Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Article
- Hall Caine über den Zionismus
- Date
- 1901-12-13
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 „Die # Welt»4 Seite 7 lieb zusammengesetzt ist. Seit damals war es mein Privileg, viele Freunde unter den Juden zu gewannen, ihnen in ihrem öffentlichen und privaten Leben nahezutreten und mehr von ihnen in mehreren Ländern zu erfahren als irgend ein Christ mit meiner Lebensrichtung. Ich "habe dabei gelernt, zu bewundern den jüdischen Intellect, der der zugreifendste und der erleuchtetste meines Wissens ist, mich zu vergnügen an den Triumphen der Juden über bedeutendere Schwierigkeiten als solche, die je den Weg einer anderen Rasse verrammelt haben, bewegt zu sein über die imaginative Kraft des Glaubens, der sie inspiriert, gerührt zu sein über das einfache und kindliche Gefühl, das sie eint, und vor allem anderen erregt zu sein über die grosse Hoffnung, die in ihnen lebt und brennt in allen Ländern des Universums, so niedergetreten, so verfolgt, so unterdrückt sie sein mögen — die Hoffnung auf das Herannahen des Tages, wo sie wieder eine Nation sein werden, weder verfolgt noch unterdrückt. Gestatten Sie mir noch eine weitere persönliche Erinnerung. Diese Ansicht über das jüdische Volk, die gelegentlich meines ersten Besuches bei Ihnen in mir Wurzel zu fassen begann, führte zu einer Erleuchtung meines Geistes als Mensch. Von dieser Nacht an fühlte ich. eine moralische Schuld mir gegenüber, zu brechen mit jedem engherzigen Vorurtheile in meiner eigenen Natur, das meine Sympathie mit den Völkern anderer Rassen erstickte. Trotzdem kann ich nur wenig Anerkennung beanspruchen, welchen Triumph auch immer ich in dem Sieg über mich gefeiert; denn ich hatte niemals gegen jene bitteren Rassengefühle anzukämpfen, mit denen viele andere bedeutende Männer geboren werden. Doch hatte ich zu kämpfen gegen jene Unkenntnis unserer eigenen Art, der wir Engländer durch unsere insulare Lage ausgesetzt sind, und natürlich hatte ich zu streiten wider das gemeine, unsinnige Vorurtheil von Mensch gegen Mensch, das in vielen Männern von nirgend herkommt und doch so weit geht. Behüte der Himmel, dass ich das nationale Gefühl in abtsracto gering anschlagen oder anklagen solle, dass es unfähig guter Resultate sei. Ich erkenne seinen Wert an als eine Stütze der Ein heit und als ein Mittel., das die zerstreuten Theile eines Volkes zusammenkittet, und als einen Stimulus im öffentlichen Leben. Das nationale Gefühl ist dafür in der letzten Zeit genug belobredet worden, und die Erstarkung Englands durch dieses, z. B. im gegenwärtigenKriege,ist genügend erörtert worden. Was nicht klar gesehen und ganz verstanden wurde, ist, wie sehr das nationale Gefühl bei anderen Nationen beigetragen hat, Englands Weltstellung zu schwächen. Das ist eine aparte Frage, über die getheilte Meinungen sein können, aber niemand kann in den letzen zwei Jahren durch Europa gereist und Zeuge gewesen sein, wie ich, von der Feindseligkeit Frankreichs, Deutschlands und sogar Italiens gegenüber England, ohne die Empfindung zu haben, wie ich, dass abgesehen von den Fragen des Rechtes und Unrechtes, der Humanität und ihres Gegentheiles, ein grosser Theil der Erbitterung gegen unsere Heimat in der Fremde durch den unvermischten und unverfälschten Volks- Antagonismus hervorgerufen ist. Ich muss mich entschuldigen, dass ich diesen Punkt berührt habe, ich that es, um meiner persönlichen Ansicht Ausdruck zu geben, dass der nationale Geist, der so viel Gutes schafft, auch fähig ist, viel Böses zu bewirken, und dass ich mich bestrebt habe, den schlechten Theil des Nationalgeistes auf Kosten des Patriotismus auszumerzen. Ich erkläre aus der tiefsten Tiefe meines Herzens, was immer für einen Wert es haben möge, dass ich, der ich in diesem Augenblicke vor Ihnen stehe, mir vollkommen bewusst bin, dass in meiner eigenen Natur nicht der geringste Trieb von Antipathie gegen ein menschliches Wesen übrig ist, bloss weil es einer anderen Rasse als der meinigen angehört, nicht die Versuchung eines Momentes, einen Mann als meinen Feind zu betrachten, weil er ein Deutscher, ein Franzose oder ein Italiener ist, nicht der Schatten einer Idee, dass ein Engländer, so wie er aus der Hand Gottes kommt, einem anderen menschlichen Wesen überlegen ist, nicht der Zweifel eines Augenblickes, dass alle Menschen, wenn Gott mein Vater ist, auch meine Brüder sind, und die einzige Frage nur die ist, ob Mensch oder Nicht-Mensch. Für diese Erleuchtung meiner moralischen Sympathie mit dem Frieden des Geistes, den es mir gebracht, und der Freude der menschlichen Brüderlichkeit bin ich den Makkabäern in gewissem Grade dankbar, dass sie so generös vor vielen Jahren mir entgegengekommen. Und jetzt, wo ich zu meinen einleitenden Worten zurückkomme, muss ich bemerken, dass ich mich offenkundig in Widerstreit mit mir selbst setze, insofern als ich meine Sympathie mit einer Rassenbewegung und nationalen Bewegung des jüdischen Volkes ausdrücke. Trotz alledem, was ich gesagt, bin ich mit Herz und Seele ein Zionist; ich bin ein christlicher Zionist. Ich sehe ökonomische Gründe, die einen besorgt machen können wegen des Zionismus, und ich sehe auch politische Gründe, die einen erschrecken können. Palästina mag zu klein sein und zu unfruchtbar, um die Hoffnungen, welche die zionistische Bewegung auf es gesetzt, zu verwirklichen, und die Regierung des Sultans mag zu absolut sein, um eine gute Garantie für die künftige, Sicherheit der Juden zu bieten, die sich unter seiner Regierung ansiedeln. Die Juden haben eine bittere Erfahrung mit der Wiederbelebung alter, vergessener Edicte unter einem anderen absoluten Monarchen, dem Czar von Russland, gemacht, und sie mögen es sich wohl überlegen, bevor sie sich in die Gewalt des Moslim begeben. Dennoch kann es meines Erachtens für das materielle Wohl des ärmeren Juden in vielen Theilen Europas nichts Besseres geben als die Rückkehr ins Heilige Land. Ich glaube dies vor allem, weil die nackten Thatsachen dafür sprechen und weil ich die Empfindung habe, dass die Lage der armen Juden in gewissen Ländern furchtbarer ist als je zuvor, und dass Palästina zufolge bloss seiner geographischen Lage zwischen Ost und West ein günstiges Colonisationsfeld bietet, das nicht bloss für Agricultur und Manufactur geeignet ist, sondern auch vor allem anderen für den Handel. Ich glaube, dass die Zeit nahe ist, wo die zionistische Bewegung, die schon vom ganzen Weltall Besitz ergriffen, auch zu einer universellen Bewegung unter der ärmeren jüdischen Bevölkerung Englands werden wird. Ich glaube, dass sich die Ziele der Zionisten, wenn diese Zeit endlich kommt, erweitert haben werden, und dass sie trachten müssen, in Palästina eine jüdische Republik unter dem Schutze und mit der Zustimmung der Grossmächte zu gründen, die es als ihr Interesse ansehen werden, eine Nation, die sich durch ihre Tradition und Erfahrung für den Welthandel aufs ausgezeichnetste eignet, zu protegieren und in einem gewissen Masse zu controlieren. II n d i c h g 1 a u b e , dass diese j ü d i s c h e R e publik der Zukunft in d er L a g e. sein wird, zu e x i s t i e. r e n ohne eine A r m e e o d e r einen T h r o n , weil s i e n ö t h i g sein w i r d f ü r d i e W ohlfahrt aller Volke r , s o w o h 1 des 0 s t e n s w i e a u c h d e s Weste n s, u n d d aber von i h n e n i m I n t e re s s e aller eifersüchtig g e h ü t e t w i r d. Derart ist mein zionistischer Traum, und obwohl er auf dem nationalen und Rassengeiste des jüdischen Volkes basiert, denke ich, dass er nicht widerstreitet dem allgemeinen Principe der Brüderlichkeit unter den Menschen. Ich glaube, er ist eine Entwicklung dieses Prineips. Ich sehe., dass in dem Fortschritte der Menschheit unter der Leitung der Vorsehung der Rassen- und Volksgeist, der viel Uebles gestiftet, auch viel Gutes bewirkt hat. Ich denke., dass ein Theil des grossen Werkes, das gleichsam als Mission dem jüdischen Volke zugefallen ist, darin bestehe, die Rassen und Nationen der Welt aneinander zu binden und auszusöhnen. Durch tausende von Jahren hat der Jude diese Mission erfüllt. Der niedrigste jüdische Bettler auf der Strasse des Landes hat diese Missionsrolle durchgeführt, und die grossen jüdischen Banken und Syndicate, die jetzt den Welthandel revolutionieren, spielen in gleicher Weise diese edle Missionsrolle. Lind wenn unser Traum einer jüdischen Republik sich verwirklicht, so wird die Mission der jüdischen Rasse als eines Bindemittels zwischen den Völkern der Erde, ihre vollste und höchste Erfüllung erreichen. Vor allem anderen bin ich Zionist aus sentimentalen Gründen. Durch tausende von -Iahreu haben die finden um die Rückkehr ins Gelobte Land gebeten. Wie weit die Aufrichtigkeit des Gebetes in jenen Ländern reicht, wo der Jude mächtig und reich geworden, kann ich nicht ermessen., aber dass dieses Gebet in jenen Ländern, wo der Jude arm und verfolgt sei, ein aufrichtiges ist. weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich kenne kein nationales Gefühl, das sich auch nur, was Stärke und Beharrlichkeit anbelangt, mit dem nationalen Gefühle der armen Juden in den ärmsten Theilen Europas vergleichen liesse. Der arme und ungebildete Jude in Russland und auch anderswo lebt sein ganzes Leben in der Hoffnung auf den nahenden Tag, wo Palästina wieder sein Heim und sein Volk wieder e i n e Nation sein wird. Seine religiöse Hoffnung ist eine zu feste, als dass der Zweifel an ihr nagen könnte, und behüte der Himmel, dass er sein Haus auf Sand gebaut. Ich glaube, dass letzteres nicht der Fall ist. Wenn ich ein Jude wäre, und ich hätte einen Augenblick nur Besorgnis wegen dieses Gegenstandes, wenn ich es nur für möglich hielte, dass mein Volk, welches das Gebot um die Rückkehr ins Gelobte Land ewiglich und stetig auf seinen Lippen führt, welches sein Heiz mit der Hoffnung auf den kommenden Tag erfüllt, wo das Volk Israel, sei es auf natürlichem Wege oder durch directes Eingreifen der göttlichen Allmacht, in das Land zurückkehren sollte, das seinen Vätern als Erbe gegeben war, getäuscht sein könnte — wenn ich ein Jude wäre und einen Augenblick nur daran zweifeln müsste, ich würde, den Glauben meiner Väter über Bord werfen und an keinen Gott mehr glauben. Der Gedanke allein, dass es möglich sein könnte, ist schon zu furchtbar: Der Allmächtige, wird entthront, und dieser Welt bleibt kein Gott, und alle Religion wird zu einem grausamen und furchtbaren Holm. Ich sage dies als Christ und erinnere mich wohl zu gleicher Zeit an jenes Gebet, das Christus uns beten lehrte mit der Hoffnung „auf das Königreich, das kommen wird, wenn Gottes Wille auf Erden geschehen ist wie im Himmer4. Und so wie ich fühle, dass derjenige kein Christ sein könne, der befürchtet, dass vielleicht Gottes Königreich nicht kommen werde, so denke icn, dass der Jude kein .lüde ist, der zweifelt an der Erfüllung auf diese oder jene Weise, der zweifelt, dass je sein Volk ins Gelobte Land wiederkehren wertle.