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Die Welt · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Article
Jüdische Siedlungen
Date
1901-12-20
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8 ,Die $l Welt*» Nr. 51 len Verhältnisse sich einstellen, auf deren Grund eine so ungeheure Volksdicht igkeit möglich ist: aber es zeigt diese Berechnung wenigstens, dass seihst hunderttausende von Kinwa uderern hei genügender Organisation der Grundlage auf einer nicht unmässig grossen Gesa mint llüchc angesiedelt werden können. (Fortsetzung folgt.) Sonntag l-Jin Hpilog den Berliner (jcnicindcivuhk'n. Von Dr. Heinrich Loewe. Zur Zeit, da ich diese Zeilen schreibe, ist das Ergebnis der Repräsentanten wählen noch nicht bekannt, aber wir dürfen wold einen entschiedeneu Sieg der sogenannten Conservativen erwarten.*) Derselbe Gentrai verein, der sich während dcis ganzen Wahlfcldzuges so waschlappig wie wöglich benommen hat. der Toleranz in weitestem Masse beanspruchte und selbst Duldsamkeit in keiner Weise übte, der alles that, um seinen Gredit bei den Wählern zu verlieren und sich eine gehörige Niederlage zu holen, wird wahrscheinlich einen glänzenden Sieg erfochten haben. Die Herren werden nun recht bald urbi et orbi verkünden, dass sie aus e i g e n e r Kraft gegenüber dem alten und einem neuen Gegner tapfer das Feld behauptet haben. Es ist das nicht sehr gefährlich und nicht so ernst zu nehmen, als es gesprochen wird. Denn wer erstlich die Angst kennt, welche diese Partei und ihre Führer vor der Wald hatten, wird es verstehen, dass wieder einmal ein blindes Huhn ein Korn gefunden hat. Es ist jedem in Berlin sonnenklar, dass die Zionisten allein die Conservativen in Bewegung gesetzt haben, und dass man für den Gentraiverein stimmte, weil seine Gandidaten und Redner stets und immer wieder offen und verelausuliert die Erklärung abgaben, dass sie alles das thun wollen, was die Zionisten in ihrem Programm und in ihren Beden verlangten. Es fehlte wenig, und sie hätten erklärt, sie seien die allein echten und rechten Zionisten. und Avir hätten uns ihnen deshalb anzuschliessen. Das hinderte sie freilieh nicht, wenn sie sich unter sich glaubten, weidlich über die Zionisten herzuziehen und sich gegenseitig zu versichern, wie klug und energisch ein jeder von ihnen sei. Das schadet auch nichts. Wenn sie von ihrem unvermeidlichen Siegesrausch aufgewacht sind, werden sie schnell wieder einschlafen/und lustig fortträumen, bis sie eines Tages erfahren, dass bei einer neuerlichen Wahl sie von den Zionisten abgelöst worden sind. Und der Schlaf ist ihnen zu ginnen, denn es sind lauter alte Leute, und der einzige Manu mit Jugendmuth und Jugendfeucr unter ihnen ist der alte Herr Oppenheim, dessen 71) Jahre ihn nicht schwach werden Hessen. EnJ1 ich ist dem Gent rai verein ein nicht zu unterschät zender Bundesgenosse in dem Herrn Klausner erstanden, dessen Angriffe gegen den Gent raiverein einen zu herben Geschmack hatten, um ihm nicht zugute zu kommen. Am Avenigsten Vortheil hat der ,'ionUmiis von dieser ungebetenen Unterstützung. Aber eines »n^-hte ich noch dem Gentraiverein ins Gedächtnis rufen, dass wir Zionisten zwar nicht auffordern konnten, für Deute zu stimmen, weh he Hell selbst in einenifort gegenüber den Zionisten desavouierten, aber dass jeder Zionist wusste, wie er es zu verstehen habe, wenn »indem Gentraiverein wiederholt sagten, er solle es s i c Ii hint e r d i e O h r e n s c h r e i b e n, dass er nur mit den Stimmen der Zionisten siege. Wenn wir uns aber fragen, welches Interesse die Zionisten an dem Siege einer Partei haben konnten, deren einzige Stärke; die Schwäche der liberalen Gegner ist, so müssen wir es offen gestehen, dass die Zionisten n u r d a s kl e i n c r e U e b el gewühlt haben. Denn die Gegenpartei des Gentrai Vereins, die .sogenannten Liberalen, die alles andere eher als liberal sind, haben so sein* die *) Die Voraussage des g. Artikelschreibers ist inzwischen eingetroffen. Wir werden in nächster Xumnier auf des Ergebnis der Berliner Repräsentantenwahlen noch zurückkommen. (Anm. d. Redaction.) Bekämpfung seitens jedes Nationaljuden verdient, dass es gar keine Frage sein konnte, dass jede andere Richtung dieser Partei der Selbst Zerstörung des Judenthums vorzuziehen war. ihr Losungswort im Streit lautete: S o n n t a g! Wer für die Liberalen stimmte, stimmte, zugleich für die allmähliche progressive Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag. Aber nicht religiöse (»runde waren massgebend. Denn diesen Herren ist der Xame eines X o r d a u, der doch mehr als irgendeiner gegen das Dunkelmännerfhum in Kirche und Synagoge kämpft, ein Greuel. Sie wollen ja gar keinen Liberalismus, sie meinen gar keinen Freisinn, sie wollen lediglich die E n t j u d u n g. Darum sind ihre tapfersten Vorkämpfer Christen jüdischer Abstammung und solche, die es werden wollen. Während der ganzen zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hatten die .Liberalen die unwidersprochenerewalt in der Berliner jüdischen Gemeinde in Händen. Und was dort au Verletzungen des Judenthums geschehen ist, geschah als Ausfluss ihrer Herrschaft. Sie haben unsere Synagogen verehristlicht, haben unsere. Gebete getauft, unsere Andacht verwässert, haben unser Stammesbewusstsein unsern Prüdem entrissen, haben unsern Babbinern den Charakter christlicher Priester aufgedrückt und haben alles gethan, um das Judenthum, das ihnen aus Standesinteresse unbequem erschien, von innen heraus aufzulösen. Da sie verstanden, dass sich Nationen aus den Kindern ergänzen und neu bilden, haben sie unserer Schuljugend ein Bild vom Judenthuine gegeben, das sie hinaus zum Christciithum führen musste. Wir hatten ein Gebetbuch, das* unsern Vätern ein lieber Trost in ihrem Leiden gewesen i*t. Es enthielt wunderbare Poesien. Was unzeifgeniäss war, sollte hinaus: aber man tilgte die .Poesie und liess das ..Unzeitgemässe/* stehen. Wir hatten hebräischen Gottesdienst, aber anstatt unsere Kinder die hebräische Sprache besser als zuvor zu lehren, tilgte man mit Fleiss jede Regung, die Sprache der Bibel zu erlernen. Man galt — und das ist buchstäblich zu nehmen — für gebildet und freisinnig in dem Masse, als mau hebräisch nicht kannte und vom Judenthum nichts wusste.- Die Familie gilt dort für umso vornehmer (,.Jichus"), je mehr von der Verwandtschaft schon getauft sind! Das Aufgehen in das Christenthum war das vorgezeichnete Ideal. Alan hat der jüdischen Jugend von Berlin und seinen culturellen Dependencen jedes Wissen vom Judenthum genommen. Wir hatten Rabbiner, die wie Rabbi Jizchak Elchanan Rosenstein und Rabbi Jakob Josef Ettinger als Gelehrte unseres Volkes hervorragten und sich nicht zu bücken brauchten vor dem Geldsack, der von ihrer Gelehrsamkeit beschämt wurde. Was haben aber die Herren Liberalen aus unsern Rabbinern gemacht? . . . Eine mittelalterliche Geschichte erzählt von dein heiligen Stephan von Thiers, dass er durch die Häufung seiner frommen Uebungen und Kniebeugen allmählich Schwielen nach Art eines Kameeies an den Knien bekam und dass sieh seine Nase zur Seite bog. Wie viele von unseren Rabbinern sind durch die sich ..liberal" nennenden Genieindevorstände abgerichtet worden, sich nach Art des heiligen Stephan von Thiers zu beugen, aber nicht vor Gott, sondern vor dem Vorstand der Gemeinde. Dabei wurde zwar nicht ihre Nase, wohl aber ihr Geist schief vom vielen Ducken. So zerriss man den historischen Zusammenhang. der die Väter mit den Söhnen verknüpfte, und zerstörte das Selbstbewußtsein und die Hoffnung auf eine Zukunft. Wo nur eine Erinnerung an Jerusalem, wo nur eine Hoffnung auf Zion war. da brannte die unbarmherzige Faust eines schnöden Ant ijudenthums, das sich höhnisch Preisinn nannte, jede Spur aus dem jüdischen Herzen, um darin nur Asche und Trümmer zu lassen. Das sind die Liberalen, die wir für das grössere Uebel halten, wenn wir sie mit den Conservativen vergleichen. Denn deren Princip ist es, das Judenthum erhalten und retten zu wollen., wenn sie auch nicht wissen., wie. sie das sollen. Darum konnten die Zionisten den Conservativen ihre Stimme geben, ohne sich selbst untreu zu werden. Aber der wichtigste Schritt, den die Zionisten unternahmen, war es doch, dass sie sich endlich ermannten und den Mut'li

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