Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Eröffungsrede Dr. Herzls
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 52 können, um die gewaltige religiöse Hoffnung zu verwirkliehen, die sie aufrecht erhalten hat dreitausend grausame Jahre hindurch So redet ein Christ. Diese Sprache, die ihn ehrt, würde aber uns nicht ziemen. Wir haben eine sittliche Pflicht einfach zu erfüllen. Die Schwachen haben ein Recht auf die Hilfe der Stärkeren. In welcher Form wir uns diese Hilfe denken, das haben unsere früheren Congresse dargethan, und auch dieser wird hoffentlich Aufklärung über die Gerechtigkeit unserer Wünsche und die Loyalität unseres Vorgehens verbreiten. Die Judenfrage kann nur von den Juden selbst gelöst werden, das ist unsere Ansicht. Aus diesem Grundsatze ergibt sich logisch alles Weitere. Wir haben uns darum von den früheren Methoden abgewendet. Wir haben nicht durch Schimpfereien zu beweisen versucht, dass wir feinere Leute seien. Wir haben auch uicht in unbestimmten Predigten auf die nahe bevorstehende Verbrüderung aller Menschen hingewiesen. Wir wollen uns ferner nicht eine andere Nationalität als Maske vorbinden. Und endlich arbeiten wir nicht auf den "Umsturz aller Dinge hin. All dies ist unsere Sache nicht. Wir glaul>en vielmehr, dass in der bestehenden Rechts- und Gesellschaftsordnung die Mittel zur Lösung der Judenfrage zu linden sind. Was man von Leuten, die sich an die Lösung einer grossen Frage heranwagen, vor allem verlangen dürfte, ist sowrohl ein genügender Ernst als auch die Ruhe in der Beurtheilung der gegebenen Verhältnissse. Diese Verhältnisse sind traurig, aber mit Jammern alllein kommt man nicht vom Fleck. Wenn wir uns fähig zeigen, zur That fortzuschreiten, so kann uns die Mitwirkung vieler rechtschaffener Menschen nicht fehlen. Anzeichen dafür sind in Fülle vorhanden. Es muss sich ja auch jedem Unbefangenen die Erkenntnis aufdrängen, dass wir eine endgiltige Lösung vorschlagen. Heute ist das jüdische Proletariat nicht nur das ärmste und unglücklichste, sondern auch das unruhigste und am meisten beunruhigende. Haufenweise ist es fortwährend auf der Wanderung begriffen, aus einem Elend in das andere, und wie gross muss das bisherige Elend sein, wenn sie sich den Verzweiflungen einer solchen Wanderung aussetzen, um ein neues Elend aufzusuchen. Dieses Proletariat sesshaft und arbeitsam zu machen, wäre schon an und für sich eine hohe Aufgabe, abgesehen von jeder nationalen oder religiösen Richtung. Sie wissen, dass an der Aufgabe sich schon vor uns manche versucht haben, mit gutem Willen, auch mit grossen materiellen Mitteln. Sie wissen aber ebenso, dass die Versuche fehlgeschlagen sind. Warum? Weil jene von einem unrichtigen Principe au sgiengen. Sie meinten: Im Anfang sei das Geld, Nein! Im Anfang ist die Idee. Für Geld bekommt man Mietlinge, ein Volk lässt sich so nicht aufraffen. Dies kann nur eine Idee zuwege bringen. Sie hat es zuwege gebracht. In unserer Kritik der früheren Versuche müssen wir uns aber vor Hochmuth hüten. Thatsächlich stehen wir zu den früheren Zionisten nur in dem Verhältnisse von Leuten, die moderne Verbessserungen an einer unbrauchbaren alten Maschine anbringen. Ehrwürdig ist die alte Maschine, doch — sie gehört ins Museum. Wir würden unseren Gegensatz schon aus Pietät für die Vorläufer und Gesinnungsverwandten nicht so scharf betonen, wenn die ungenügenden Ergebnisse jener Versuche nicht als Argument gegen uns geführt werden. Die wohlthätige Colonisation ist gescheitert, die nationale wird gelingen. Wenn man uns aber fragt, was wir mit den Ansiedlem anfangen wollen, so sind wir nicht in Verlegenheit. Wir wollen sie zu Bodenständigen, zu wirklichen Landsassen machen. Sie sollen auf der Scholle, von der Scholle leben, nicht besorgt als kraftlose Händler nach dem Marktpreise auslugen. Den Markt sollen sie nur mit den Erzeugnissen aufsuchen, die sie über den Eigenbedarf hinaus haben. Jede Ansiedlung soll sich nach den Grundsätzen, die uns Erfahrung und Wissenschaft heute schon an die Hand . geben, als landwirtschaftliche, Productivgenossenschaft selbst verwalten. An diese Grundsätze werden wir anknüpfen müssen, wenn wrir mit Gottes Hilfe die öfffentlicli-rechtlichen Sicherheiten unseres Programms erlangen. So lassen sich die Grundlagen bereiten für die dauernde Ruhe, nach der sich das viel umhergehetzte Volk der Juden mit solcher Inbrunst sehnt. Was sich auf diesem breiten festen Unterbau einer arbeitenden landwirtschaftlichen Bevölkerung erheben wird, welches moderne und wohnliche Gebäude, das wird vom Volke selbst abhängen, nachdem wir ihm die Selbstbestimmung seiner Geschicke verschafft haben werden. Pur alle Kräfte des Judenthums gibt es dort Verwendung, für die ungelernten wie für die höchstgebildeten. Nicht mehr wird es nöthig sein, Judenkinder vom Schulbesuche anszuschliessen, wie es an manchen Orten heute geschieht. Und es sei als ein Zug erwähnt, der den Juden vielleicht nicht zur Unehre gereicht, dass sie die Beschränkung des öffentlichen Unterrichts als die grösste der jetzigen Grausamkeiten empfinden. Von anderen Bedrückungen wollen wir gar nicht sprechen, weil unser Congress nicht zu einer neuen Klagemauer wrerden soll. Nicht klagen, sondern schaffen müssen wir, müssen es umsomehr, als die bisherigen Vertreter der jüdischen Interessen sich unfähig gezeigt haben, etwas zu leisten. Bettelgaben schenken, heisst nicht helfen. Die Almosen sind nur das Band, welches die arbeitsscheuen Reichen mit den arbeitsscheuen Armen verbindet. Diese beiden Kategorien stellen aber nicht das ganze jüdische Volk vor. In den letzten Jahren ist freilich noch eine Art von sogenannter Hilfe hinzugekommen: die Verschiffung der Entwurzelten von Europa nach der neuen Welt. Mit anderen Worten: Die Entdeckung von Amerika. Leider kam diese Entdeckung etwas zu spät. Amerika will von armen Einwanderern nichts mehr wissen, ebensowenig wie England. Auch in Amerika gibt es bereits ein grosses jüdisches Elend. Auch in Amerika hat sich die Erkenntnis durchgerungen, dass die von uns vorgeschlagene Lösung die richtige ist. Beweis dafür die wachsende Anzahl der zionistischen Vereine, die sich in langer Kette vom Norden Nordamerikas bis nach dem Süden Südamerikas, von Canada bis Argentinien zieht. Nur in gewissen jüdischen Kreisen Westeuropas will man alles eher einsehen als die Wahrheit: dass wir recht haben. Von unseren Gegnern wird behauptet, es gebe unübersteigbare politische Hindernisse, aber das lässt sich auch vom kleinsten Hindernis sagen, wenn man keine Lust hat, es zu übersteigen. In diesen fünf Jahren konnten wir, da wir alle Zeichen ruhigen Blickes betrachteten, nicht bemerken, dass wir die Völker und Regierungen gegen uns hatten. Im Gegentheil. Wenn da und dort freundlichere Töne für die Juden laut wurden, so ist es dem Zionismus zu verdanken. Und auf der anderen Seite müssen auch Regierungen und Völker dem Zionismus dafür Dank wissen, dass er als ein Löser und Versöhner den Ausweg zeigt, den Ausweg, auf dem man mit der Judenfrage ohne Barbarei, ohne mittelalterliche Grausamkeit, vielmehr in hohem Frieden fertig wird. Zunächst aber müssen wir natürlich fragen, wie man in der Türkei, wie der souveräne Herrscher über uns denkt. Ich hatte im Mai dieses Jahres die Ehre, von Seiner Majestät dem Sultan Abdul Hamid in längerer Audienz empfangen zu werden. Die Güte und Herzlichkeit dieses Empfanges hat mich mit den besten Hoffnungen erfüllt. Ich gewann, aus den Worten und dem Verhalten Seiner Majestät die Ueberzeugung, dass das jüdische Volk an dem regierenden Khalifen einen Freund und Gönner hat. Der Sultan hat mich ermächtigt, dies öffentlich mitzutheilen.