Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1882)
- Date
- 1882-01-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 I Wünsche Dir mit auf deinen dornigen Lebensweg geben, Du f | wirst genug zu tragen haben auch ohne diese, doch ihn der j I Dich mir gestohlen, ihn fluche ichi Halte ein — Vater I I Nenne mich nimmer so, von heute an, habe ich keine 1 Tochter mehr, doch Du hast recht, auch ihn fluche ich nicht, 1 ich will ihn nur — verachten! Den kein ehrlicher Mann ist s derjenige, der sich gleich einen Dieb in das Haus des recht- I schaffenen Familienvaters schleicht und ihm sein Theuerstes 8 raubt. — I . Fort Rosa, fort, es kommen Leute, rief der junge 8 Mann und zerrte das unglückliche berhörte Mädchen halb 8 mit Gewalt mit sich fort. 8 Starren Blickes schaute der alte Mann seinem fliehenden 3 Kinde nach — sein ganzer Körper schien gelahmt, er konnte I die Hand nicht ausstrecken, um sie zurückzuhalten, er konnte I nicht schreien, damit Hilfe herbeikomme, alles Leben hatte 8 sich in seinen Augen concentrirt, und diese leuchteten durch I die dunkle Nacht gleich glühenden Kohlen. Und als die Flie- 8 henden endlich aus seinen Gesichtskreise entschwunden waren,; 8 da stürzte der alte Mann ohnmächtig auf der Straße » zu Boden. t B Und Stunden waren vergangen, der Morgen begann 8 zu grauen. v l 8 Der alte Mann lag noch immer vor der Thüre seines 1 B Hauses, mit weit geöffneten Augen starr gegen den Himmel 3 schauend, von der Kälte der Nacht durchfröstelt, vom > B Schrecken der Nacht gelähmt. Sein Gehirn war krampfhaft B thätig und mit unendlicher Mühe, mit dem Aufwände aller 1 B ihm zu Gebote stehenden Energie richtete er sich mühsam auf : B und schleppte sich die Stufen hinan, die nach dem Schlaff.8 gemache führten. st 8 3. Gretna Green. s8 Hart an der Grenze zwischen England und Schott- - 8 land, am Sarkfluße gelegen, fast unmittelbar von der Heern 8 straße die über Leicester, Derby, Preston, Penrith und nNCalisle führt, befindet sich die anmuthige, reizende Ortschaft »Gr et na Green, vielleicht die schönste von ganz Schottland. ir» Wohin das Auge schaut, findet es nur sanft gewelltes n »Moorland in üppig grünenden Triften, sruchtreiche Felder, »zerstreu: liegende, nett gebaute kleine Häuschen, und das 1n»Ganze umsäumt von jungen, frischen, saftigen Nadeler» Wäldern. ch» Einige hundert Schritte vom Orte entfernt, auf der!nWNach dem Gebirge zu gelegenen Straße steht eine kleine ein- »fache Kapelle unter einer mächtigen uralten Eiche, deren n,» dichtbelaubte Zweige weit hin über die Kapelle reichen und chMzugleich ein für den Regen undurchdringliches Blatterdach » bilden. in» Vor dieser Kapelle steht ein aus rohem Holze zul i-»sammengemachter Betschemel in dessen Nähe ein Mann unad»geduldig auf und nieder geht. och» Er scheint auf die Ankunft einer oder mehrerer Personen ei!» zu warten, doch ist er über die Richtung ungewiß aus der >er»sie kommen sollen, man kann dieß aus seinem unruhigen en» Benehmen vermuthen; denn bald schaut er hinauf zur Bergeshohe, — zu den alten Waldesriesen, die sich gegenseitig die Geheimntsse des Waldes zuflüstern, indem sie ihre Gezweige und Gelaube schütteln, das hie und da ein lautes Geknarre die freundliche Stille des Waldes unterbricht, urü> dann schaut er wieder hinab zum . Thale, überschaut d:e friedliche Landschaft, immer und immer wieder. Und zwei Gestalten, Mann und Frau, lösen sich von den wundervollen düsteren und dennoch anheimelnden Grün des Waldes ab, betreten Hand in Hand die Straße, die vom Gebirge zu Thal führt, und die auch an der Kapelle vorbeigcht. Und sie gehen langsam, so unendlich langsam. Er festen Schrittes, sie zagend, zeitweilig innehaltend. Der Mann dessen wir vorher erwähnten ist bereits ungeduldig geworden, man ersieht dies aus dem zornigen Aufstampfen mit den Füßen. Es ist der Grobschmied des Ortes, Jean Dirk. Als er die Beiden gewahr wird, eilt er ihnen mir großen Schritten entgegen. Ihr habt mich lange warten lasten, polterte er verdrießlich heraus, habt wohl geglaubt, ich hätte nichts anderes zu Lhun als hier unnütz herumzulungern. Ei ja wohl, Freund Dirk, entgegnete der Angekommene, wir wußten ganz wohl, daß ihr unser bereits warten würdet, doch kam es wahrscheinlich nicht auf unseren Willen, sondern lediglich auf die Kraft dieser jungen Dame an, und diese ist — seht nur — eben die stärkste nicht. Der Sprecher war,ein junger hübscher Mann. Seine Begleiterin eine kränklich aussehende bleiche Frau. Rosa die Tochter Reb Schlomes und ihr Verführer. —-- Ja die Bäume dort oben sie. flüstern und wispern untereinander und machen ihre Bemerkungen darüber, wie diese Beiden, der junge Mann und die kränklich aussehende bleiche Frau, in dunkler Nacht hier im Dorfe erschienen waren, wie jede Farbe von Leben aus diesem blassen Gesichte geschwunden und die stolze Schönheit dieses Weibes, * dieser pflichtvergessenen Tochter eines güteoollen Vaters, einer wunderbarstillen, jedoch zum Mitleiden auffordernden Schonheit Platz gemacht hatte. Ja wohl, die Bäume dort oben sie flüstern und wispern es sich zu und erzählen einander, wie sie deutlich zu sehen feien all die Leiden ihrer Seele, ihrer Gewissellspein, die mit flammender Schrift auf ihrem Gesichte zu lesen waren, erzählten sich von ihren Leiden, von ihren unendlichen Leiden, und wie eine einzige unseelige ThaL es gewesen, welche das Glück und den Frieden dieses schönen jungen Weibes für immer vernichtete. Und heute hatte sie zum erstenmale seit jener Unglücknacht, in welcher sie des Vaters Haus verlassen, in welchem sie die Flüche und Verwünschungen der ganzen Gemeinde zu hören meinte, und die ihr immer und immer wieder in den Ohren zu gellen schienen, unter freiem Himmel geweilt, zum ersten Male den Weg betreten, der abwärts führte nach Gretna Green.! (Fortsetzung folgt.)