Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 19 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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lichen Platz finden, gab es unseres Wissens in Oesterreich- Ungarn bisher keine und ein auswärtiges Blatt fand wieder in den Gemeinden keine Leser. Man wählte also ein.,großes" Blatt und ließ einen nach der Schablone abgefaßten Concurs ״an drei aufeinander folgenden Sabbaten und auf der letzten Seite des Blattes" einrücken. Die Concurshungerigen müßten! es sich dann angelegen sein lassen, eine solche letzte Seite direct oder indirect in die Hand zu bekommen. Mit einer Gier, die bei jeder persönlichen Angelegenheit zu Tage tritt, greift der Betreffende nach dem Blatte und sucht — die letzte Seite. Was interessirt den Armen der herrliche Satzbau, der kühne Schwung, der politische Calcul des obenan stehenden, gediegenen Leitartikels! Der sensationelle Inhalt des spaltenlangen Processes, der die ganze Stadt in Athem hält, ihn läßt er kalt. Nicht einmal die noch warm scheinenden fettgedruckten Telegramme vermögen es, seine Aufmerksamkeit auch nur secundenlang zu fesseln! Die letzte Seite nur übt magne-: tische Kraft auf ihn aus, sie allein faßt all' sein Sehnen und Hoffen in sich. Der Gleiche sucht das Gleiche. Nun also, gelesen haben wir den Concurs. Jetzt bitten wir den Eigentümer des Blattes um die Erlaubniß. ״ein Inserat" ausschneiden zu dürfen und bringen es unserer besseren Hälfte als Trophäe nach Hause. Nun wird Famitienräth gehalten. Der Gehalt, sagen wir, ist zwar klein, aber es gibt ja ein Nebeneinkommen, das nicht unbedeutend sein kann. Jede Gemeinde will doch, daß der Angestellte leben könne und dann gilt es ja nur einen Verbuch. Freilich, heißt es im Concurse, ״Ledige" werden bevorzugt. Allein das schließt doch Verheiratete nicht aus. Kurzum, wir nehmen Papier und Feder und schreiben, wenn wir es uns auch schreiben lassen, ein ״eigenhändig geschriebenes" Gesuch. Wir vergessen selbstverständlich nicht, unsere Vorzüge in's gehörige Licht zu stellen und siehe, früher, als wir es ahnten, werden wir zu einem Probevortrage geladen. Nun heißt es aber in der eigenen Gemeinde einen plausiblen Grnnd zu einer plötzlichen Reise angeben, um nicht, Gott behüte, zuletzt zwischen zwei SessÄn auf die Erde sitzen zu kommen. Es gelingt uns in der Thal,- einen Urlaub zu erwirken und wir freuen uns im Innern, es recht klug angestellt zu haben. Die nöthigen Uten- Men werden eingepackt und nach herzlichem Abschiede von den Unseren gehen wir ״auf Probe". Nun sind zwei Fälle möglich. Entweder wir ״gefallen", will sagen, wir werden aeceptirt oder, was gemeiniglich vorzukommen Pflegt, wir fahren unverrichteter Dinge nach Hause. Letzteres pflegt um so öfter vorzukommen, als es Gemeinden gibt, welche die Besetzung des Cantorpostens sehr gerne benutzen, ein Ersparniß im Gemeindehaushalte zu erzielen. Es finden sich nämlich auch bei den schlechtesten Posten immer Bewerber genug, die aufs Gerathewohl hin auf ״Probe" gehen. Darauf rechnen die gewissen Schlaumeier. Je mehr Bewerber, desto länger bleibt der Posten unbesetzt, desto größer das Ersparniß im Gemeindebudget. Welchen Anspruch könnte auch ein Bewerber auf Ersatz der Reisekosten machen, nachdem im Concurse ausdrücklich bemerkt wurde, ״Reisekosten werden nur dem Acceptirten vergütet". Dazu trifft es sich noch, daß ״Cantoren", die ohne jede Berufung ״zufällig" an einem Freitage in der Gemeinde eintreffen, bei dieser Gelegenheit um die Ehre ansuchen, vorbeten zu dürfen. Bedenkt man ferner, daß die meisten ungeschriebenen Verträge der Cantoren nach den hohen Feiertagen ablaufen, werden wir es bei den modernen Verhältnissen, wo der religiöse Jndifferentismus so üppig in Halme schießt, sehr seicht begreiflich finden, daß aus obigen Gründen der Wille und der nöthige Ernst in der Gemeinde׳ fehlen, den Posten früher, als es dringend nöthig istzu besetzen. Wie kommt! aber ein Mensch, den das Schicksal zum Cantor werden ließ, dazu, Auslagen und mitunter auch Unannehmlichkeiten zu erleiden, weil, -nun weil eine Gemeinde einen größeren oder geringeren Betrag ersparen will! Wir glauben darum, nachdem uns endlich nach langer banger Zeit in der ״Cantoren-Zeitung" ein Mittel zur Verständigüng geboten ist, unseren Collegen, die in dieser Beziehung gewiß auch ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben, die Ansicht zur Begutachtung vorzulegen, bei jeder Bewerbung um - -einen Posten die Klausel beizufügen: ״einer Einladumgzu einem Probevortrage nur dann Folge leisten zu können, wenn die Reisekosten in jedem Falle ersetzt würden". Fühlen wir uns solidarisch, so müssen wir auch solldarisch Vorgehen. Einmal als Regel anerkannt, wird cs auf diese Weise nicht schwer werden, einem Uebelstande in Kürze abgeholfen zu haben. Es wird uns dies um so leichter, als es heute bereits nicht wenige Gemeinden gibt, die, das Unwürdige dieses Vorgehens einsehend, nur eine bestimmte Anzahl, gewöhnlich drei Bewerber und diese nur nach vorausgegangener Einladung, zu einem Probevortrage zulassen und diesen auch die Kosten ersetzen. Wird dieser Vorgang erst allgemein angewendet, dann ist die Bewerbung um einen Posten ungemein erleichtert und mit mehr Discretion verbunden. Zugleich wird mit diesem Vorgehen das Parasitenthum, das wie überall, so auch in der Cantorenwelt seine Vertreter findet, auf dem Aussterbeetat gesetzt. Es wird dann das Echte und Tüchtige viel leichter zur Geltung kommen, als heute. Weil der wirklich Leistungsfähige von den gemeiniglich geübten Cabalen, als seiner unwürdig^ Umgang nimmt und sich damit bescheidet, lieber der Letzte unter den Löwen, als der Erste unter den Füchsen zu sein, wird ihm der Kampf nm's Dasein immer ein schwerer sein. Adolf Rotter. Kleine KHronik. Neuhaus. Nach nahezu siebenjähriger verdienstvoller Thätigkeit verließ unser Cantor, Herr David Ko hn, die hiesige Gemeinde, um seinen neuen Posten, auf welchen ihn die einstimmig erfolgte Wahl berief, nämlich den des Obercantors in Lundenburg, anzutreten. Zu unser Aller Bedauern sehen wir einen Mann aus unserer Mitte scheiden, der in seltener Weise es verstand, sich allgemeine Achtung und Beliebtheit zu erwerben und zu erhalten, der tüchtige Fachbildung mit allgemeinem Wissen verbindet und dessen Leistungen stets auf der Höhe der Zeit standen. Cantoren in Ungarn. Von einem ungarischen Collegen erhalten wir folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung: ״In Wieselburg fungirt durch drei Jahre ein Cantor, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreut; jedoch ist ihm der dortige Rabinatsaffessor feindlich gesinnt und bietet alles