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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-06-01 · Heft 20 (1.6.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 20 (1.6.1882)
Date
1882-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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׳7׳ uiLLeton. Zehuda den Halevi. Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. (Nachdruck streng verboten! Uebersetzungsrecht vcrbebalten.) 8. Fortsetzung. ״Nicht weiter, Vater, ich bin gekommen, um Dich aufzuklären, damit Du Deine Jrrthümer,. welche Du seit Jahren mit Dir herumträgst, schwinden siehst." ״Meine Jrrthümer? Ich glaube gar, es beliebt Dir, mich im Christenglauben unterrichten zu wollen und mir dann nach genügsamer Vorbereitung das Wasser über den Kopf zu gießen. Genug! Ich habe Dir niemals geflucht und werde es auch niemals, der Glaube, der wahre, reine Glaube verbietet es dem Vaterherzen. Ich verspreche Dir, Dich niemals zu kennen, wo Du mir auch begegnen wirst, mehr, mehr darfst, mehr kannst Du von mir nicht verlangen. Doch jetzt öffne mir diese Thüre und lass' mich des Papstes Rettung vollbringen." ״Du kommst zu spät, um zu retten, Vater'." ״Zu spät? Du sagst zu spät!" schrieJochai mit mächtiger Stimme. Du hast ihn also gemordet, an Deinen Händen klebt also Blut, Menschenblut? Mein Sohn auch noch ein Mörder! Schrecklich!" klagte Jochai mit gebrochener Stimme. ״Ein Mörder? Nein, Vater, das bin ich nicht und auch alles Andere- -nicht, was Du mir zum Vorwurfe, zum Verbrechen machst. Höre!" ״Ich höre nicht, ich will nicht hören," rief Jochai und hielt sich die Ohren mit beiden Händen zu. ״Und ich sage Dir, Du mußt mich anhören," rief Abba Clemens mit gehobener Stimme, ״Du darfst nicht verurtheilen, darfst nicht.verdammen, ehe Du nicht Denjenigen gehört, den Du eines Verbrechens zeihest, so schreibt es das Gesetz vor." 11. Es Wirlicht. ״Lass' mich etwas weit ausholen," begann Abba Clemens mit dumpfer Stimme, ״lass' mich die Wunden, die Dir> die mir so große Schmerzen bereiteten, wieder aufreißen, diese Wunden, die sich durch eine Reihe von Jahren scheinbar geschloffen hatten. ״Damals, in jener Unglücksnacht, als meine arme Mutter geisteskrank nach Hause kam, damals warst Du leider Gottes auf der Reise. Man hatte an meiner Mutter ein schreckliches Verbrechen begangen und ich erfuhr dies erst nach mehreren Jahren. Damals war ich ein Knabe von etwa 12 Jahren, doch das Studium des Talmud und der Thora hatte meinen Geist über mein Alter hinaus geschärft und diese Nacht hatte tiefe Furchen in meinem Geiste zurückgelassen. ״Mein Oheim, Dein Bruder Elieh, er sorgte für uns, bis Du zurückkehrtest und auch später. Die Mutter war krank, sehr krank und, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, jener Moment, in welchem uns Kindern von Onkel Elieh mitgetheilt wurde, unsere Mutter sei gestorben, übte keine Wirkung auf mein Herz aus. Ich rieb meine Augen, bis sie roth waren, doch Thränen wollten nicht kommen. Onkel Elieh schalt mich Herzlos, und dies mit Recht, aber konnte ich denn meinem Herzen gebieten, Schmerz zu fühlen, konnte ich meinen Thränen gebieten, zu fließen? ״Ich hatte meine Mutter lieb, lieb wie nur ein Kind seine Eltern haben kann und heute gäbe ich gern und freudig mein Leben hin, könnte ich das ihre retten, könnte ich sie lebend und gesund aus dem Grabe mir zurückholen. ״Du kamst zurück, der Oheim theilte Dir den Tod der Mutter mit, er erzählte Dir von jener Nacht des Unglückes er nannte Dir auch den Urheber und Du, Du überließest dem Onkel die Sorge für die Erziehung Deiner Kinder und eiltest fort, planlos in die Welt hinaus, von Deinem Schmerz über den unersetzlichen Verlust getrieben. ״Ich hatte Alles gehört und rasch begriffen. Ich und meine Schwester sahen Dich nur mehr auf wenige Stunden und immer und immer wieder verließest Du uns. ״Auch Onkel Elieh Unternahm zeitweilig größere Reisen, wie ich hörte, nach Frankfurt am Main und so waren wir Kinder uns oft ganz allein überlassen. ״Die Zeit verging und ich war achtzehn Jahre alt geworden, ein Alter, welches ich mir sehnsüchtig herbeigewünscht hatte, weil, es der Zeitpunkt war, den ich mir festgesetzt, um meine arme Mutter zu rächen." ״Deine Mutter zu xächen?!" ״Ja, Vater, um meine Mutter zu rächen. Doch unterbrich mich jetzt nicht, denn Vieles ist noch zu sagen und Vieles zu vollbringen. ״Wie ich meine Sache ausführen wollte, durch Jahre hindurch war dies mein einziges Denken und dennoch konnte ich nie zu einem Entschluß gelangen. Nur das Eine wußte ich, daß ich frei sein mußte, um ungehindert handeln zu können. ״Heimlich, Nachts verließ ich das Haus, in welchem ich seit meiner Kindheit gelebt hatte und Niemand wußte davon. ״Ich verlasse Dich, Onkel Elieh, schrieb ich, verlasse Dich, verlasse meine Schwester, ohne Euch Beiden Lebewohl zu sagen, da ich weiß, daß Ihr mich mit Gewalt zurückhalten würdet, wenn Ihr wüßtet, weshalb ich von hier gehe. — Weshalb? Offen und ehrlich will ich es Euch gestehen, ich will Christ werden. — ״Ich wußte wohl, daß diese wenigen Worte eine erschreckende, betäubende Wirkung auf Euch Alle ausüben würde und gerade das beabsichtigte ich hiedurch. ״Ich wollte Euch abhalten, mich zu suchen, mir zu folgen, da Ihr hiedurch meine Absicht vereitelt hättet. ״Nach Rom zog's mich mit Gewalt, dort, wußte ich,, lebte der Erbärmliche. Ich drängte mich in seine Nähe, mein׳ Aussehen gefiel ihm und er, er machte mich zum Abbs, nachdem er meine Studien sorgsam überwachen ließ. ״Er hatte keine Ahnung, daß es ein Jude sei, der in seiner unmittelbaren Nähe ein geistliches Amt bekleidete." ״Ein Jude, sagst Du?!" ״Ja, ein Jude, Vater! Ich schwöre es Dir, niemals bin ich meinem Gotte, meinem Glauben fremd geworden. Niemand wußte es außer dem Rabbi des Ghettos, den. ich in das Geheimniß eingeweiht hatte. Und er war es auch, der mir über so manche Klippe hinweg geholfen hat, um nicht gegen die Gesetze des einzig wahren Glaubens zu verstoßen. ״Und während die anderen Priester sich mit den Tafelfreuden die Zeit vertrieben und ihren Genüssen fröhnten, saß ich Tag für Tag an dem mit frugalen, aber nach dem Gesetze zubereiteten Speisen bedeckten Tische des Rabbi Simon. (Fortsetzung folgt.)

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