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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-03-20 · Heft 11 (20.3.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 11 (20.3.1882)
Date
1882-03-20
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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.,Laßt fte!“ riefen wieder Andere, ״der Schmerz hat ihren Geist umnachtet." — ״Nehmt das Geld, nehmt, nehmt, aber für meinen Jehuda müßt Ihr beten, damit ich ihn lebend und gesund sehe," ruft sie wieder und abermals streut sie Geld unter die Menge, dann eilt sie hastig vorwärts, der Synagoge zu. 2. Der 9. Ab. Ein Trauertag ist heute in Israel, es ist der 9. Ab. Zweimal ist dieser Tag gar verhängnißvoll für Israel schon gewesen. Es ist der Jahrestag, der Gedenktag an jenes Unglückselige Ereigniß, welches dem jüdischen Volke seine Selbstständigkeit für immer raubte — der Tag, an welchem zweimal der heilige Tempel zu Jerusalem in Schutt und Trümmer zusammenstürzte. Und wie sie auf der ganzen Erdrunde, wo immer auch nur zehn Juden wohnen, sich an diesem Trauertage versammeln und ihre Klagelieder singen, so geschieht es auch im Bethause der Judengemeinde zu Toledo. Die ganze Gemeinde hat sich eingesunden, die Häupter sind heute nicht eingehüllt in den Tallit, in den weißen, niederwallenden Gebetmantel, der sonst ihre Körper verdeckt, baarfüßig sitzen sie heute a׳.ls dem bloßen, kalten Gesteine des Bet- Hauses, das Gesicht zur Erde gesenkt, Gebete in klagendem Tone seufzend. Ja, es ist ein Tag der Trauer und des Schmerzes und darum fasten und beten sie, flehen Gott an, daß die zerstörte Gottesstadt neu verjüngt ans Schutt und Trümmer emporsteige, gleich dem Vogel Phönix aus seiner Asche. Und wie sie so andächtig beten und der ganze heilige Raum erfüllt ist von den Schmerzes- und Trauerklagen, da mit einem Male stürzt eine Frau mit einem tauten Aufschrei in das Bethaus hinein. Unentschlossen eilen ihr die Versammelten entgegen, um sie zurückzuhalten von den Räumen, die nur für Männer bestimmt, doch eine gebietende Handbewegung dieser Unglücklichen macht sie scheu zurücktreten. ״Was wollt Ihr?" ruft sie mit markiger Stimme. ״Rührt mich nicht an, das Unglück ist gefeit, darum weichet zurück. Mit Euch habe ich nichts zu schaffen, mit Euch nicht, denn Ihr seid nur armselige Erdenwürmer, mitleiderregende Creaturen, die im Staube kriechen müssen, so lange, bis Gott sie abberuft. Ich, ich habe mit ihm, dem Allgewaltigen, mit Gott allein zu sprechen und darum zurück! ״Ja, schaut mich nur staunend an, wundert Euch nur darüber und doch ist's so! ״Gekommen bin ich, um mit Gott zu sprechen, um Rechenschaft von ihm zu fordern! ״Oder ist es etwa einer armen Mutter nicht gestattet' zu fragen, warum, ohn' allen Grund, warum man ihr ihr einziges Kind raubt?!" Und abermals will sie nach vorwärts, die Stufen hinan, die zum Heiligthum führen. ״Halt, Weib! Zurück!" ruft der Rabbi der Gemeinde- ״Wie darfst Du es wagen, hier einzudringen und solch' gottlose Worte zu sprechen?" ״Wie darfst Du es wagen, Rabbi" — ruft die Unglückliche hoheitsvoll in leidenschaftlichem Tone, ״mich aus dem Hause des Herrn verdrängen zu wollen?! ״Ich bleibe und nochmals rufe ich Euch zu, zurück Ihr Alle, ich will Rechenschaft fordern von Gott!" Verzweiflüngsvoll öffnet sie die Bundeslade, umklammert eine der Gesetzesrollen mit beiden Händen und drückt sie an ihre Lippen. ״Ich halte sie fest diese Thora und Niemand soll sie mir entreißen, diese Thora, die Du, Allgewaltiger, einst auf dem Berge Sinai Deinem auserwählten Volke gegeben hast, gegeben unter Blitz und Donner zum Zeichen, daß Du ein eifervoller und doch ein allliebender Gott seiest. ״Ach! Du bist auch ein strafender Gott, aber warum, warum, wofür strafst Du mich?! ״Habe ich diese Deine Gesetze, diese Dejne Gebote nicht geachtet, nicht heilig gehalten, nicht befolgt?! Habe ich diese Deine Gebote nicht meinem Kinde gelehrt, es nicht zur Frömmigkeit und Gottesfurcht erzogen?! Habe ich nicht gelebt, wie es der Frau eines echten, wahren Juden zukommt?'. ״Wofür strafst Du mich? Nimmst mir mein Fleisch und Blut, nimmst mir mein Einziges was ich auf Erden besitze? ״Nimm mein Vermögen mir, mit Freuden gebe ich's hin, will nackt und arm von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von einem Theil der Welt zum anderen mit meinem Kinde ziehen, will betteln für den Lebensunterhalt, nur lass' mir mein Kind, lass' mir mein Kind! ״Und willst Du mir meine Bitte nicht gewähren, willst mein Flehen nicht erhören, willst meinen Sohn Du mir nimmer geben, dann schleudere Deinen flammenden Blitz auch auf mich nieder, auf daß er mich zermalme und zu Asche brenne, denn nichts weiter habe ich hier noch zu schaffen auf Erden, wenn Du mir mein Kind genommen! — Ich will nicht leben, ich will nicht; nimm dieses mein Leben wieder zurück, nimm es zurück dieses mich quälende Gnadengeschenk!" Da mit einem Male befällt ein Zittern den ganzen Körper des armen, bis zum Wahnsinn aufgeregten Weibes und lautlos bricht sie vor der Thora zusammen. Und seltsam, keiner der Anwesenden nähert sich ihr. Alle harren lautlos in heiliger Scheu! Hat Gott dies Weib für ihren großen Frevel schon gestraft, ist sie bereits im Reiche der Todten?'. Nein! sie lebt, sie erhebt sich vom Boden, ihr Antlitz ist verklärt, überirdisch. Ihr Auge ist starr gegen den Himmel gerichtet, als sehe sie denselben geöffnet, als höre sie seltsam gcheimnißvolle, nur ihr allein verständliche Worte. ״Stille, stille," flüsterte sie leise; ״hört Ihr das Rauschen und Schwingen, hört Ihr Musik und Gesang? Es sind die Engel im Himmel, die den Allmächtigen lobpreisen. ״Stille, stille, die Wolken zerreißen, der Himmel öffnet sich und ich sehe im Strahlenglanze den Allgewaltigen und all' das Licht, das ausströmt, es blendet meine Augen, es blendet meine Sinne, es macht das Herz mir stille stehen. Ich sehe ihn und seh' ihn nicht, ich höre seine Stimme und doch tönt's nur in meinen Ohren, wie das Rollen des Donners. ״Hört Jhr's, vernehmt Ihr die Worte: Geh' heim, Du arme Mutter, Dein Jammer, all' Dein Herzeleid, sie haben gerührt den Ewigen. Dein Sohn kehrt wieder aus der grausen Nacht des vermeintlichen Todes. ״Jehuda lebt!" schrie plötzlich das Weib und mit stürmischer Gewalt eilte sie aus dem Bethause, ihr nach die ganze Gemeinde. (Fortsetzung folgt.)

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