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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-04-13 · Heft 14 (13.4.1882) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 14 (13.4.1882)
Date
1882-04-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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wißt Ihr auch, was Ihr sagt? Es soll nicht eine Stunde für mich kommen, wo es heißt : Du hast gelitten, Du wirst jetzt wiederum Deiner Familie zurückgegebi.,! werden! Elieh, bestimmt mir doch diese Stunde des Wiedersehens, saget, in zwanzig, in fünfzig Jahren und die Hoffnung auf ein Wiedersehen, ich fühle es. wird mir die Kraft verleihen, diese Stunde zu erleben, über nur verweist mich nicht auf's Jenseits." ״Sarah, Ihr macht mir das Herz nur noch mehr schwer und ich kann Euch doch keine Hoffnung geben. Soll es anders werden, so wird es Gott bestimmen und nicht ich." ״Also umsonst? Elieh!" ״Sarah, fasset Euch, kommt jetzt nach Hause, es wird Abend und es steht uns noch ein schwerer Weg bevor." ״Ja wohl, ein schwerer Weg," sagte Sarah gedankenvoll und Beide verließen das Grab, auf welchem ein Leichenstein stand, worunter kein Todter ruhte. 6. Ein Wieversehen. Der Abend war hereingebrochen. Scheuen Schrittes und dennoch rasch gehen die Beiden, welche kurz vorher den Friedhof verlassen hatten, im Schatten der Häuser dahin, ohne nur ein einziges Wort zu sprechen. Elieh hatte seine Mütze tief in die Augen gezogen und Sarah sich mit ihrem Tuche den Kopf und das Gesicht derhüllt. Sie wollen nicht erkannt werden, sie wollen nicht auf ihrem Wege verfolgt werden vom Hohne und der Spottsucht, doch sie bemühen sich vergeblich, unerkannt zu bleiben. ״Ist heute Jomtof?" höhnte plötzlich eine Stimme hinter ihnen; ״der Meschummed und die Wahnsinnige besuchen unsere Stadt, was doch sonst gewöhnlich nie an Wochentagen vorzukommen pflegt.".׳ ״Kommst Du heute wieder nicht in's Bethaus, Meschummed?" höhnte ein Anderer. ״Ei, laßt ihn doch in Ruhe," sagte der erste Sprecher; ״weshalb würden wir ihn denn Meschummed nennen, wenn er zum Gebete käme; er ist kein Jude, er ist kein Christ . . ." ״Höhnt nur, ihr Thoren," sagte Elieh leise, indem er wehmüthig lächelte; ״nennt mich Meschummed, weil ich bei meinem Hiersein nicht in's Bethaus komme, um nicht unser Geheimniß zu gefährden. Ja, ich will ein Meschummed heißen, bis ich das Ziel erreicht, welches ich mir vorgezeichnet habe." ״Laßt den Meschummed nicht fort, er muß mit uns in's Bethaus kommen," schrieen jetzt Einige durcheinander und umringten die Beiden. Elieh ballte die Fäuste und wollte sich mit Sarah einen Weg bahnen, doch seine Begleiterin beschwichtigte ihn immer mit leise geflüsterten Worten. Unschlüssig schaute Elieh ringsumher; was sollte er beginnen? . Da in der höchsten Noth, kam plötzlich unerwartete Hilfe. Ein schöner, hochgewachsener, noch junger Mann trat soeben aus einem in der Nähe befindlichen Hause auf die Gasse hinaus und näherte sich schnellen Schrittes der Gruppe, die sich um die Beiden gebildet hatte. ״Was soll's hier? Weshalb haltet Ihr die beiden Leute auf ihrem Wege auf? Was haben Sie Euch gethan?" Erschrocken hatten die Leute ihre Mützen abgenommen und, machten eine ttefe Verbeugung. Er, der da gefragt, war des Königs Leibarzt. .Ihr habt mir noch immer keine Antwort gegeben; nun denn," wendete.׳er sich in freundlichem Tone an Elieh, ״sagt Ihr mir, was dieser Auftritt zu bedeuten hat." ״Wir sind Fremde, Herr; eine heilige Pflicht führt uns alljährlich nach dieser Stadt, um ein Grab ״auf'm guten Orte" zu besuchen und um dort den Thränen freien Lauf zu lassen, die ein Jahr Hindurch in des Herzens Kammer eingeengt und eingezwängt waren. Und weil ich bei meinem Hiersein es versäume, das Bethaus zu besuchen, deshalb nennt man mich einen ״Meschummed", meine Begleiterin aber, weil sie sich scheu vor jedem Menschen zurückzieht, eine Wahnsinnige." ... ■ »Und deshalb sind diese Beiden Euren Rohheiten ausgesetzt? Weil Sie die kurze Zeit ihres Aufenthaltes nicht mit Euch in Berührung zu kommen wünschen?! Schämt Euch, geht und laßt uns allein." Und Einer nach dem Anderen verließ den Platz, bis die Drei allein zurückgeblieben waren. ״Kann ich Euch mit irgend etwas helfen?" begann der Arzt freundlich; ״ich würde es gern thun. Sprecht!" ״Nicht doch, Herr; wir danken Euch recht sehr für Euren Schutz, doch bedürfen wir nichts weiter. Wir verlassen ja morgen schon die Stadt." ״Und dennoch glaube ich mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, es drückt Euch Beide schwerer Kummer!" ״Und wenn es so wäre, Ihr könntet uns ja doch nicht helfen, Herr. Ihr habt es ja gehört, ich bin ein Meschummed und diese Frau ״eine arme Wahnsinnige"". ״Eben deshalb, glaube ich Euch helfen zu können; für ״die Wahnsinnige" kann der Leibarzt des Königs Hilfe bringen, für . den Meschummed, die zweite Hälfte des Leibarztes, der Rabbi Jehuda Halevy. r ״Mein Gott, welchen Namen habt Ihr ausgesprochen! Herr, Ihr seid --?" ״Ich bin Jehuda Halevy, des Königs Leibarzt. Doch kennt Ihr mich? Fast läßt mich Euer Erstaunen es vermuthen?" ״Nein, mein Herr, ich kenne Euch nicht, Hab' Euch noch nie gesehen; doch verzeiht mir die Frage, sie klingt unbescheiden; seid Ihr verheiratet?" ״Ja wohl bin ich's, Hab' eine schöne, treue Frau. Und wenige Monate erst sind Worbei, da schenkte mir meine Rebecca ein liebes Töchterlein." ״Rebecca, mein Gott!" stammelte 'die Frau, ״auch ich hatte eine Tochter gleichen Namens." ״Und wo ist sie jetzt?" ״Weiß ich's!" entschlüpfte unachtsam die Antwort Sarah's Lippen. ״Wie, Frau, Ihr wißt es nicht, wo Eure Tochter ist? Wie seltsam, die Mutter soll von ihrem Kinde nichts wissen?" ״Seht Ihr, Elieh, seht Ihr," jammerte Sarah plötzlich auf, ״die Mutier gehört zu ihren Kindern; sie nicht zu verlassen, ist ihre heiligste Mutterpflicht!" ״Ja wohl, arme Frau, es ist die heiligste Mutterpflichtt Ich will mich, nicht in Euer Vertrauen drängen und dennoch, ein unbeschreibliches, unsagbares Etwas zieht mich zu Euch hin. Könnt Ihr mir nicht den Grund Eures Leides sagen? Vielleicht kann ich Euch helfen." ״Herr, könnt Ihr die beiden Pole der Erde einander nähern?" fragte Elieh erregt; ״ebenso wenig könnt Ihr uns helfen." - (Fortsetzung folgt.)

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