Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Rückblicke
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52 „Die & Welt" Seite 5 Protection und Bestechung zu mildern, auf das Mindestmass der Schädlichkeit hinabzudrücken. Jeder neue Tag weckte die Sehnsucht nach einem bereits vergangenen, und im Vergleiche zur Gegenwart schienen die früheren trostlosen Zustände als verlorenes Paradies, als goldenes Zeitalter ... In den Ländern des Westens gieng's den Juden gar so gut und sie fühlten sich unter dem Schutze der Constitutionen gar so glücklich, dass sie sich unter Preisgabe jedes Selbstgefühls, jeder Selbstachtung derjenigen Nation anzugleichen bestrebten, unter welcher sie gerade lebten. Die Juden wünschten nichts Sehnlicheres, als dass des Namens Israel — wie die Schrift sagt — „nicht mehr gedacht werde", als dass man ihnen die Galgenfrist einer allmählichen Auflösung ohne Rest gewähre. Nicht die Schuld der Assimilanten war's, dass im Westen nicht alles programmmässig, nach ihrem Wunsche ablief: sie meinten es wirklich ehrlich . .. Von irgendeinem jüdischen Volksbewussts e i n, einem sich noch so leise aufbäumenden Nationalstolz war unter dem westlichen Assimilationsjadenthum nirgends mehr die Spur wahrzunehmen. Allerdings, ganz erstorben war das jüdische Volksempfinden nicht. In einer reichhaltigen Literatur, in ernsten historischen Forschungen, in einer Volkspoesie speicherte das Judenthum seine Hoffnungen und Träume, seine Sehnsucht und Zuversicht auf. Es spann unbewusst, rein triebhaft an seiner Zukunft. Was vergangene und gegenwärtige Geschlechter geschaffen, legt beredtes Zeugnis dafür ab, dass seit der Diaspora die Sehnsucht des Judenvolkes nach seinem Heimatsboden im Volksbewusstsein stets vorhanden gewesen ist, ganz gleich, ob in der religiösen Form des Messiasglaubens, ob in der heissen Sehnsucht, in Palästinas heiligem Boden zur Ruhe gebettet zu werden oder in der praktischen Gestalt von Aekerbaucolonien, die im Heiligen Lande gegründet wurden. Es war bloss ein Scheintod, aber einer, der in einen wirklichen Tod überzugehen drohte . . . Unter diesen Umständen gehörte eine besondere Intuition dazu, um noch zur rechten Zeit das nationale Feuer, das unter der Asche glomm, anzufachen, den schwachen Pulsschlag des jüdischen Nationalbewusstseins zu kräftigen und neu zu beleben. Dieses grosse Verdienst dürfen wir Zionisten für uns in Anspruch nehmen, in erster Reihe unser verehrter Dr. Th. Herzl, dessen „Judenstaat" geradezu wunderbare Wirkungen hervorbrachte. Der ganze Heerbann der Assimilation griff, von Wuth und bösem Gewissen gepackt, zu den Waffen. Und während nun die aufgescheuchten, kopfs. heu gemachten Deutschen, Russen und Polen „mosaischer Confession" Unmassen von Druckerschwärze verschwendeten, um mit Hilfe der abenteuerlichsten und schnurrigsten Sophismen den Nachweis zu führen, dass die Juden keine Nation, sondern eine Glaubensgenossenschaft seien, und die Arier diesen Streit viel praktischer lösten, indem sie den Juden sowohl als Nation, wie als Giaubensgenossenschaft Kolbenschläge versetzten, eriess Dr. Herzl einen Aufruf zur Veranstaltung eines Judencongresses in Basel, gleichsam als Probe auf das von ihm aufgestellte Reehenexempel. Und siehe da, das Unerwartete geschah: aus allen Himmelsstrichen kamen Jaden herbeigeeilt zum ersten Zionistencongress in Basel . . . Der künftige Historiker des jüdischen Volkes wird wohl diesen ersten C'Tigress in Basel als bemerkenswerten Meilenweiser in der jüdischen Geschichte verzeichnen. Allerdings war die Zahl der Congressmitgh«'der nicht gross; es kamen fürs erste bloss 202 Männer nach Basel; aber was nach aussenhin so mächtig und überwältigend wirkte, das war die Thatsache, dass Leute aus aller Herren Ländern, die sich sprachlich nicht verstanden, Russen, Polen, Deutsche, Engländer, Franzosen, Amerikaner, dass Leute in den verschiedensten gesellschaftlichen Stellungen, von den entgegengesetztesten Lebensanschauungen, Professoren und Kaufleute, Schriftsteller und Handwerker, orthodoxe russische Rabbiner und österreichische Corpsstudenten — dass sie alle sich eingefunden hatten, durch ein Band geeinigt, durch das Band des jüdischen Volksthums, von einem Streben durchglüht, von dem Bestreben nach der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf urheimatlichem Boden! In Basel wurde ein Programm aufgestellt, welches zur Richtschnur für unsere fernere Thäügkeit dienen sollte: die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. Die fernere Entwicklung der zionistischen Bewegung ist bekannt. Aus kleinen Anfängen ist sie riesig angewachsen und überall hingedrungen, wo es Juden gibt. Zionistenvereine sind, abgesehen von Oesterreich, Russland und Rumänien, in Deutschland, England, Frankreich, Italien, Holland, Amerika, Klein-Asien und Persien, Nord- und Südafrika, im Kaukasus und in Indien, in Australien und auf den Philippinen, gegründet worden und zur Blüte gelangt. In aller Welt wird der S c h e k e 1, die freiwillig geleistete jüdische Nationalsteuer, entrichtet. Und wo ein Wille, da ist auch ein Weg. Der Zionismus hat das jüdische Volk gelehrt, sich selbst und seine Lage erkennen. Es gibt nichts Schrecklicheres für ein Volk, als wenn es in einem Traumzustande, der es für alle Gefahren blind macht, stumpf dahinbrütet Wird es zur rechten Zeit auf die nahende Gefahr aufmerksam gemacht und dieser Gefahr sich bewusst, so ist ja noch die Möglichkeit vorhanden, dass es, wo es noch nicht zu spät ist, sich rette. Den Zionisten gebürt nun das unzweifelhafte Verdienst, das jüdische Volk aus seinem Dusel aufgeschreckt zu haben. Wir haben ihm das Gefährliche, das Schmachvolle seiner Lage zum Bewusstsein gebracht, haben ihm begreiflich gemacht, was seiner wartet, wenn es sich nicht selbst in Sicherheit bringt. Die alljährliche Einberufung eines jüdischen Gongresses ist ein Factor im jüdischen Volksleben geworden, dessen befruchtende Wirkung ganz unermesslich ist. Ein jeder Zionist weiss davon Wunderdinge zu berichten. Der Umschwung nach jeder Richtung hin, den die Congresse herbeigeführt haben, ist geradezu enorm. Es ist kaum zu glauben, in welchem Masse die jüdische Presse und Literatur sich neu belebt haben. Neue, verheissungsvolle Kräfte regen sich überall, selbst im Ghettosumpfe. Es sind Lebensfragen angeregt worden, an die sich bis dahin niemand herangewagt hatte, namentlich gelit das jüdische Schulwesen in den osteuropäischen Ländern einer Blüte entgegen, die man noch vor kurzem für unmöglich gehalten hätte. Aber ,,auch im Westen ward es helle". An vielen deutschen Universitäten werden national - jüdische Studentenvereine gegründet, welche jüdischen Geist, jüdische Sitte, jüdisches Wissen, jüdisches Schriftthum hochhalten und pflegen. Jüdische Turnvereine, jüdische Toynbee-Hallen, Dinge, an die man früher nie gedacht hat, mehren sich und wachsen von Tag zu Tag. Mit Elle und Wage lässt sich allerdings der Wert dieser Institutionen nicht messen; es wird aber der Nüchternste und Fernstehendste zugegen, dass jugenclfiisches Leben in das alte Judenthum gedrungen ist.