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Die Welt · 1901-12-13 · 50 (13.12.1901) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
50 (13.12.1901)
Article
Jüdische Siedlungen
Date
1901-12-13
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die & Welt*6 Nr. 50 seits den Einzelnen Nothstandsdarlehen oder geschenkweise Subventionen gewähren: das geht den Grundherrn nicht im geringsten an. Und damit ist die Psychologie des einzelnen Covlonisten ganz anders motiviert. Wenn er faul, liederlich und verschwenderisch ist, so ist er es nicht mehr auf Kosten classenfremder Capitalisten, sondern auf Kosten der eigenen Genossen; und dann wird er es sehr viel schwerer haben, faul, liederlich und verschwenderisch sein zu können. Denn das Selbstinteresse der Genossen hält ihn unter scharfer Controle. Dass die Genossenschaft das Damoklesschwert der Ausschliessung über jeden Unverbesserlichen hängen darf, ist eine selbstverständliche Forderung schon aus dem einen Grunde, weil nach allen Erfahrungen die blosse Möglichkeit der Ausschliessung (die ja hier eine vollkommene Entwurzelung der betreffenden Familie bedeutete) vollauf genügt, um sie nie vorkommen zu lassen. Ein Siedlungswerk hat nicht nur eine Volkswirt - sehafliehe, sondern eine vielleicht noch wichtigere volkspädagogische Seite, und wer hier in den Grundlagen sündigt, der hat das Beste verfehlt. Diese Form des genossenschaftlichen Landbesitzes vermeidet das schwerste Uebel, das den Bauern-Selbst eigen thümer betrifft: er hat keine Ursache, das von ihm besessene Land wegen Generationswechsels zu verschulden — denn die Wertsubstanz gehört ja der Genossenschaft — und er hat auch keine Möglichkeit dazu, denn niemand kann ihm auf sein blosses Besitz recht Realcredit gewähren. Dagegen erhält die Genossenschaft als solche durch die immer dichtere Besiedelung und den immer steigenden Arbeitswert- Zuwachs ihres Terrains leichteren und günstigeren Credit als selbst der einzelne Privateigenthümer und kann dem Genossen auf diese Weise leicht die nöthigen Meliorationscredite zukommen lassen Auch hier scheint mir aus den oben angegebenen Gründen der beste gangbare Weg der zu sein, eine Zwischenorganisation zu schaffen, eine echte Creditgenossenschaft, die zur Gesammthand von der Siedellingsgenossenschaft Credit erhält, ihr allein für Verzinsung und Tilgung verantwortlich ist und sich wieder nur an ihre Mitglieder halten kann. Bei solcher Organisation wird nur der wirklich kreditwürdige Genosse, und nur für wahrhaft producta ve Zwecke Darlehen erhalten, da er im anderen Falle kaum die nöthigen Bürgen finden würde. Tritt aber Erbgang ein, so bleibt die Bodensubstanz selbst ausserhalb der Erbschaftsmasse; die Erben erhalten lediglich ihre' Quote von derjenigen Hinterlassenschaft, die der eigenen Arbeit des Erblassers verdankt ist. Wollen die Erben ihrerseits Landwirte werden, so steht ihnen ja unter gleichen Bedingungen Pachtland und Meliorationscredit offen. (Fortsetzung folgt.) Hall Caine über deu Zionismus. Gleich dem jungen Tannenbaum des ewig grünen Waldes setzt der Zionismus Jahr für Jahr neue Ringe an und weitet sich die Zahl derjenigen, die in ihm die einzige und endgiltige Lösung der über Alt-Europa schwebenden Judenfrage sehen. Eine durchaus demokratische Bewegung zw Beginn, die ihre Anhänger unter den mittleren und unteren Schichten des jüdischen Volkes hatte, findet jetzt der Zionismus Parteigänger unter den Höchsten und Ersten eines jeden Volkes. Die „Oberen Zehntausend'' Londons entzogen sich nicht seinem magischen Einflüsse, wie die berühmten ..Vier Hundert" New-Yorks; als mächtiger Sieger durchstreift der Zionismus das Universum und zieht alle Bevölkerungsschichten in seinen Bannkreis. London, die Metropole Englands und das Herz des ganzen Weltalls, ist endgiltig erobert. Xach dem Article Clube, der die Creme der Creme Old Englands zu seinen Mitgliedern zählt, öffnete der Makkabäer-Club vorletzten Sonntag seine Pforten einer Discussion über das Wesen des Zionismus. Vor Jahr und Tag hätte man dies für unmöglich gehalten. Im Makkabäer-Club, einer englisch exclusiven Vereinigung, war nämlich bis vor kurzem das Wort „Zionismus" selbst verpönt. Man hatte den Begriff und das Wort in Acht und Bann gethan, und man hütete sich, seinen Geist heraufzubeschwören, wie den der — Inquisition. Nun hat sich die Sachlage geändert, und am 1. December dieses Jahres sprach dort, von wo lange das Licht der neuen Offenbarung ausgeschlossen war, ein Prophet: Israel Zangwill, und ein Wunder ereignete sich: Man nahm beifällig und gläubig die Ausführungen des neuzeitigen Propheten auf. Den Vorsitz in dieser illustren Versammlung führte kein Geringerer als Thomas Henry Hall Caine. Wer Hall Caine ist, dürfte unnöthig sein, hier auszuführen, was er für den Zionismus bedeutet, sagt klar und deutlich seine Rede, die sich wie ein Freiheitsgedicht Byrons, durchtränkt vom alttestamentarischen Geiste, liest. Hall Caine ist nicht über Nacht Zionist geworden, seine Bekehrung ist keine blitzartige gewesen. Langsam vollzog sich sein Wandel, bis er für uns gewonnen war. Und derjenige, der seinen Entwicklungsgang kannte, wusste, dass er zu uns kommen werde. Hall Caine, der für kleine Communitäten schwärmt, der von Vaterseite von der Isle of Man abstammt, wo er auch erzogen wurde, der zum „Member of the House of Keys" (Abgeordneter) dieser Insel vor einigen Wochen gewählt worden war, und dessen beste Romane „The Deemster" („Der Richter", 1887), „Bondman" („Sclave", 1890) und „The little Manx Nation" („Die kleine Manxnation", 1891) auf diesem typischen Home Rule-Land spielen, musste nothgedrungen ein Verfechter des politischen Zionismus werden. Die Rede Hall Caines: „Meine Damen und Herren! Mit grossem Vergnügen habe ich die Einladung des Makkabäer-Clübs angenommen, den Vorsitz bei einem Vortrage Mr. Zangwills zu führen. In seiner Gegenwart kann ich sagen, dass ich es mir zum Verdienste anrechne, unter den ersten gewesen zu sein, die seinem Genius Anerkennung gezollt, in jener Rede, die ich in diesem Club gelegentlich meines ersten Besuches hielt. Und heute wünsche ich dem jüdischen Volke Glück zur beneidenswerten Rolle, die es in der englischen Literatur und in der des ganzen Weltalls durch eines der reichsten, blühendsten und individuellsten Talente, durch eine der stärksten, gesündesten und liberalsten Naturen unter den Literaten unserer Zeit einnimmt. Ich erinnere mich gern des Tages meiner ersten Bekanntschaft mit Mr. Zangwills Werken. Es war kurz vor der Veröffentlichung seiner „Kinder des Ghetto", und ich sass in meinem Landhause und wollte einer Schuldigkeit der Courtoisie nachkommen und das erste bedeutende Werk eines Mannes lesen, der damals noch ein verhältnismässig junger Schriftsteller war. Ich erinnere mich genau, es war schon spät in der Nacht, meine Familie hatte sich bereits zur Ruhe begeben, alles war in tiefes Schweigen gehüllt, und nur der Wind bewegte leise die dürren Aeste der Bäume, und langsam rloss das stille Wasser im nachbarlichen Bache. Das Buch hatte bald mein ganzes Interesse wachgerufen. Es offenbarte mir eine neue Welt der Menschheit — eine Welt, so wirklich, so sonderbar und so unschön in manchen Punkten, und doch so rührend, dass ich, wie von einem Spuke gebannt, dasass und weiterlas. Die Stunden vergiengen, ohne dass ich es merkte, und es dämmerte der graue Morgen auf dem Bergeshügel, bevor ich das Buch vollendet. Als ich es aber niederlegte, fühlte ich, dass ein neuer Stern am Horizonte der englischen Literatur aufgegangen war, dass ein neuer Mann in England erstanden war, und dass dieser Mann Israel Zangwill hiess. Mein erster Besuch bei den Makkabäern, von dem ich gesprochen, liegt jetzt weit zurück in der Vergangenheit; seit diesen frühen Tagen ist freilich vieles in Ihrem Club vorgegangen, und hatten Sie so manche bedeutende Besuche und distinguierte Besucher, und vergassen sie daher an einen Ihrer ersten Gäste, ich aber erinnere mich an diese Gelegenheit und werde mich stets freudig und dankbar an Sie erinnern. Denn es gibt Momente in des Menschen Leben, wo von unscheinbaren Dingen ein unverwischbarer Eindruck für alle Aeonen ausgeht. Das war für mich einer dieser Momente. Gestatten Sie, dass ich Ihnen in einigen Worten zeige, wie mein erster Besuch im Makkabäer-Club, dessen Veranlassung trivial sein mag,. ein Wendepunkt in der Entwicklung meiner eigenen Natur war. Sie hatten mich damals ersucht, die Ehre Ihrer Gastfreundschaft anzunehmen,' weil ich ein Buch über „Das jüdische Volk in Marocco" geschrieben. Ihre Erkenntlichkeit war zu diesem Augenblicke eine sehr weitgehende, und mein einig einziges Recht darauf war damals meine Sympathie mit einer unterdrückten Rasse in einem halbcivilisierten Lande. Diese Sympathie mit dem unterdrückten und niedergetretenen jüdischen Volke in Marocco erhielt einen weiten Hintergrund durch jenes schauderhafte Schauspiel, das sich in Russland unter dem Jammer- und Wehgeschrei der russischen Juden abspielte. Mein Herz öffnete sich dem jüdischen Volke, nicht als Juden, sondern als Unterdrückten und Leidenden, und was ich an jenem Abend sagte, war ausschliesslich berechnet, Ausdruck zu geben dem allgemeinen Gefühle meiner menschlichen Sympathie. Derart war der Beginn meiner Bekanntschaft mit den Makkabüern und mit dem jüdischen Volke, von dem Ihr Club hauptsäch-

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