Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 11 (20.3.1882)
- Date
- 1882-03-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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euilb'eton. LehuLa den HaLevi. Historische.Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. <Nachtr»lk slrrng vkrtrren! Ueterittzungkrecht rcrteh2l!cn ) 1. Eine arme Mutter. In Castiliens Hauptstadt, in Toledo, dort, wo die Leute von ״der Gasse" ihren Aufenthalt angewiesen haben, dort in einer kleinen, niederen Stube ist Schmerz und Verzweiflung eingekehrt. Schmerz und Verzweiflung, gar traurige Gäste, gar gewichtige Wörter im Buche des Lebens. Ein düsteres Bild ist es, welches wir genöthigt sind, unseren geehrten Lesern zu zeigen. Eine Mutter, eine v e rzweifelnde Mutter am Bette ihres kranken, dem Sterben, nahen Kindes. Sie weint nicht, sie betet nicht, ihr Auge ist trocken fieberhaft geröthet und nur von Zeit zu Zeit kann man an dem krampfhaften Aufschluchzen erkennen, daß diese Frau des Jammers, der Verzweiflung Beute ist. O! wiedas schmerzt, wiedas brennt, die Augen trocken und Thränen, heiße Thränen im Herzen. Vergebens hat sie alle Hilfe herbeigerufen, die nur zu finden war, um das Leben ihres 16jährigen einzigen Sohnes zu erhalten, es war umsonst. Er war dem Tode verfallen. Doch das Mutterherz, es wollte nicht an solch' schreckliche Wahrheit glauben. Er mußte leben, er durfte nicht sterben, er war ja ihr Alles, ihr Einziges auf dieser Welt Dieser Sohn, er durfte nicht sterben. Ein kleines, etwa 6jähriges Mädchen hat ihr blondgelocktes Köpfchen ermüdet auf das Kissen des sterbenden Knaben gelegt und war eingeschlummert. Welch' großartiger Contrast zwischen diesen beiden Kindern! Der Jüngling, eine Beute des Todes, mit eingefallenen, bleichen Wangen, fahlen Lippen und weitgeöffneten, glanzlosen Augen, die ausdruckslos starr im Gemache umherirrten und dieses kleine Mädchen, das Bild des Keimens, des Lebens, ahnungslos in ruhigem Schlummer gewiegt. Wie nahe mochten sie wohl in ihren Gesinnungen zueinander gestanden haben! Und jetzt, nur wenige Momente noch, sie sollten für immer von einander getrennt sein. Viele Tage und Nächte hindurch saß die Mutter bereits am Bette ihres kranken Lieblings, dem Ebenbilde ihres geliebten Gatten, den sie vor wenigen Jahren nach dem ״guten Orte" hinaustrugen. Heute siegte die Erschöpfung über den Willen dieser Mutter und eine wohlthätige Ohnmacht nahm ihre Sinne gefangen.- Und sie erwacht und sie erlangt ihr Bewußtsein — ihre Besinnung wieder. Ihr thränenumflortcs Auge sieht hin nach dem Bette ihres einzigen Kindes. Geht es ihm besser? Hat Gott Segen geschickt, hat er der armen Mutter Trost gespendet?! Wehe! Vor dem Bette sieht sie einen Mann stehen, es ist Eli ah Carmo, ihr Nachbar, der Onkel des blondgelockten kleinen Mädchens. Er neigt sich über die bleiche Gestalt ihres Sohnes, er läßt keinen Blick von ihm, er neigt sich wieder zu ihm, er horcht mit größter Anspannung seiner Hörkraft, seine Lippen lispeln Gebete. Thränen entquillen seinen Augen, er deckt ein Leinentu ch üb er das starre Antlitz, stellt ein br ennendes Licht zu Hauptendes Bettes. Was hat dies zu bedeuten?- ״Wo ist mein Sohn, mein Abgott?" schreit die Frau im Tone der Verzweiflung; .gebt mir meinen Sohn!" Schweigend zeigte Eliah auf die verdeckte Gestalt im Bette. Da, mit einem Male umzieht ein Lächeln des Wahnwitzes das bleiche, abgehärmte Gesicht der armen Mutter. ״I e h u d a," fugte sie, ״gib Du mir doch Antwort, wenn schon Alle mich verlassen, gib Du Antwort mir, gib sie Deiner armen, armen Mutter, der Du ihr einziger Trost, ihre einzige Freude bist. ״Er hört mich nicht, er will mich nicht hören," schrie sie. ״Jehuda, sprich doch zu mir, zu mir, Deiner Mutter!" Und mit einem einzigen Rucke hatte sie das Leinentuch von: Körper ihres Sohnes hinweggezogen und starrte in das bleiche Gesicht mit den eingefallenen Augen — ihres tobten. Sohnes. Da schien es für einen Moment, als wenn sich diese Frau ihres Elendes, ihres Jammers, in seiner ganzen nackten, gräßlichen Wirklichkeit bewußt würde. ״Jehuda, treuloses Kind, mein süßer, stolzer Engel, er ist tobt! Alle i n läßt Du mich zurück mit meinem gebrochenen Herzen, allein läßt Du mich zurück auf der Erde mit meinem Grame. O! Jehuda, was hat Dir Deine arme Mutter gethan. Habe ich nicht für Dich genug gesorgt, mich nicht gekümmert, habe ich Dich denn nicht geliebt, geliebt mit dem Blute meines Herzens? Jehuda!-— Oeffne Deine lieben, großen Augen, die mir stets so freundlich, liebevoll entgegenstrahlten, wenn Du Abends nach angestrengter Thätigkett die heiligen Bücher schloffest, öffne noch einmal Deine Lippen und sprich zu mir in jener liebevollen, sanften Weise, in der Du es so sehr Deiner Mutter gegenüber gewöhnt warst. ״Vergebens, vergebens, er hört es nicht, er ist todt, todt, mein Jehuda — todt! ״Doch nein, nein! noch ist Hoffnung, er kann ihn retten, er muß ihn retten.". Und ihrer plötzlichen Eingebung, folgend, eilte sie in wahnsinniger Hast aus dem Gemache. Sie eilte hinab über die- Stiege, zum Hause hinaus, mitten auf die Straße. — ״Nehmt, nehmt, betet für meinen Jehuda betet für meinen tobten Sohn," und mit beiden-Händen schleudert die arme Mutter — reiche Geschenke unter die Menge, welche sich um sie herum angesammelt hatte. ״Höre, Israel!" ruft sie, ״rette meinen Sohn, der todt und kalt jetzt, rette ihn, gib mir ihn lebend wieder, damit ich seinen starren Leib an das warme Mutterherz legen kann, um ihn zu wärmen; rette ihn, denn sonst wehe, sonst entzünde ich einen Weltenbrand im Hause Israel! Was ist der Glaube, was ist der Gott der Juden, unser Gott, wenn er nicht einen Tobten lebend machen kann!" ״Haltet sie auf, sie frevelt gegen Gott," riefen die Leute untereinander. —