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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-02-08 · Heft 6 (8.2.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 6 (8.2.1882)
Date
1882-02-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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— y enxZZeto n. Die Tochter des Chasan. Original-Erzählung aus vergangenen Tagen von Ad. v. Zemtinszky. (Alle Rechte Vorbehalten.) 5. Fortsetzung. ״Und als sie vorüber waren, als mein Blick sie nicht mehr erreichen konnte, da fühlte ich Plötzlich Thränen in meinen Augen und, verzeih' mir, Mutter, — ich erinnerte mich an meine düstere Vergangenheit, an mein Leben, dem nie ein Sonnenstrahl des Glückes theilhastig geworden. — Verzeih' mir, Mutter — doch ich kann nicht anders — es brennt mir in der Seele. ״Als kleines Kind nahmt Ihr Euch meiner an, zöget mich groß, — ließet mich lernen verstehen die heiligen Worte unserer altehrwürdigcn Tradition, ließet mich lernen zu lieben unseren alten Glauben, den Glauben unserer Väter; ich durfte Euch meine Eltern nennen. — Und dennoch, gerade sie, — — meine wirklichen Eltern, sie fehlen mir — niemals habe ich sie gesehen — und wenn ich alle Schätze der Welt mein Eigen nennen würde, — für einen einzigen Kuß meiner Eltern würde ich sie freudig hingeben. — Ich weiß wohl, daß dies nicht möglich, — denn Todte werden nicht wieder lebend und ich bin eine Waise." - ״Du weißt nicht, was Du sprichst," sagte die Frau, ״solche Gedanken sind gottlos, denn niemals darf man Verlangen tragen nach Unerreichbarem." — Und schweigend klappte sie die Bibel zu, nahm eines der am Tische stehenden brennenden Lichter und verließ das Gemach.' ״Was ist das, Helene?" fragte der junge Mann, ״was mag wohl die Mutter so erregt haben? Mehrmals bereits machte ich dieselbe Wahrnehmung." ״Ich weiß es nicht," sagte Helene einsilbig und nachdenkend. Rafael hatte sich in einen Lehnstuhl niedergelassen und vertiefte sich in einen dicken hebräischen Folianten. Helene nahm eine Arbeit zur Hand und schaute zeitweilig vor sich hin- War cs der Wind, der draußen in den alten Bäumen rauschte, oder war es die Wanduhr mit ihrem monotonen Ticken, oder war es das Bellen der Hunde im Dorfe, oder die Schwüle im Zimmer, was Rafael störte — er legte gar bald das Buch wieder aus den Händen. ״Wenn es Dir angenehm ist, Helene," sagte der junge Mann, ״so laß uns nach dem Garten gehen, die Schwüle herinnen ist unerträglich." Und dann waren sie nach dem Garten hinausgegangen und zur Pforte hinaus, die nach dem Wald führte. ״Sage selbst, Helene," begann Rafael endlich nach langem Schweigen, ״habe ich nicht Recht, soll ich nicht traurig sein bei dem Gedanken, Diejenigen, die man lieben und verehren sollte, gar niemals gekannt zu haben?" ״Und dennoch, Rafael, bist Du im Unrechte. Weshalb beschwörst Du immer und immer Geister und Phantome aus längstverklungenen Zeiten heraus. Du hast Deine Eltern niemals gekannt, dies ist ein Unglück, — ein schweres Unglück, — doch darfst Du deshalb mit der Vorsehung hadern? Warmm dieses Selbstquälen, denke, Gott hat es so gewollt und bist Du deshalb verlassen, hast Du nicht wenigstens einen theilweisen Ersatz an uns gefunden?" ״Ja wohl, Du hast recht, Helene, laß uns nicht weiter sprechen." Sie waren Beide, ohne des Weges zu achten, bis an einen kleinen Abhang gelangt, der von hier aus steil abfiel und eine kleine Plattform bildete. Die Strahlen des Mondes, welche bisher nur spärlich durch die dichten Baumwipfeln durchzitterten, übergossen jetzt mit einem Male die ganze Landschaft zu ihren Füßen. Gar seltsam schimmerten die weißen, zackigen Felsgesteine und ihr Widerschein ließ den gegenüberliegenden Wald in Tageshelle erscheinen, klar und deutlich war jeder Ast, jedes Blatt auf den Bäumen ersichtlich. Und am Saume des Waldes in magischer Helle gewahrten die Beiden plötzlich eine weibliche Gestalt auf das Moos hingesunken, still, regungslos. ״Sieh dorthin," flüsterte Helene. ״Kennst Du sie?" fragte Rafael. ״Ich weiß nicht, wer sie ist. Erst wenige Tage hält sie sich in unserer Gegend auf. Doch kehren wir zurück und stören wir die Arme nicht in ihrer Einsamkeit." ״Jedenfalls eine Unglückliche," meinte Rafael, ״die von schwerem Kummer gepeinigt, ohne Heim rastlos umherirrt, nirgends Ruhe findet." ״Wenn ich den Kummer dieser Frau schaue," sagte Helene, als sie wieder in den Wald getreten waren und nach dem Hause zu gingen, ״wenn ich sehe, wie der Schmerz ihr Lebensblut trinkt, wie sie sich, um nur wieder mit ihren Lieben vereinigt zu sein, nach dem Grabe sehnt, da möchte mir fast das Herz vor Weh brechen. Und sie sehnt sich nach der Ruhe, der Stille des Grabes, wie der Jude nach E1*ez Jisvael. Ich selbst habe sie zufällig gehört. Gestern an derselben Stelle- Ihr Gesicht war von Thränen überströmt'. O! sie war schön, — wunderbar schön, — doch nur zu deutlich ist der schwerste Kummer, das tiefste, herbste Seelenleiden in diesen Gesichtszügen ausgeprägt. Sie war, wie es schien, eben hier im Orte angekommen, unendlich müde, denn bei jedem Schritte, welchen sie nach vorwärts that, strauchelte ihr Fuß, bis sie endlich erschöpft, sich nicht mehr aufrecht halten konnte und auf den Rasen niedersank. Ich wollte ihr zu Hilfe eilen, da ich fürchten mußte, daß die arme Frau irgendwie Schaden genommen oder gar krank sei; doch als ich näher kam, hörte ich eine wunderbar melodische Stimme und ohne es zu wollen, konnte ich ihr Gebet — denn ein solches war es ja doch, was die Frau unter lautem Weinen sprach — anhören. Wahrscheinlich hatte sie ihr Kind auf irgend eine schreckliche Weise verloren und darum bat sie Gott — daß sie mit ihrem Kinde bald vereiniget würde. Sage, Rafael, findest Du es nicht schlecht, daß ich so lustig und froh mit keckem Muthe ringsum mich sehe, während so schwerer Kummer, so tiefes Elend in meiner unmittelbaren Nähe sich befindet? ' ״Wir sind jung, Helene, und Sünde wäre es, wenn wir dem Kummer dauernde Macht über uns einräumten. Schmetternd stürzt der kleine Gebirgsbach dem Felsen nach abwärts, der seinen Lauf hemmen will, er ist jung, ausgelassen; der Fluß im Thale ist viel ruhiger, bedächtiger, er läßt Alles liegen, was er leicht umgehen kann."- (Fortsetzung folgt.) jk nwsw» M• ׳ .1.waL,

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