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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 31

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Der Messias und der Esel
Date
1901-12-06
Page
31 (sequence 2)
Language
German
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— 31 ' — gleich Heb Jissroel Isserlheimers Haus, und ihn selber sahen sie sieh zum Fenster hinauslehnen, ein dickes Buch dreiviertel geöffnet im leicfctgekrümmteii linken Arm, und in seinen nach rechts verzogenen J^undwinkeln war, die Pfeife eingeklemmt,; die mächtig lang zum Fenster hinäushieng. Der Mann unten auf der Strasse hielt kurze Zwiesprache mit seinem Diener, dann machte er ein leichtverständliches Zeichen zu Reb Jissroel hinauf, und Reb Jissroel verstand,dass dieser da ein Orach4)sei, undgieng eilends hinab, nachdem er die Pfeife ins Buch gelegt hatte, um die aufgeschlagene Stelle nicht zu verlieren. Dann führte er den Fremden in sein bestes Zimmer hinauf, hiess ihn sich setzen undr fragte ihn mit der Neugier, die alle Menschen haben und manchmal auch Talmudisten, um Namen, Stand, Herkunft und Reiseziel. Der Fremde Hess alle diese Fragen ruhig über sieh ergehen, und dann — dann ereignete sich etwas, was sieh bis dahin niemals in der Welt ereignet hat, und es erscholl eine Antwort, die noch keinem Juden auf seine Fragen zutheil geworden, und Reb Jissroel Isserlheimers Haus erlebte eine Ehre, wie noch kein jüdisches Haus bis auf jenen Tag. Denn der Fremde öffnete seinen Mund und sagte laut und deutlich: „Ich bin der Messias, Sohn Davids!" Reb Jissroel erschrak tödlich. Vor vielen Jahren war er von seinen Eltern nach Pressburg geschickt worden. Er war damals ein kleiner Junge, schüchtern und zag, und wie er an einem der ersten Tage, seines. Aufenthaltes unbekannt und verlassen durch die Strassen lief, sprach ihn ein alter Mann an und benahm sich so liebreich gegen ihn, dass der kleine Jissroel seine Scheu überwand und sieh nach dem Kamen seines Beschützers erkundigte. „Ich bin der Chasam Sofer/'5) war damals die Antwort, und auch damals erschrak Jissroel gewaltig. Was aber war der Chasam Sofer gegen den Messias, Sohn Davids? Der Chasam Sofer selber wäre erschrocken in der Situation, in der sich Reb Jissroel jetzt befand. Und wie gross musste erst der Schrecken de£ Reb Jissroel Isserlheimer §ein, der doch schon vor dem Chasam Sofer erschrak? Er erstarrte förmlich. Seine Pfeife glitt zwischen den zitternden Lippen zu Boden, und sein graues Haupt schien entwurzelt zu sein — so sehr wackelte es. Ja, das ganze Zimmer (wahrhaftig, ich lüge nicht und übertreibe nur wenig) begann die Aufregung des armen Reb Jissroel zu theilen, und alle seine Gegenstände bebten von ihrer Stelle aufj als wollten sie sich losreissen und dem Messias zu Füssen legen. Die Talmudbände selber (das ist nicht übertrieben, das war ganz deutlich zu sehen) neigten sich von ihrem Regale gegen den hohen Gast, und vor dem Hause erhob sich, obwohl es milde Jahreszeit war, ein gewaltiger Sturm, der die verklingenden Töne eines triumphierenden Liedes von einem unsichtbaren Orte in die Stube wehte. Inmitten dieses Aufruhr der belebten und unbelebten Natur sass der Gast ruhig, unheimlich ruhig und gelassen, seine. Hände stützten sich, wie man es bei den Statuen von Herrschern und Dichter oft sieht, gewichtig auf die Armlehnen des Sessels, und sein königliches Auge blickte unverwandt und durchdringend auf das axifgeregt-zerwühlte Antlitz seines Wirtes. Endlich fasste sich Reb Jissroel Isserlheimer, er stand auf und küsste ehrerbietig und wortlos den Kleidsaum des Messias. Als er aber sein Haupt wieder erhob, da strahlte sein Gesicht vor unbändigem Stolze. Denn ihm kam der Gedanke,, dass er, Reb Jissroel Isserlheimer, jetzt und an diesem Orte eigentlich der Vertreter von ganz Israel sei,, durch Gottes Gnade vorherbestimmt, den Erlöser und Helfer Israels zu empfangen in seinem Hause, von dem aus der Messias seinen Triumph zug antreten werde. Und von diesem Stolze beseelt, der sein ganzes Gefühl ins tausendfache steigerte, stand Reb Jissroel vor dem Gaste und sagte: „Der Friede sei mit Dir, Messias! Ich danke Dir, dass Du bei mir abgestiegen bist. Mein Haus ist Dein eigen, so lange Du es dieser Erde würdigen willst, und alle Dienste, die Du beanspruchst, und wären sie noch so schwer, sollen geleistet werden. 0 Messias, das Golus ist hart und bitter, und wir haben jahrhundertelang auf Dich gewartet., Gelobt sei der Herr, der Dich gesendet, gelobt Er und sein heiliger Name, dass Er mich Deinen Anblick hat erleben lassen!" Und plötzlich fiel es Reb Jissroel Isserlheimer ein, dass der feierliche Moment eine B r o c h o h6) erfordere, und er wusste nicht, welche! Am ehesten, meinte er, passe „Schehechejonu". Aber er traute sich nicht, in diesem Falle für sich selber possek din zu sein.7) Der Messias aber stand auf, trat zum Fenster, sah zum Himmel empor, drehte sich dann um, blickte auf die Pendeluhr im Zimmer, reckte sich mächtig in die Höhe, und einen plötzlichen Entschluss fassend, trat er auf Reb Jissroel Isserlheimer zu. „Reb Jissroel" sprach er, „versorge mir schnell einen Fiaker! Noch heute, binnen einer Stunde, m u s s ich einziehen!" Reb Jissroel gieng schnell auf die Thüre zu und nahm sich vor, einen imnumerierten Gummiradier zu holen. Wenn der Messias kommt, lässt sich ein Reb Jissroel Isserlheimer nicht lumpen! Als er aber schon in der Thüre stand, fiel ihm abermals etwas ein. Seine Augen wurden wieder starr, diesmal infolge eines Gefühls, das zwischen Staunen und Zweifel die Mitte hielt. Durch die unangenehme Sache mit der Brochoh war sein ha lachisches Gewissen, das in der Aufregung des ersten Momentes aufgehört hatte, so lebhaft wie gewöhnlich zu schlagen, wieder zu voller Regsamkeit erwacht, und statt das Zimmer zu verlassen und einen Wagen zu holen, drehte er sich wieder um und fragte den Gast: „Messias! Du willst mich doch nicht versuchen? Meinst Du, ich weiss nicht, was für den Messias vorgesehrieben ist? Meinst Du, weil ich ein Talmudist bin, kann ich einen einfachen Possuk aus Thenach8} nicht?" Welcher Possuk?" fragte der Messias, und auf seiner Stirne erschienen zwei mächtige Falten. „Welcher Possuk?" erwiderte Reb Jissroel triumphierend. „Ich meine jenen Possuk, den ich aus Sanhedrin 99 und aus dem Sohar kenne, und in dem Possuk steht, dass der Messias kommen wird „oni werochew al assono", arm und reitend auf seinem Esel. Messias, Sohn Davids! Ich frage Dich: Wo ist Dein Esel?"' Schon wollte der Messias zornig auffahren. Aber die Zeit drängte, und ihm war ein genauer Termin gestellt. Und so bezwang er sich und antwortete liebreich und überredend : „Reb Jissroel! Verzeih' mir, Du bist ein grosser Gelehrter, das sehe ich, aber den Possuk hast Du nicht verstanden. Der ist nur bildlich gemeint. So lange ich im Morgenlande reiste, hatte ich einen Reitesel, weil das in jenen Gegenden die gewöhnliche Beförderungsart, ist. Aber in Europa benütze ich das Schiff, die Eisenbahn oder einen Wagen. Das ist doch selbstverständlich, und ein sc kluger Mann sollte darüber kein weiteres Wort verlieren. Geh' und hole mir einen Wagen!" Nun meinte der Messias natürlich, dass er das Spiel gewonnen habe. Und vielleicht meint Ihr dasselbe. Ja, freilich! Ich kenne Reb Jissroel Isserlheimer besser, und ich hätte Euch, und ich hätte dem Messias/voraussagen können, dass Reb Jisroel Isserlheimer sich durch gar nichts und durch gar keinen Menschen von dem richtigen Wege ablenken lässt! „Messias, Sohn Davids," sagte Reb Jissroel, und seine Stimme bebte vor feierlicher Empörung, „gewiss, Du willst mich versuchen. Ich aber weiss, was ich weiss: Gesetz bleibt Gesetz,. Ueberlieferung bleibt Ueberlieferung. Arm und reitend auf seinem Esel, heisst es, das ist so klar wie der Himmel. Auf einem Esel, und dawko,9) auf eine m Esel musst Du reite n. Ein Messias im F i a k e r, das ist unmöglich, das ist unerhört, und das wird nicht geschehen, so lange ich lebe! Ich stehe hier als Ab-

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