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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1881-12-30 · Heft 1 (30.12.1881) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 1 (30.12.1881)
Date
1881-12-30
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Pessach gemacht haben sie, Pessach gemacht, nachdem der Sterne erster Srrahlenglanz in's dnnkle Ghetto gedrungen war- Was sie an ״Chomezigen" gesunden, das haben sie nun Gestern hinaus getragen und in den Strom versenkt oder auch verbrannt. Es war ein gar trauriger, freudenloser Pessach Heuer im Hause des Prager Chasen, Schlome Meir, denn die Hausfrau, die treue, sorgsame Gattin, die durch nahezu zwanzig Jahre Freud' und Leid mit ihren Gatten getheilt, hatte man vor wenigen Wochen erst nach ״den guten Ort" hinausgetragen. Und darum saßen sie auch alle, die ganze Familie des Chasen, so traung und niedergeschlagen um, den Tisch herum obenan Schlome Meir, der mit lauter Stimme den Seder las, nur von Zeit zu Zeit von einem heftigem krampfhaften Schluchzen unterbrochen, dem dann immer ein lautes Weinen folgte. Der Stuhl neben ihm stand leer, es war der seiner Gattin selig. Die Beiden jüngeren Kinder wurden zu Bette gebracht und nur die älteste Tochter des Hauses — Rosa — blieb allein an ihres Vaters Seite sitzend, den Kopf auf ihren Arm gelegt, laut weinend. Sie war eine hohe, schlanke Gestalt, voll Liebenswürdigkeit und Anmuth. Ihr Kopf saß stolz auf einem schlanken Nacken. Ihr Gesicht war dunkel, seelenvoll schön ihr Auge, wie eine tropische Sternennacht, der Teint war von durchsichtiger Klarheit, Wangen und Lippen von blühender, unver- ״sachlicher Röthe. Groß und schwarz, von zauberhaftem / rze wuadcn ihac Augen von langen schwarzen, seidenartigen Wimpern überschattet. Die breite weiße Stirne war von üppig gewellten blauschwarzeu Haaren umrahmt, die in einem einfach geknüpften Knoten um ihr Hinterhaupt geschlungen war. Dieses schöne Geschöpf schaute jetzt mit thränenumflorten Augen zu ihrem Vater empor, der zärtlich oen Kopf seines Lieblings zwischen seine beiden Hände nahm. Jawohl, das war ein gar trauriger, düsterer Sederabend. Laß genug sein jetzt der Trauer, Rosa, ermahnte der Vater, während er selbst verstohlen die Thränen trocknete, weßhalb jammern wir auch, noch dazu heute, —■ heute. Wozu uns abhärmen, unsere Thränen rufen sie nimmer wieder zu uns zurück. — O, nimmer wieder, jammerte Rosa! Sie weilt jetzt in hohen Himmelsregionen, sieht mild lächelnd auf uns nieder; ach, gewiß wird sie Schmerz dabei empfi nden, wenn sie diesen Jammer sieht. Und dennoch, Vater, dennoch muß ich weinen, immer weinen. Weh' wir — Tröste dich, Rosa, der Herr hat sie uns gegeben, der -Herr hat sie uns genommen. Der Name des Herrn sei gelobt. ׳ Laß uns jetzt zur Ruhe gehen. — Schlaf ist das beste Heilmittel für den größten Seelenschmerz. Und segnend breitete Reb S ch l o m e seine Hände über seine Kinder aus und begab sich dann in sein Schlafgemach, um dort das Heilmittel zu finden, welches er seinem -Kinde Mempfohlen — den Schlaf. 2. Hin unglücklicher Water. Ein leises Knistern, als würde Sand an die Fenster des Gemaches geworfen, machte Rosa von ihrem Sitze aufspringen. Er hat gesagt: ״Schlaf t ft das beste Herlmittels ü r d e n größtenSee len schmerz!^ Gibt es denn - einen größeren noch als den meinigen. Kann deriu Jemand, der so jung ist, noch mehr leiden, wie ich —> und dennoch, ich kann nicht schlafen — die Furien des bösen Gewissens martern und quälen mich — sie — sie lassen mich nicht schlafen. Was ich doch für eine gute Tochter bin wie heißt das vierte Gebot, daß dort eingegraben steht aus den heiligen Tafeln —< ״Ehre Vater und Mutter, auf daß du lang; lebest und es dir wohlergehe auf Erden." — Hab ich dieß Gebot befolgt?! Nein — entehrt habe ich meine Eltern — geschändet den Namen meines Vaters. Wer rettet mich — wer rettet mich vor mir selbst — jammerte sie laut auf, sich mit beiden Händen das thränenüberftrömte Gesicht bedeckend. —■ O,' warum, warum habe ich mich nicht zu seinen Füßen geworfen — meinen armen, armen Vater nicht Alles entdeckt. — Warum habe ich ihm nicht zugerusen: berühre nicht mit Deinen reinen Händen Deine unwürdige Tochter — sie hat gesündigt — schwer — schwer.-Wer weiß, vielleicht wäre es doch noch anders geworden — vielleicht! i O, warum kann ich denn nicht sterben! Abermals erzitterten die Fenster und das leise Prässeln des nach abwärts fallenden Sandes wurde deutlich ver-! nehmbar. j O, mein Gott! Der da unten auf der Straße, er ן wartet auf mich, er hat ein heiliges Anrecht auf mich, — | vor Gott bin lch sein Weib — die Mutter seines Kindes . — dem ich oas Leben geben soll. Vor Gott bin ich es — סן sagte er mir wohl — doch sollte ich ihm niemals angehören — und dennoch muß ich es, denn mein Herz zieht mich zu ihm — denn mein Kind wird eines Tages von mir den Namen seines Vaters zu i wissen begehren — und dann — muß ich ercöthend — schweigen. 1 Verzeihe mir Vater die bittere Schande, den schweren Kummer, den Dir Dein Liebling bereiter — verzeihe Deiner Tochter — und fluche ihr nicht.! Ich will ihm schreiben — sagte sie nach einer Panse ' während sie sich an den Tisch setzte und ei lige Worte auf ein Papier mir zitternden Händen, mit Lhrünenden Augen niederschrieb. Und jetzt — lebt wohl Ihr Kinder — leb wohl Du Mann, der Du da drinnen ruhig schlummerst, ohneAhnunz davon, daß sein Kind ihm beträgt, daß sein Kind im Begriffe steht, das Herz ihm aus der Brust zu reißen, daß sein Kind im Begriffe steht, seinen Namen zu schänden, seineu Gott zu verläugneu, daß sein Kind im Begriffe steht im Schlamme zu versinken. (Fortsetzung folgt.)

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