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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-05-15 · Heft 18 (15.5.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 18 (15.5.1882)
Date
1882-05-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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׳7׳ ״Ich ließ Erkundigungen über das Vorleben dieses Mannes einziehen und was ich erfahren, bestärkte mich in meinem bereits gefaßten Glauben, daß dieser Mann äußerst gefährlich fei. ״Dieser Mann lebte früher, etwa vor achtzehn Jahren in Toledo. Er hatte eine junge, schöne Frau, er heißt Jochai Carmo. Seine Frau wurde entehrt von einem Edelmann und der Mann will sich jetzt rächen." Kraftlos lehnte sich der Abbe an einen hohen Schrank, um nicht zu Boden zu stürzen. ״Du bist Jochai Carmo?" fragte der Papst, während sein Gesicht todtenbleich wurde. ״Ja, ich bin Jochai Carmo, ich leugne es nicht!" ״Aus Toledo?" ״Aus Toledo!" ״Und ist das Uebrige auch wahr? Hat gestern Abends wirklich eine Versammlung stattgefunden, welche den Zweck hatte, mir das Leben zu nehmen?! Und Du wolltest Dich wirklich für — für die Vergangenheit rächen?" ״Ja, Alles ist wahr; ich wollte mich auch rächen, doch nicht so, wie jener Nichtswürdige erzählt hat. Wisset denn, er, der dies erzählt, er ist es, der-" ״Herbei, Ihr Leute!" unterbrach ihn der Abbe mit kräftiger Stimme. ״Führt diesen Mann, gut bewacht, daß er Euch nicht entkomme, nach der Engelsburg. Niemand darf ihn sehen, Niemand darf ihn sprechen, Niemand in sein Gefängniß eintreten, der nicht einen Schein, von mir selbst ausgefertigt, vorzuweisen im Stande ist." Jochai wurde nach dem Gefängnisse^ abgeführt. ״Ich segne Dich, mein theurer Sohn," sagte der Papst mit freudestrahlendem Antlitze zum Abbo, ״Du hast mir das Leben gerettet und ewig will ich Dir hiefür dankbar sein." Und leise entfernte er sich aus dem Gemache. ״Und ewig werde ich an diese Stunde denken," sagte der Abbe, während er mit unheimlichen Blicken nach der Thüre schaute, durch welche sich der Papst entfernt hatte. ״Ewig werde ich an diese Stunde denken, sie war die fürchterlichste meines ganzen Lebens und Du, Du sollst sie mir bezahlen, bezahlen" mit Deinem Leben." 10. In der Engelsburg. Wochen sind bereits vergangen und Jochai Carmo befand sich noch immer in einer scharf bewachten Zelle der römischen Bastille, in der Engelsburg. Dank der Fürsorge Derjenigen, welche ihn gefangen hielten, hatte er alle nur möglichen Bequemlichkeiten und nur die Freiheit allein mangelte ihm. Ein vortreffliches Lager war in seiner Zelle errichtet worden und mit freudigem Erstaunen gewahrte er auch eines Tages auf dem kleinen, in der Ecke stehenden Tischchen einen Theil seiner ihm liebgewordenen Bücher liegen. Und als er sich den ersten Tag seines Hierseins weigerte, die Speisen, die ihm gereicht wurden, zu berühren, da erblickte er einen kleinen Zettel, worauf der Rabbi der jüdischen Gemeinde im römischen Ghetto ihm mittheilte, daß die überbrachten Speisen von seinem Tische seien und er den Ueberbringer derselben bis an die Gesängnißthüre geleite, damit Jochai sicher sei, daß die überbrachten Speisen nicht verunreinigt würden. Er zählte die Stunden und Tage und sehnsuchtsvoll gedachte er der verlorenen Freiheit, gedachte auch mit Zorn und Abscheu Desjenigen, der sie ihm geraubt. Er durfte nicht daran denken, denn sonst befiel ihn immer wieder jene nervöse Aufregung. Und es legte sich immer wie ein blutiger Schleier über seine Augen und in seinem Herzen erwachte ein Verlangen, ein Verlangen, das schrecklich ist, wenn es aber vom Herzen des Vaters ausgeht, so fehlt hiefür jede Bezeichnung, das Verlangen, seinen Sohn zu tödten. ״Mit meinen Händen möchte ich ihn erwürgen," ries er laut, daß es in der Zelle widerhallte, ״erwürgen diesen Bastard des Judenthums, dieses schreckliche Geschöpf, welches sein Leben retten konnte, indem es Diejenige brandmarkte, welche ihm das Leben gab. ״Er ließ mich Hieherbringen, um des Zeugen seines unwürdigen Daseins entledigt zu sein. Er fürchtet mich und darum kommt er auch nicht. Er fürchtet mich, weil er weiß, daß Jochai Carmo Alles verzeihen kann, Alles, nur nicht den Verrath an seinem Glauben. Wie er mir gegeuüberstand, mit welch' festem Blick er mir irrs Auge schaute, als wäre sein Herz ohne Fehl und Falschheit, als wäre er nicht ein Christ! ״O! wie schrecklich ist es für ein Vaterherz, so sprechen zu müssen über sein eigenes Kind." Ein Geräusch an der Thüre machte ihn verstummen und unmuthig schaute er zum geöffneten Fenster hinaus. Er schaute die blauen, träge rinnenden Gewässer der Tiber, die unter seinem Fenster matt plätschernd an die Grundmauern des Gefängnisses anschlugen. ״O! wäre ich da unten," sagte er wehmüthig, ״wäre ich da unten, tief *bi» am Grunde, dann wäre es gut für mich, dann gäbe es kein Leid und keine Qual mehr für mich, dann müßte nicht dies arme Herz brechen vor Jammer und Schmerz." ״Vater!" Die Posaunen des Weltengerichtes können dereinst nicht größeres Erschrecken und Entsetzen bereiten, wie dieses nur schlicht und einfach gesprochene Wort. Hastig hatte sich Jochai nach dem Sprecher umgewendet und abermals standen sie sich gegenüber: Vater und Sohn. Die Zornesader auf der Stirne Jochai's war beim Anblicke seines Sohnes hoch angeschwollen, sein Gesicht von Blut unterlaufen. ״Fort von hier, Meineidiger! Fort von dieser Stätte!" ries er; ״willst Du Deinen frechen Uebermuth nochmals versuchen! Hüte Dich, es könnte Dich das Leben kosten, d'rum fort aus meinen Augen!" ״Nicht doch, Vater!" sagte Abbv Clemens mit ernster, trauriger Stimme; ״nicht so, Vater, das sind die Worte nicht, die ein Vater seinem Sohne zurusen muß, der achtzehn lange Jahre von ihm getrennt war, durch des Geschickes Mächte hinausgeschleudert in die brandenden Wogen der hochgehenden See des menschlichen Daseins. Das ist nicht die Sprache —" ״Sollte ich etwa Dich an mein Herz schließen?" höhnte Jochai; ״soll ich Dir zurusen, wie glücklich ich bin, mein Sohn, daß Du mich in meiner Gefangenschaft, welche Du über mich verhängt, besuchest, wie glücklich ich bin darüber, daß Du den Namen meines unglücklichen Weibes an den Pranger stellst? Soll ich Dir nicht zurusen, wie glücklich ich bin, daß mein Sohn — Christ geworden ist, daß er seinen Leib mit unreinen Speisen bis zum Zerspringen mästen kann; wie glücklich ich bin, daß mein Sohn-״ (Fortsetzung folgt.) CflSWMS8'-*r

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