Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 17 (7.5.1882)
- Date
- 1882-05-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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׳7׳ Im Osten graute der Morgen. Das erste schwache Lich^ Der Sonne begrüßte den neuen Tag, doch für Jochai war es 'kein neuer Tag, für Jochai war es das Versinken in die trübe! Macht der Vergangenheit. Ein Zwiespalt in seinem Herzen! war durch die Worte des Abbs Clemens hervorgerufen, dev ihn ״ nicht klar denken, nicht klar fühlen ließ. Ein Gedankt klebte in seinem Gehirn, ein einziger: ״man will denPapsti tödten". Und wer war der Papst? Es war der Mann, dem er glühend, tödtlich haßte, der Mann, der ihm muthw illig, um! seiner Lust zu fröhnen, sein ganzes Lebensglück zertrümmert.: Und Jochai knirschte mit den Zähnen und seine Augen nahmen: einen unheimlichen Glanz an.! ״Dank Dir, rächender Gott," rief er aus, ״bestraft wird!; er werden, er, der mich nm mein Weib gebracht, der mir! meinen Namen und meine Ehre brandmarkte, der mir meine: Familie gestohlen hat. Ja, Gott ist gerecht! Und dennoch,,! wie kläglich, wie erbärmlich ist doch die Vergeltung; was ge-: schieht ihm denn für alle diese fürchterlichen Unbilden, die er: mir zugefügt?! Sein nacktes, armseliges Leben, umgeben und! nufgeputzt von eitlem Glanz und eingebildeter, unnahbarer! Hoheit wird ihm genommen, was weiter?! Ein Augenblickdes Schmerzes und gesühnt hat er ein Leben voll Verbrechen!: ״Tiefer greifen kann man ja nicht, denn das Familien-: -glück, infeiner hehren Reinheit, das beglüchende Gefühl, Weib' und Kinder an bie Brust drücken und segnen zu können, für sie arbeiten und sorgen zu' dürfen, er kennt es ja nicht, hak es ja. niemals gekannt, er, das unwürdige Oberhaupt der ganzen Christenheit. ״Ja, Gott ist gerecht! Er wird bestraft, das Urtheil ist! gesprochen. Doch, wehe mir, wer hat dies Urtheil gesprochen? .Wer? Mein Gott, mein Gott, sende Licht in dieses Dunkels Der Pfaffenknecht, der unwürdige Günstling des unwürdigem Dapstes war es, der Mann, den ich einst mit Stolz meinest Sohn genannt hatte. Und wie so schrecklich erscheint er mir jetzt. Nicht allein abgefallen ist er vom einzigwahren Glauben seiner Väter, nicht nur ein Abtrünniger vom Judenthum ist -er geworden, sondern auch ein Verräther an seinem neuen Glauben, an seinem neuen Herrn und so steht er jetzt zwischen :Beiden, Keinem angehörend, seine Hand jederzeit bereit, zu — morden."------- ״Wie süß ist die Rache," begann er׳ wieder nach einer ''Pause, während Thränen, heiße Thränen des Gram's, des Schmerzes aus seinen Augen strömten; ״ja, süß ist die Rache, mag sie ausführen, wer will, gleichgiltig, wenn ich nur gerächt werde! Und er. den ich Sohn genannt, er wird seine Hand mit Blut beflecken, seine Seele mit Mord! Mein Sohn soll Len Mord ausführen. Er ist nicht mehr mein Sohn und Dennoch kann ich ihn vielleicht abhalten, aber dann, dann merde ich ja nicht gerächt!" Da tönen aus der gegenüberliegenden Synagoge die :frommen Gebete und Psalmen der zur Frühandacht sich Versammelnden zu ihm herüber. Er horcht auf. ״Gepriesen seiest Du, großer Gott, in Ewigkeit," rief Jochai, ״Du sendest mir Licht, strahlendes Licht in das Dunkel meiner Seele, Du zeichnest mir den Weg, den ich zu wandeln habe^ mit flammender Schrift vor: Du zeigst mir, wie ein :Jude, ein echter, wahrer Jude Rache üben soll an seinem Todfeinde. — Ich will mich nicht an die Vergangenheit er- ' innern, will nur daran denken, daß sein Leben bedroht ist, .ich will ihn warnen! ״Doch was geschieht dann mit ihm! Rette ich dem Papste, meinem Feinde, das Leben, dann muß mein Kind das seine dafür lassen. Man wird ihn auf die Folter spannen, ihn martern und quälen und endlich hinrichtcn. O. schrecklich, schrecklich! Und ich, ich kann es nicht verhindern? Du mein Gott, mache mich stark, daß ich meine Pflicht erfülle, ohne zu straucheln. Habe ich denn nicht schon zu lange gezaudert? Ist der Mord nicht vielleicht schon geschehen? Schreit das rauchende Blut des Gemordeten vielleicht schon um Rache und klagt seine Mörder bei Gott an? Und unter diesen bin dann auch ich, denn ich -konnte den Mord verhindern und Halm es nicht gethan. Ist es bereits zu spät, dann bin ich auch verloren. ״Nein, diese That soll nicht ausgeführt werden, ich will sie verhindern **und dabei versuchen, daß ich auch das andere Leben rette." Und plötzlich seine ganze Manneskraft, seine ganze Willensstärke wieder erringend, kleidete er sich eilig an, um seinen' gefaßten Entschluß auszusühren. 9. Vater und Sohn. Abb6 Clemens, der Günstling des neuen Papstes, ein noch junger Mann mit hübschen Gesichtszügen, welche orientalische Abstammung verriethen, sitzt, in einem geschriebenen Hefte blätternd, vor seinem SchreibUsche. ״Es ist sonderbar," sagte er zu sich, ״eine seltsame Gewalt treibt mich dazu, meine Gedanken, meine Pläne hier in diesem Buche niederzuschreiben; fände man es, ich wäre verloren und mit mir das Ziel meines Strebens, dem ich, vor den Augen meines Volkes, meine Ehre, meinen Glauben geopfert habe. Wenn sie wüßten, warum ich der Günstling des Papstes bin, wenn sie wüßten, wie der Glaube meines Volkes eingewurzelt ist in meinem Herzen! Doch sie dürfen es nicht wissen, niemals, und darum bin ich Christ und darum bin ich Priester der Christen. Wie das schmerzt, wie das brennt in meinem Innern! Arme,- arme Mutter, wie liebevoll, wie zärtlich warst Du Deinen Kindern zugethan und jetzt deckt Dich dumpfe, modrige Erde. Und warum?! Und welches schreckliche Herzleid mag wohl mein armer Vater haben bei dem Gedanken, daß sein Sohn, auf den er einst so stolz gewesen, abgefallen ist vom Glauben seiner Väter. ״Noch sehe ich das Erschrecken, das ihn befiel, als er ' mich gestern Abend erblickte; er erkannte mich sogleich, ich. sah es genau und ich, ich durfte ihn nicht an meine Brust drücken, tdfj. durfte ihm nicht sagen, Vater, ich bin Dein Sohn, Dein wahrer, echter Sohn, der Sohn, der niemals seinen alten, ehrwürdigen Glauben im Herzen abgeschworen, Dein Sohn, der leben und sterben wird als Jude. ״Was hat dies Geräusch zu bedeuten?" rief er Plötzlich, während er sich von seinem Sitze rasch erhob. Doch schnell folgte die Antwort, indem die Thür geräuschvoll geöffnet wurde und im Rahmen derselben Jochai Carmo, geführt von zwei Dienern des Papstes, sichtbar wurde. Abb6 Clemens taumelte wie yom Blitze getroffen zurück, doch schnell ermannte er sich und fragte in kaltem Tone, was die Ursache dieser Störung sei und weshalb man diesen Mann hierher bringe. (Fortsetzung folgt.)