Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1882)
- Date
- 1882-01-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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guiigcus — der Jagd — ganz und gar vergessen habe — und er ging jagen. Er nahm immer zärtlichen Abschied von seiner jungen Frau —um Abends, jedoch oft mißmuthig und verdrossen heimzitkehren, wenn er so den ganzen Wald durchstreift, ohne irgendwo die Spur eines Wildes gefunden zu haben. Und früh Morgens — ehe noch die Leute aus den Federn waren, eilte schon der junge Schloßherr den nahen Waldungen zu, um sich für sein Mißgeschick vom vorangegangenen Tage zu entschädigen. Und ein Tag folgte so dem anderen — der Schloßherr fühlte Langweile — unendliche Langweile — und gar bald widerhallten die Räume des früher vereinsamt gewesenen Schlosses von dem Gelächter heiterer Jagdgesellschaft, die zeitlich des Morgens nach dem Walde hinaus zog, um spät Abends lärmend wieder zurückzukehren. Und dann wurde getäfelt, gezecht — gelacht und gejubelt, und Niemand — nicht Herr — nicht Diener, kümmerten sich ittn die arme Schloßherrin, die weinend in ihrem einsamen Gemache, saß — die zum sternenhellen, azurblauen Himmel emporschaute — die ihre Blicke gar sehnsüchtig am Horizonte suchend umherschweifen ließ — um jenen kleinen Flecken auf dem großen Erdenballe zu erschauen, wo ihre Heimat gewesen. Ihre Heimat, wo sie so glücklich — so zufrieden gewesen. G e w e s e n der Liebling — der verzärtelte Liebling ihres Vaters, die Beschützerin ihrer Geschwister. Vorbei — vorbei! ״Verzeiht mir, Ihr Guten," schluchzte sie — ״verzeiht mir, denn für meine Fehler bin ich gestraft — hart gestraft durch Denjenigen, um dessentwillcn ich zur Verbrecherin an Euch und meinem Gott geworden, um dessentwillcn ich sogar gerne und freudig niein Herzblut gegeben hätte; ich bin gestraft — denn er fühlt für die Jüdin nicht mehr die Liebe, die er mir vorgeheuchelt, ich bin Ihm gteichgiltig — wenn nicht noch mehr. ״Doch Eines, Vater — Eines schwöre ich Dir, und mögen die Lüfte erbarmungsvoll sein und Dir diesen Schwur hinterbringen. — Was auch geschehen möge — wie sich auch mein Geschick gestalten sollte — treu und standhaft will ich an meinem Glauben, an dem heiligen, wahren Glauben meiner Väter hängen —nicht straucheln, nicht fallen. Und was ich selbst verschuldet — ich will es auch standhaft tragen." Und eine Sterns chnuppe löste sich ab vom dunklen Firmamente und stimmerte zur Erde, nieder. — War dies ein Zeichen, daß Gott die Worte gehört?! Und sie waren wieder wie gewöhnlich beisammen und zechten — der Schloß Herr und seine lustigen Freunde — als man den Hausherrn abberief — zu seiner Gattin. — Und dieser, mißmuthig ob der eingetretenen Störung, betrat mit geröthetem Antlitz, mit wankenden Schritten das Gemach seiner Frau — welche ihm wehmüthig lächelnd einen neugebornen Säugling zeigte — seinen Sohn. Und flüchtig küßte er dessen Stirne — reichte Rosa die Hand und begab sich dann wieder zu seinenZechgenossen, um das freudige Ereigniß würdig zu begrüßen. ״Vorbei — vorbei," ächzte Rosa auf ihrem Schmerzenslager; ״das Einzige, was unsere Verbindung festigen sollte, dieses arme, unschuldige Kind hat keinen Werth für ihn und dunkel unheimlich steht die Zukunft vor mir." Das tolle Leben hatte ein Ende. — Auch am zweiten und dritten Tage herrschte Ruhe im Schlosse. Der junge Edelmann lebte nur seiner Gattin — seinem Kinde — doch am vierten Tage wurden bereits Boten nach allen Richtungen entsendet, um Gäste zu laden. — Sollte doch in wenigen Tagen schon die Taufe des Neugeborenen stattfinden. Und der junge Edelmann lud seine Zechgenossen und rücksichtslos lärmte es wieder in den Räumen des Schlosses von tollen Zechgelagen.- Uebcr die felsigen Gebirge war ein Gewitter heraufgezogen — und nur mühsam drang zeitweilig ein dünner Strahl des Mondes durch das dunkle drohend zusammengeballte Gewölke. Es herrschte eine eigcnthümliche Schwüle — die beängstigend, drückend wirkte.- Während in einem Theile des Schlosses tiefste Ruhe herrschte — tönte aus dem anderen frohes, übermüthiges Gelächter, toller Gesang. Und Niemand im Schlosse gewahrte die Gestalt eines Mannes, — der leise, vorsichtig auftretend, mit vorgebeugtem Körper, — sich der Richtung zuwendete, in der sich die Gemächer der jnnaen Schloßherrin befanden. — Und Niemand bemerkte diesen Mann, — wie er dann wieder aus dem Gemache der jungen Mutter trat, wie er mit vorgebeugtem Körper von Zeit zu Zeit lauschend stehen blieb — und sich vorsichtig entfernte, — unter seinem weiten Gewände einen Gegenstand sorgfältig bergend, — wie er das Schloß verließ. Und die Frauen im Schlosse schliefen ruhig und ahnungslos — und die Männer erwarteten den Ansbruch des Tages bei vollen Bechern. Und Niemand hatte auch den gellenden Schrei vernommen, der aus deur Gemache der Schloßherrin kam, — verzweiflungsvoll — schrecklich. Erst mehrere Stunden später — trat die Amme des Kindes — leichenblaß, mit aufgelösten Haaren, nur nothdürftig gekleidet, in den Kreis der zechenden Männer und erzählte in fieberhafter Hast, daß sie, von den Anstrengungen der durchwachten Nächte erschöpft, in Schlaf verfallen und daß sie kaum nach einer Stunde wieder erwacht sei. — Doch seltsamer Weise war die Lampe erloschen. Von einer schrecklichen Ahnung ergriffen, sei sie zur Wiege des Kindes getreten — selbe war leer, — das Kind Verschwunden. Und dann habe sie das Gemach ihrer Herrin betreten — und fand zu ihrem Entsetzen diese leblos im Bette liegen.- Erschrocken waren die Männer von ihren Sitzen emporgesprungen, — bestiegen ihre Pferde und jagten in die Nacht hinaus, um vielleicht Denjenigen zu finden, der das Kind geraubt. Mittag war es — als der Letzte von ihnen erschöpft in's Schloß zurückkehrte — ohne irgend eine Spur des Kindes gefunden zu haben. Und Rosa war wieder zum Leben zurückgekehrt — und unruhig harrte sie auf Nachrichten über den Verbleib ihres Kindes. — Umsonst! ״Gott, D u bist gerecht," flüsterte sie mit bebenden Lippen — ״ Du hast mir zur Strafe für mein Vergehen — mein Liebstes genommen."- (Fortsetzung folgt.) Eigcnth. u. Herausg.: Obercautor I. Bauer. — Veraiuw. Redacreur: Obereantor ׳A. Kulka. — Druck v. Hirschfeld in Wien. (Berantw. Leiter: F.