Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Rückblicke
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Welt40 Nr. 52 Das Merkwürdigste und Greifbarste aber, was der Zionismus geschaffen hat, ist — die Jüdische G Q/i o n i al.h-ain.-k, ein monumentale^,.^Verk. welches einzig in seiner Art aufragt als ein Ehrendenkmal für die jüdischen Volksmassen und — Gott sei's geklagt — auch als ein Wahrzeichen der Schmach für die Geldmächtigen und Reichbegüterten in Israel, die die Bank des jüdischen Volkes boykottierten. Alles dagegen, was arm und unterdrückt und zukunftsgläubig ist in Israel, hat die grössten Opfer nicht gescheut, um die Bank ins Leben zu rufen. Und in der That, die Jüdische Golonialbankist begründet und actionsfähig, und die Zahl der Shares-Inhaber übersteigt 120.000, eine Ziffer, die in den Annalen des Bankwesens einzig dasteht!.. . Es wird wohl in Anbetracht dieser Thatsache, dass die Zahl der Actionäre fast der ganzen Bevölkerung Montenegros gleichkommt, niemand leugnen wollen, dass die Juden doch noch etwas mehr sind als eine Glaubensgenossenschaft . . . Und welche Erfolge hat der Zionismus in politischer Hinsicht aufzuweisen? Für Uneingeweihte gar keine; in der Wirklichkeit aber ist ungeheuer viel erreicht worden. Die Thatsache allein, dass sich bedeutende Staatsmänner, mächtige Souveräne für unsere Bestrebungen auf das lebhafteste interessieren, namentlich aber der freundliche Empfang, der Dr. H e r z 1 unlängst beim Sultan zutheil geworden, zeugt dafür, dass die politische Arbeit des Zionismus sich in guten Händen befindet, hauptsächlich aber — worauf es uns am meisten ankommt — dass die türkische Regierung unserem Streben, trotz vielfacher gegent heiliger Behauptungen, Sympathien entgegenbringt. Alles in allem ergibt nun die unzweifelhafte Gewissheit, dass wir Zionisten ein gutes Stück positiver Arbeit geleistet und Grund genug haben, freudigen Muthes vorwärts zu schreiten. Ob unser Streben diejenigen Früchte zeitigen wird, die wir erhoffen, das lässt sich allerdings nicht voraussagen; wohl aber lässt sich mit aller Bestimmtheit voraussagen, dass das laisser faire, laisser passer unserer zahlreichen jüdischen Gegner, das ruhige, sorglose, müssige Zuschauen, wie Millionen von Menschen einerseits in den Hungertod, andererseits in eine geistige Umnachtung hineingetrieben werden, dass dieser Indifferentismus der massgebenden Judenheit zur vollständigen Auflösung, zum Untergang führen muss. Das sollte doch jeden Juden zum Nachdenken veranlassen und jedenfalls an den altbewährten Spruch Hill eis erinnern: Im en ani Ii — mi Ii? „Sorge ich selbst nicht für mich, wer sollte sonst für mich sorgen?" Jüdische Siedlungen. Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. (Fortsetzung.) Besonders vortlieilhaft scheint mir gerade für unseren Fall der zionistischen Ansiedhing, dass hier bald für viele der jüdischen Gewerbeproletarier Raum geschaffen würde,, ohne dass man nöthig hätte, diese recht wenig geeigneten Mensehenkräfte y.ur Ackerarbeit zu führen. Um es zusammenzufassen, so scheint mir der eollectivlstische Rotrieb der schnellste Weg zu sein, um die rein landwirtschfiliehen Ansiediungen. der Anfänge in Landstädte zu verwandeln. .'Jedoch geht schon aus dem im Anfange Gesagten hervor, dass ich nicht im mindesten ein Fanatiker dieser Betriebsform bin. Sie soll nur da zur Anwendung kommen, wo die natürliche Verwaltung sie fordert, und sollte selbst hier nicht als Zweck, sondern als Mittel zum Zwecke betrachtet werden. Und darum sollte jedem Ansiedle]', der es wünscht, gleich von vornherein ein kleineres Stück Land zur selbstverantwortlichen Selbstbewirtsehaftung zum Selbstkostenpreise in Erbpacht gegeben werden, so gross, dass>i.er in den Freistunden, die ihm der gemeinsame Betrieb lässt .aünla'mit Hj}fe der FnuAiiid aer Kinde*-' es bewirtschaften tkiniiaa Der gcvfje^l^e Ansiedler wird im allgemeinen nicht mehr als ein Stück Gartenland zu pachten geneigt sein. Den landwirtschaftlichen Arbeitergenossen würde ich hier in Deutschland je nach der Bodenclasse etwa 8—12 Morgen Landes in eigenen Betrieb übergeben, wenn er es beantragt. Hier könnte sein Haus und sein Viehstall stehen; er hätte Dung genug, um das Land ausgiebig zu verbessern; die Arbeitskräfte der Familie würden ihrem eigenen Wohlstande nutzbar gemacht. Es ist dies in allem Wesentlichen das Heuerlingsverhältnis, das in einigen Gebieten Norddeutsehlands auf grossen Gütern besteht und zur grössten Zufriedenheit aller Betheiligten funetioniert; und ich meine, wenn der capitalistische Grossbetrieb, der den ganzen Reinertrag für sich belegt, mit diesem Arbeitssystein auskommen kann, so wird die Genossenschaft das umso besser vermögen, die den ganzen Reingewinn unter ihre „Heuerlinge" vertheilt. Sollte einer der Arbeitergenossen es für vortlieilhaft für sich halten, aus dem allgemeinen Betriebe auszuscheiden und nur sein eigenes Grundstück zu bewirtschaften, sei es in Gartenbau, sei es als Nebenbetrieb neben einem Gewerbe, so sollte ihm die Genossensehaft nicht die geringsten Schwierigkeiten in den Weg legen. Sie sollte ihm sogar, wenn er es beantragt, womöglich noch Land dazu verpachten. Denn jeder hemmende oder befördernde Eingriff in irgend eine privatwirtschaftliche Erschliessung sollte streng verpönt sein. Ebensowenig sollte die Genossenschaft Schwierigkeiten erheben, wenn Unter-Genossenschaften sich von ihr abzweigen wollen, wenn beispielsweise eine Gruppe von Winzern oder Gärtnern Land zu eigenem collectivistischen Betrieb pachten will. Alle diese L'rproducenten, die vom Gemeindebetrieb sieh ausschlössen, rückten damit in die juristische Stellung der Gewerbetreibenden ein, die auch nur Pächter der Siedlungs-Genossenschaft, aber weder Mitarbeiter, noch Miigeniesser des Reingewinnes des centralen Landwirtschaftsbetriebes sind. Es kommt nicht darauf an, dass alles Land in collectivistischem Betriebe ist und bleibt, sondern es kommt nur darauf an. dass so viel Land in collectivistischem Betriebe bleibt, dass einem Zuzug neuer Bevölkerungselemente bis zu einem hohen Grade von Sättigung keine wesentlichen Schwierigkeiten entgegenstehen. Und wenn einst das ganze Gebiet einer ersten Ackerbaugenossenschaft von sagen wir 3000 Hektar von einzelnen Gärtnern und Gärtnergenossenschaften und Gewerbetreibenden so besetzt sein sollte, dass ein weiterer Zuzug von Urproducenten nicht mehr möglich wäre, wenn der Gentraibetrieb gänzlich ver-' seh wunden wäre--dann wäre es auch nicht mehr nöthig, denn dann hätten wir auf diesem Terrain, wenn man unsere heimischen Verhältnisse zugrunde legt, praeter propter 2000 Familien von Urproducenten und mindestens ebenso viel „städtische Einwohner", eine Gesanuntbevölkerung von 20 000 Menschen: aus dem Genossenschaftsdorfe wäre eine Stadt geworden. Und wenn die Entwicklung so glücklch und glorreich verliefe, so hätten sicli inzwischen rund herum so viele neue ländliche Sicdlungsgenossenschaften gebildet, dass die Zuwanderer eher die Qual' der Wahl, wohin sich wenden, als eine Schwierigkeit der Ansiedlimg finden würden. Alan hat mir vorgeworfen, dass mein Plan nur einen beschränkten Eifolg haben könne, weil die Aufnahmefähigkeit eines begrenzten Stückes Bodens für Menschen bald erschöpft sei. Dieser Einwand ist völlig gedankenlos. Denn entweder erweist sich der Plan als lebenskräftig, und es strömen der Stätte des ersten Versuches sehr zahlreiche neue Ansiedlungswillige zu, dann besteht hier ein Gedeihen, das Landbesitzer und Capitalbesitzer unwiderstehlich zur Nachahmung anlocken wird, ein Gedeihen, dass thätigen philanthropiehen Gründern die Anlagecredite für Dutzende neuer gleicher Organiationen zur Verfügung stellte. Und dann handelt es sich nicht mehr um die Fassungskraft des ersten Grundstückes, sondern um die Fassungskraft praktisch begrenzter, Zug um Zug besiedelter Grundstücke. Oder der Plan gelingt nicht, die Siedlung bleibt bestenfalls ein Genossenschaftsdorf, dann wird allerdings kein neues Land