorarolle und hält sie dem Wüthenden entgegen. Grollet Gott? Wendet er ab sein Angesicht von dieser Schreckensscene? — Die leuchtende, rosige Morgenröthe, sie war plötzlich entschwunden und nur die Lampe, die vor der Thora hing, verbreitete schwaches Licht in dem jetzt fast finsteren Raume des Gotteshauses. ״Bei diesem Heiligthume beschwöre ich Dich, laß' ab von Deinem verbrecherischen Beginnen," rief der Rabbi mit kräftiger Stimme und hielt die Thora hoch empor. Umsonst! — Ephraim will dem Rabbi die Thorarolle entreißen, doch ein Theil derselben bleibt in des Rabbi Händen. ״Sieh' dieses Heiligthum, wie es Dich schützt, thörichter Mann," schrie Ephraim wüthend, während er das Stück, welches er dem Rabbi entrissen hatte, zu Boden schleuderte. ״Noch einmal, Rabbi, noch einmal, zum letzten Male, nimm' diesen Fluch von mir!" ״Niemals! — Der Fluch, den ich gesprochen, er soll zur Wahrheit werden." ״So möge Gott, so möge diese Thora, die Du so sehr vertheidiget hast, sie beide sollen Dich schützen, wenn sie's vermögen," schrie Ephraim — ein Schlag und prasselnd stürzte die Lampe, welche vor der Thora gehangen, zu Boden. Das Licht war erloschen. Finsterniß herrschte in dem Raume des Bethauses. Da, mit einem Mal ertönte ein fürchterlicher Schmerzensschrei — ein dumpfer Fall, dann folgte lautlose Ruhe — — ״Wehe! Wehe!" rufen sie Alle, die sich im Bethause versammelten, um das Gebet zu verrichten. Vor der Thora, auf den Stufen, welche zur heiligen Lade führen, liegt der Rabbi Moses Hirsch röchelnd, während aus einer großen Brustwunde Blut strömt. Seine Hand umklammerte krampfhaft ein Stück des Sepher und drückte es mit Gewalt auf die Wunde, während der andere Theil, von Fußtritten beschmutzt, mit Blut überströmt, am Boden lag. Was war hier geschehen? Das Gotteshaus war von elenden Mörderhänden entweiht worden, freventlich geschändet — durch einen Mord, das Heiligthum, das Sepher, es lag zerrissen, mit Füßen getreten am Boden — und der Rabbi, der von Allen geliebte, verehrte Rabbi — ermordet. ״Rache, Rache — wehe, wehe!" so schreien sie Alle — ״verflucht soll er sein, der Mörder, auf ewig." 8. Verbrechen fordert Verbrechen. Es ist Stacht, finstere, stürmische Nacht. Wild treibt der Wind die Schneeflocken im wirbelnden eisigen Tanze und immer höher und höher thürmt sich der Schnee lawinenartig auf. Verlassen sind die Straßen von Prag. Alles, was Leben hat, befindet sich unter schützendem Dache. Alles, was Leben hat? — Nein! Durch die Straßen der Judenstadt Prag stürmt eine Gestalt, nicht achtend der Kälte — nicht scheuend das Wetter, unaufhaltsam vorwärts, immer vorwärts. Jetzt hat dieselbe das eiserne Gitter erreicht, welches die Bewohner der Judenstadt trennt von der anderen Bevölkerung der böhmischen Hauptstadt Prag. Doch abermals — vorwärts, vorwärts. Sie verläßt das Ghetto der Juden, läuft fort über die Moldauer Brücke. Gar schrecklich, unheimlich ist diese Gestalt anzusehen, wie ein Gespenst — aus längst verklungenen Tagen. Das lange weiße Haar, welches Kops und Gesicht dieses Wesens bedeckt — es flattert wild im Winde. (Fortsetzung folgt.)

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