Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Article
- Hall Caine über den Zionismus
- Date
- 1901-12-13
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 „Die $ Welt- Nr. 50 Ich bin gefasst, von Juden, die nicht meine Ansicht theilen, ein Sentimental ist gescholten zu werden, aber ich schrecke nicht vor dieser Schelte zurück. Wenn es etwas Machtvolleres in dieser Welt als Sentiment gibt, so wäre ich glücklich., wenn ich darüber mehr erfahren könnte. Weder materielles Interesse noch Politik haben den hundertsten Theil jener Macht, die im Sentiment verborgen liegt, das den Menschen oder die Xation beherrscht, und das Sentiment des jüdischen Volkes, welches durch Feuer der Verfolgung, durch tausende von Jahren gelebt hat und noch lebt und, so lange ein jüdisches Volk existieren wird, auch leben wird, ist, denke ich, das grösste nationale Sentiment, das es in der Welt gibt. Ich habe zu lange Mr. Zangwill, den Sie zu hören wünschen, vom Sprechen abgehalten, und ich will mit dem Wunsche des besten Erfolges für das jüdische Volk schliessen, das daran geht, das Gedeihen jenes Landes, mit dessen Traditionen es aufs innigste verquickt ist, zu befördern. Wenn ich ein Jude wäre, ich würde höchlichst stolz auf diese Thatsache sein, stolz, einer alten Rasse anzugehören, die viele der grünsten Männer hervorgebracht, stolz auf eine Nation, die noch immer eine gewaltige Holle in dieser Welt spielt, trotzdem sie weder einen Thron, noch einen König, noch einen Soldaten, noch eine Elle Landes besitzt, das sie ihr Eigen nennen könnte, stolz auf eine Literatur, die in den heiligen Schriften eine Erhabenheit erreicht, mit der sich kein anderes Meisterwerk messen kann, stolz auf die Gelegenheit, eine Rolle in den Bestrebungen und Bemühungen zu spielen, Palästina aus einem wüsten Lande, in ein Land, wo Milch und Honig fliesst, umzuwandeln, und vielleicht am allerstolzesten auf das grosse Glück, den armen und unterdrückten Juden in vielen Ländern helfen zu können, dass sich die Hoffnung, die sie durch drei grausame Jahrtausende aufrecht erhält, auch verwirkliche." (Stürmischer Applaus.) M. W. Die zionistische Akademiker-Conferenz in Basel findet von Mittwoch den 18. bis incl. Montag den 23. December mit folgender Tagesordnung statt: Mittwoch den 18. December nachmittags: 1. Eröffnung der Conferenz durch die Mitglieder des Bureaus. 2. Wahl des Präsidiums und der Commission. 3. Vortrag des Herrn B e r n s t e i n-K o h a n : „Ueber die Ziele und Bedeutung der zu schaffenden Organisation." Donnerstag den 19. December, 10 Uhr vormittags: 1. Discussion über den Vortrag des Herrn Dr. Bernstein- Kohan sowie über das Organisationsstatut. 2. Vortrag des Herrn Zevi A b e r s o n aus Gent': „Das Verhalten des Zionismus zu einigen Strömungen im Juden - thum." Freitag den 20. December, 10 Uhr vormittags: 1. Discussion über den Vortrag des Herrn Aberson. 2. Vortrag des Herrn cand. jur. O. Buchmil: „Ueber den Zionismus." 3. Discussion über den Vortrag des Herrn Buchmil. 4. Bericht der Programm-Commission. Sonntag den 22. December. 1. Vortrag des Herrn Beikind: „Palästina.8 2. Vortrag der Herren Dr. Weizmann und Kobler: „Die Culturfrage." 3. Discussion. 4. Vortrag des Herrn Dr. J. Eliaschoff: „Die jüdische Presse." Montag den 23. December, 10 Uhr vormittags: 1. Discussion über den Vortrag des Herrn Dr. Eliaschoff. 2. Die wirtschaftliche Frage; Discussion, eingeleitet durch die Herren Dr. I d e 1 s o n aus Moskau, L. M o z k i n aus Berlin, Dr. Farbstein aus Zürich und ß. F e i w e 1 aus Brünn. Telegramm-Adresse: „Akademische" Basel. Es wird ersucht, alle Zuschriften an die folgende Adresse zu richten : Dr. Ch. Weizman n Hotel Krafft, Basel. Zur Conferenz der zionistischen Studentenschaft. Am 18. December d. J. tritt in Basel die erste Conferenz der zionistischen Studentenschaft zusammen. Die Conferenz ist eine Notwendigkeit. Das will viel sagen in einer Zeit, wo die Congivsse eine Alltagserscheinung geworden sind und von der Unzahl von Zusammenkünften bloss eine verschwindende Minderheit wahre Berechtigung hat. Denn wenn bei der Art des jetzigen Gedankenaustausches durch Djur-k und die modernen Communicationsmittel, bei der «normen Ausbildung, die das Zeitungs- und Zeitschriftenwesen erfahren hat, die Einberufung eines Congresses berechtigt sein soll, mups ein thatsächlicher Ausnahmezustand vorliegen. In unserem Falle besteht nun eben ein solcher, der die Conferenz zur Notwendigkeit macht. Keine politische Partei wird" sich hier versammeln, um ihr Programm in die Welt hinauszuposaunen, keine Propaganda soll hier getrieben, keine Paradereden gehalten werden. Der Studentencongress steht im Zeichen der Kritik und der Arbeit. Vor allem : Wir wollen uns kennen lernen! Das ist der innerlichste Beweggrund, der uns zusammenführt. Der zionistische Student ist nichts Einheitliches, er ist durchaus keine typische Gestalt. Wir stammen aus den verschiedensten Gesellschaftssphären, wir leben unter verschiedenen Völkern, Culturen und Regierungen, unsere Lehranstalten haben verschiedene Principien — demnach differieren auch unsere unmittelbaren Bedürfnisse und Interessen, unsere Denkart; ja selbst die Idee, in deren Namen wir uns versammeln, hat sich den verschiedenen Verhältnissen gemäss verschieden ausgestaltet, alle möglichen und unmöglichen Bestrebungen wirbeln noch in einem Lager. Dies steht fest und lässt sich durch keine Vertuschung aus der Welt schaffen. Aber nichts wäre eitler und zweckloser, alsein Versuch, hier „Einheit" schaffen zu wollen. Wir wollen uns heute gerade dieser Verschiedenheit der Anschauung freuen und sie als Zeichen wahren, echten Lebens ansehen. Nicht dieses überquellende Leben zu dämpfen, sondern es zu prüfen ist unsere Pflicht. Wir, deren erste Aufgabe es ist, die Volksseele zu erfassen, müssen vor allem uns selbst erkennen. Wir müssen uns persönlich gegenübertreten. Ein solches Gegenübertreten soll die Conferenz anbahnen. Die verschiedensten Ansichten sollen frei vorgebracht und ebenso gehört werden, kein geheimnisvolles Verschweigen aus Rücksicht auf die „liebe Einigkeit" darf es geben. „Alle grosse politische Action besteht in dem Ausprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Schweigen und Bemänteln dessen, was ist." Dieser Satz unseres Lassalle soll unser Leitspruch sein. Ob sich als Endresultat der Besprechungen ein gemeinschaftliches Programm ergeben wird — ich möchte es in Frage ziehen, doch sehe ich darin eine ganz natürliche Erscheinung. Ein Programm, das scharf die Grenzen der Arbeit zieht, kann nur dort am Platze sein, wo man nicht mehr „weiter hinaus will". Bei der Jugend, beim' Studenten soll aber gerade dies der Fall sein. Unsere Ansichten sind einer steten Wandlung unterzogen und müssen es sein, wir können nicht bei einer festgesetzten, besiegelten Idee stehen bleiben. Für uns vor allen gilt das Wort: Entwicklung. Für uns würde also eine programmatische Feststellung unserer Thätigkeit entweder hemmend oder nutzlos sein. Dadurch soll jedoch die Möglichkeit eines positiven Ergebnisses der Verhandlungen nicht bestritten werden. Es wird und muss sich ein gemeinschaftliches Princip für die Arbeit aller aus den verschiedenen Ansichten herauslösen. Und hier wird wieder alles auslauten in das Wort: G egenwar tsarbei t'.Das heisst Arbeit für die nächste, unmittelbare Gegenwart. Die nutzlose und schale Agitation des Studenten muss abgeschafft und an deren Stelle gründliche, wissenschaftliche Arbeit gesetzt werden. In dieser Hinsicht kann die eine, factisch bestehende Einheitlichkeit, nämlich die des wissenschaftlichen Berufes hervortreten. Die allseitige. Durcharbeitung und Vertiefung der zionistischen Idee müssen wir uns selbst zuweisen. Wichtige, vorläufig nur aufgeworfene Fragen verlangen dringend Lösung, und jeder Tag bringt neue hinzu. Da steht obenan das grosse Problem des Verhältnisses der jüdischen Volksidee zu den gegenwärtigen Geistesströmungen, in denen auch wir zum Theile stehen. Diese Frage, in der meines Er-