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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-03-12 · Heft 10 (12.3.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 10 (12.3.1882)
Date
1882-03-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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12. Aessach. Wie verschieden war doch, heute die erste Sedernacht von der vor 22 Jahren im Hause des Chasan Schlome Meir. Heute saßen nur Glückliche um den Tisch herum, welche andächtig der ״Hagadah" zuhörten, welche vom Chasan mit lauter Stimme gelesen wurde. Obenan saß er — ihm zur Seite seine beiden Söhne— Jisrael und Jochanan. Neben diesen Rafael, Helene und deren Mutter. ״Rabbi," sagte Plötzlich Helenens Mutter — ״sollten an diesem Feste nicht alle zur Familie Gehörigen theilnehmen? Sagt — ist es nicht so?" — ״Ja wohl — Ihr habt Recht — es ist so — doch wer sollte noch hier sein — es fehlt doch Niemand." ״Niemand?" ״Meint Ihr die Todten?" ״Ich meine die Lebenden." Der Chasan. begann zu zittern. ״Was sollen Eure sonderbaren Worte? — Was wißt Ihr mir zu sagen?" ״Ihr habt damals Erkundigungen eingezogen — um — Eure verlorene Tochter; — die Leute sagten Euch — sie wäre todt — ertrunken — im See. — Die Leute sprachen ihre Meinung aus — nicht aber ihr Wissen. Eure Tochter war damals am Leben!" ״Sie lebte? — Und weshalb kam sie nicht zu mir?" ״Weil Kummer und Schmerz ihren Geist umdüstert hatten — weil ein böser Geist ihr zugeflüstert — sie habe das Herz ihres Vaters auf ewig verloren. Darum kehrte sie nicht heim — darum hatte sie sich nicht vor Euch auf die Kniee geworfen und Eure Verzeihung erfleht — darum glaubte sie den Frieden ihrer Seele nur auf geheiligter Erde zu' finden — und war nach Palästina gezogen, um dort zu sterben." ״Zu sterben?" fragte der Chasan traurig. — ״Ihr sagt zu sterben? — O! warum ist sie nicht gekommen," rief er mit lauter Stimme, ״ich hätte ihr verziehen — ich hätte sie an meine Brust gedrückt." Und leise — leise öffnete sich die Thüre und Rosa, die Tochter des Chasan, erschien an der Schwelle. ״Verzeihung — Verzeihung." schluchzte sie und hob beide Hände flehend empor. ״Was war das — was war das?" rief der Chasan von seinem Sitze emporspringend; ״wer ruft Verzeihung? — Wer?" Und der alte Chasan sah die Gestalt am Boden liegen und eilte auf sie zu. — ״Stehe auf und wer Du auch sein mögest, was Du auch verschuldet — Gott wird Dir verzeihen." ״Und Du, Vater," rief Rosa leidenschaftlich und umklamwerte seine Füße. ״Allmächtiger, ewiger Gott, — Rosa, mein Kind!" schrie der Rabbi, ״ich habe sie wieder — mein Kind — mein armes, armes Kind." Und der Chasan preßte seine wieder heimgekehrte Tochter an seine Brust, als wollte er es hindern, daß sie sich jemals wieder von ihm entferne. — ״Wie glücklich bin ich geworden," jubelte der alte Mann; ״lass' mich Dir in's Auge schauen, lass׳ mich schauen, damit ich darin lese all' die Qualen Deiner Seele, , all' den. Jammer Deines Herzens, all' das Elend von zweiundzwanzig Jahren. — O! ich sehe es, während all' dieser langen Schreckenszeit hast Du nicht ein einziges Mal Deiner Heimat vergessen; nicht wahr, Rosa?" ״Ja, Vater, Du hast wahr gesprochen. Während all' dieser langen, bitteren Zeit habe ichimmer und immer wieder an mein Eden gedacht, daß ich, bei Euch hier böswillig verlassen; und überall, wohin ich gekommen — wohin mein Fuß sich wendete — fand ich nicht Ruh', nicht Rast. Immer und immer wieder mußte ich weiter wandern — getrieben von meinem eigen ״Ich"." ״Sieh', meine Tochter," begann der Rabbi, als sich der erste Sturm der Freude — des Glückes gelegt, ״Gott ist unerforschlich in seinen Rathschlüssen, seinen Bestimmungen. Er ließ mich heute mein todtbeweintes Kind wieder in meine Arme schließen — er schenkte mir wieder mein Augenlicht — welches ich für. immer verloren glaubte. — Auch Dir zeigt sich. Gott barmherzig — auch Dir schenkt er heute Deine׳ Familie, welche Du für immer verloren glaubtest und — ״Rafael," sagte der Rabbi plötzlich — ״erinnerst Du Dich unseres Gespräches vor wenigen Wochen? — Du fragtest mich, ob ich Deine Mutter gekannt — wo sie sei. — Und ich antwortete Dir: Ja— ich habe Deine Mutter gekannt. — Sie war schön — schön wie eine Maiennacht — gut und fromm — liebevoll und zärtlich." Der junge Mann war bleich geworden — Rosa begann zu zittern. ״Ich kenne Deinen Schmerz, Rafael, denn Du in Deiner Brust eingeschlossen — Du verlangst nach Deiner Mutter. —׳■ Bis heute konnte ich Dir — Nichts über sie sagen — und bis heute wußte ich nicht, ob sie todt oder noch am Leben." ״Mein Gott — mein Gott" — flüsterte Rosa — ״diese Ähnlichkeit!"- ״Rafael — geh' hin zu dieser Frau — von heute an sollst Du nicht mehr allein stehen in der Welt — sie ist Deine Mutter! ~ V " ' “־״ . ' Ein doppelter Schrei wurde hörbar und daun lagen sich Mutter und Sohn -- die so lange Getrennten — in den Armen. Meine Mutter — meine Mutter!" flüsterte Rafael immer und immer wieder und bedeckte Rosa mit seinen Küssen. Und dann — dann sank er vor dem Rabbi auf seine Kniee. ״Großvater," sagte er, ״Dank Dir — Dank Dir für all' das Glück." — — Ja wohl — diese Sedernacht — war ganz verschieden von der vor zweiundzwanzig Jahren.- Monate waren seit dieser Nacht vergangen — da standen Rafael und Helene unter der Chupa im Bethause des Ghetto's zu. Prag und der greise Chasan Meir segnete den Bund dieser beiden Herzen ein. Rosa lebte im Hause ihres Vaters von nun an glücklich und zufrieden und wie ein wüster Traum war ihr die Erinnerung an ihr Unglück. Rafael verblieb mit feiner jungen Frau im Ghetto und wurde von seinen Glaubensgenossen hoch geehrt — da er sein ihm zugefallenes Erbtheit fast ausschließlich nur zur Erleichterung der Nothlage von Hilfsbedürftigen verwendete und sein großes Wissen jedem Kranken zu Gebote stand. Die beiden Söhne des Chasan erhielten Ehrenstellen in der Gemeinde und so lebte die ganze Familie im engen Ghetto glücklich beisammen, um nur zeitweilig -im Sommer, auf einige Wochen, nach dem kleinen Gebirgsdörfchen hinaufzusteigen und in der Hütte des Reb Aron Mordechei, welcher sich endlich von seinem unsteten Wanderleben zur Ruhe gesetzt zu verweilen.- K n d e.

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