Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 20 (1.6.1882)
- Date
- 1882-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Organ 5PrMllmrrlltilln5-Preis^ für Wien und Umgebung und Provinz: Ganzjährig . . fl. 6.— Halbjährig . . fl. 3.— Vierteljährig . fl. 1.58 —\S\J— Für das Ausland: Ganzjährig . . fl. 7.— Halbjährig . . fl. 3.50 Vierteljährig . fl. 1.75 inrl. Lllllkllung in’« Qan». die Gesammi-Interessen jüdischer Lllntnreu. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Icrkob Wcruev. | Administration H Lropoldstaüt. | Circusgasse Nr. 20 Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte werden nichr retournirt. tlr. 20. Wien, 1. Juni 1882. 2. Jahrgang. Der Ehrentag der Cantoren. Unser geistreicher, liebenswürdiger College aus Turnau, Herr Rotier, sandte uns zu Beginn unseres Werkes einen Artikel ein, der mit den Worten begann: Wir wollen sein ein einig' Volk von Brüdern! Damals, als wir diese Worte Wiedergaben, herrschte unter Manchen unserer Collegen ein gelinder Zweifel, ob dieses ״einig' Volk von B rudern" nichtein Hirngespinnst, eine Illusion sei, die, weiß Gott, selbst durch den leisesten Lufthauch verweht werden "konnte?' > Do kamen die Ehrentage der Cantoren! Ja — dies waren Ehrentage und die Männer, die sich hieran betheiligten, die herbeikamen aus allen Ländern unserer schönen Monarchie,, ,das waren nicht jene Chasonim, wie sie einer unserer Collegen seinerzeit geschildert, das waren keine Gestalten, . die zum Lachen, , zur Lustigkeit reizten, o nein! das waren Männer,.,׳die sich des Ernstes unserer Sache bewußt waren, die wußierh warum sie nach Wien gekommen waren. Wer sic so .wie' wir gesehen, die Collegen aus Böhmen, aus Ungarn, Mähren, wie überhaupt ganz Oesterreichs, der mußte zu der Ueberzeuguug gelangen, daß unser Verein, sobald er nur auf solchen Stützen ruhen kann, gesichert sei für alle Eventualfälle. Es mögew jetzt etwa 582 Jahre sein, als der deutsche Kaiser Alb recht 1., ältester Sohn desRudolfvonHabsb ürg, das-deutsche Reich regierte. Er war ein unfreundlicher Mann von unnachsichtlicher Strenge. Von all' feinen Kindern durften nur zwei — der älteste und der jüngste Sohn — sein Gemach unaufgefordert, unangemeldet betreten. Jedem Anderen wehrte den Eintritt eine mächtige Dogge, der Lieblingshund des Kaisers. Tagsüber versperrte er mit seiner mächtigen Gestalt den Eingang zum Gemache des Kaisers, Nachts lagerte er auf dem zottigen Bärenfell vor seines Herrn Bette. — Eines Tages betraten die beiden Brüder das Gemach des kaiserlichen Vaters, allein ein: zorniges Knurren der Dogge hielt sie ab. Mit rascher Handbewegung wollte der Jüngere den Hund zurückdrängen, doch mit gewaltigem Satze sprang dieser vom Boden und biß sich in die Schulter des jungen Mannes. Ehe noch der ältere. Bruder abwehren konnte, hatte der jüngere sein Jagdmesser aus der Scheide gezogen und es der Dogge in's Herz gestoßen. Befreit wäre er jetzt von seinem Angreifer gewesen, doch zu. spät sah. er ein, was sein Zorn angerichtet. Er hatte den Lieblingshund seines kaiserlichen Vaters erstochen. Bleich und zitternd betrat er das kaiserliche Gemach an der Seite seines Bruders. Kaiser A!brecht wußte bereits, daß sein Hund getödtet worden war und mit grimmigen Blicken, mit zusammengezogenen Augenbrauen wendete er sich an die beiden Brüder. Auf feinem Gesichte war ein Todesurtheil zu lesen und nur zu gut wußte man es, A l b r e ch t I. spaßte niemals. ״Mein Vater und Herr!" rief der ältere Sohn, ״nimm hier meinen Kopf, die Dogge habe ich getödtet, strafe mich!" Und gär wild rollten die Augen des Kaisers und mit erhobenem Arme, mit geballter Faust ging er auf seinen Aeltesten zu. Doch in demselben Augenblicke sprang der Jüngere, der sich bereits ermannt, dazwischen und hing sich an den Hals des Bruders. ״Dank Dir, Du treues Bruderherz — Dank Dir für Deine Liebe," rief er; ״nicht er, mein kaiserlicher Herr, nicht er — ich verdiene Strafe, denn ich habe die Dogge getödtet!" Da ging plötzlich eine eigenthümliche Wandlung im Innern des Kaisers vor sich und thränenfeuchten Auges schaute er auf die beiden Jünglingsgestalten — seine Söhne. ״Wo Häbsburgs Söhne in Lieb' und Treu' so fest aneinander halten, muß Habsburg ewig stehen!"- Als wir die imposante G e n e r a l v e r s a m m l u n g der Cantoren unserer Monarchie überschauten, kam uns plötzlich diese Sage in's Gedächtnis und unwillkür- Die heutige Nummer erscheint wegen überhäufter Arbeit ans Anlatz des Cantorentages um einige Tage später, die nächsten Nummern erscheinen wieder regelmätzig.