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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 28

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Vom ewigen Kohn
Date
1901-12-06
Page
28 (sequence 3)
Language
German
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— 28 — er las seinen Namen in alle alten und neuen Idiome hinein und scheuchte die Menge von den Repertorien des universellen Wissens mit dem Witze zurück: dieselben seien Kohn hinten und vorne, nämlich C o u vt?rsations-Lexi k o ni und der Wiener Journalistenverein mache seinem Namenf alle Ehre: er sei eine wahre Cohncordia. Es war der Witzeleien kein Ende und ist's noch nicht' bis auf den heutigen Tag. Der ewige Kohn. Denn Kohn duldet, Kohn ist zäh. Auf Kohn hagelt es seit tausend Jahren und darüber Hieb und Schlag; und weil er unter ihrer Wucht nicht zusammenbricht, härten und stählen, läutern und kräftigen sie ihn. Sanct Darwin ist sein Schutzheiliger. " Ei Kohn, Du Jude Du! Magst Dich nicht magyarisieren, gelt? Und der Kohn rafft sich auf und nimmt einen magyarfschtm Namen an. Doch das ist das wenigste; ja, das ist so gut wie gar nichts. Kohn wird Magyare an Geist und an Zunge, er verlegt sich auf Sprachforschung, er verfas-t die anerkannt beste ungarische Grammatik, er schreibt Theaterstücke und Verse voll glänzender Poesie: Werke, wie sie bisher kein Rumäne und kein Siebenbürger Sachse, kein Schwabe des Alföld, kein Ruthene, kein. Croate und kein Slovake in magyarischer Sprache geschaffen hat. Ei, Du säbelbeiniger Kohn, Du Feigling Du! Mit Dir; sollen wir in der Civilehe unser Blut vermengen?! . . . Und; Kohn eilt auf den Turnplatz und trainiert seine schwammigen Muskeln zur Härte des Stahles; er lernt schiessen wie ein Mr. Paine; er erscheint auf allen Fechtböden und Mensuren und kreuzt seine Klinge mit jenen der ge-> fürchtetsten Raufbolde. Aus dem Revolver-Journalisten ist ein Säbel-Journalist geworden. Dieser Tage erst standen^ in zwei verschiedenen Spalten einer und derselben Zeitung, zwei Berichte Kohns zu lesen: der eine über die Productenbörse und der andere über sein Duell mit dem Sohne des Herrn Bencze v. Istvänffy. Ei Du Kohn, nichtsnutziger Junge Du! Wenn Du? morgen Deine Schulaufgabe nicht fehlerlos weisst, wirst. Du ausgestossen! Nun ist der kleine Kohn so ein „puer medioeris", nicht besser und nicht schlechter als der Keszeghy Pista, der Csülök Dani oder der Balpgh Peti auch, die alle um ein gut Stück weniger lernen als er?: Aber sie kommen mit heiler Haut durch die Classe, weil: der Herr Lehrer, ihnen wohl will; den kleinen Konn aber-, verabscheut er, den blöden, sommersprossigen, röthharigfeir^ Jungen. Und nun wirft sich der kleine Kohn in seinie1r\ Angst und in seinem nagenden Schmerz mit aller Kraft aufs Lernen und lernt bis zu jedem Morgen sein Penstfm so. dass ihn beim „Aufsagen" kein Orkan aus dem Context bringen könnte. Er war gezwungen, ein tüchtiger Schüler zu werden, dank der Abneigung des Herrn Lehrers, Und beim Eintritte -ins Leben bewährte er sich denn auch, der kleine Kohn, indes -die anderen : der Keszeghy Pistfy der Csülök Dani und der Balogh Peti sich an die Brüste des Comitats hängen oder in irgend einem Ministerium als fünftes Rad am Staatskarren untergebracht werden., So ist's! Der Kohn muss der Correcteste von allen sein, sonst ist er auch schon der Aergste. Er muss der Strebsamste sein, sonst ist er der grösste Taugenichts. Man hält von ihm, was der alte Török von einem Poem gehalten : Ist ein Gedicht nicht ausgezeichnet gut, so ist es niederträchtig schlecht Im vierten Stocke des Gyertyänöy'schen Hauses wohnten vor Jahren zwei Judenjungen in einer Stube und schliefen in einem Bette. Im Ofen hatten sie kein Feuer, so suchten sie einander in dieser Weise warm zu halten. Moriz war ein braunlockiger Bursche; Heinrich ein Rothkopf. Und er hatte, weiss Gott, mehr als genug zu leiden dessenthalben; es frommte ihm auch nicht, dass er immer und immer wieder versicherte: wenn er auch rothes Haar habe, sein Herz sei deshalb doch gut. Moriz lachte ihn aus. „Wie willst Du ein gutes Herz haben mit diesem rothen Haar! Rother Hund und rothes Pferd, und rothe Menschen sind nichts wert!" „Stell' mich auf die Probe!" rief Heinrich. „Gut denn! Ich bin eben sehr durstig; hole mir WTasser vom Brunnen." Vier Stock hoch ... die Treppe finster . . . eine grimmig kalte Winternacht. An Heinrich sträubte sich jedes Stämmchen seines rothen Haares empor — aber er stand vom warmen Bette auf und schickte sich zu dem Gange an. Er hüllte sich in die dünne blaue Bettdecke, tappte sich über die Tr eppe in den Hof hinab, schöpfte am Ziehbrunnen di^ Flasche voll, stieg wieder hinauf und reichte dem lachenden Moriz zähneklappernd das Wasser. Dann fasste er sich grimmig am Kopfe und rief weinend vor Erbitterung: „Warte Du! Hätte ich nur keine rothen Haare!rf Es ist als ob jeder Kohn, jeder Jude rothhaarig wärei Er muss der Vollkommenste sein, um nicht für den Allerschlimmsten zu gelten. Das Lied vom armen Arje. Aus dem Ungarischen des Josef Kiss. Ein Karren auf zwei Rädern; ein Falbe dran gespannt — So fuhr der arme Arje von Markt zu Markt im Land. Die Frauen und die Mädchen, wohin er immer kam, Die lobten Arjes Wesen und lobten Arjes Kram. Nun trauern, ach, die Dörfer, seitdem in ihr Gebiet Auf seinem kleinen Karren der Arje nimmer zieht; Die Judenmädchen geh'n dort seither im Trauerkleid, Der braunen Esther Schönheit welkt hin seit jener Zeit. „Schon steht mein Falb' im Karren; halt mich nicht länger mehr! Wohl dunkelt schon der Abend, bis ich nachhause kehr'; Der Sabbath naht, ich möchte beim Lichtanzünden sein; Würd' ich nicht gern Dir, Süsse, sonst noch ein Stündchen weih'n?u Der braunen Esther Auge, das kann so innig fleh'n, Der braunen Esther Küssen kann niemand widerstehen, Der braunen Esther Arme sind der Verheissung Reich; Und ihres Mundes Flüstern lockt Harfentönen gleich. Das Mädchen spricht: „Was zögerst Du heute noch so spät?" Der Bursch: „Wenn nur die Mutter nicht meiner harren thät'! Die gute Frau! Es schmerzt sie, bleib' ich am Sabbath fern; Die arme Witwe liebt mich, wie ihren Augenstern! Als ob ich's säh': Dort deckt sie den Tisch mit gläub'gem Sinn, Den reichgeflocht'nen Kuchen legt sie zu Oberst hin, Sie zündet an drei Kerzen und bringt das Waschgeräth : So barrt sre ihres Arje, wenn ein der Sabbath geht!" ^Und auf den späten Heimweg sich Arje zögernd macht, Sein Falbe stolpert, strauchelt — er hat darauf nicht acht; Ein Häslein kreuzt die Strasse (das soll nichts Gutes sein . . .) Ein grauer Schleier senkt sich herab auf Wald und Rain. Der grosse Wassergraben füllt sich mit Dunkelheit, Der Nachtwind heult und bieget die Strauch er nach der Seit', Vertieft zieht Arje weiter, lässt den Gedanken Lauf — Da tauchen zwei Betyären urplötzlich vor ihm auf: „Heraus mit Deinem Gelde! He, Jude, wirst Du steh'n? Du stellst Dich noch zur WTehre? . . . Gut denn, wir wollen seh'n! . . ." Das Beil saust durch die Lüfte, es blitzt das Mordgewehr, Der Karren ächzt ... zu Boden fällt Arjes Körper schwer. Die Witwe deckt indessen den Tisch mit gläub'gem Sinn, Den reichgeflocht'nen Kuchen legt sie zu oberst hin, Sie zündet an drei Kerzen und bringt das Waschgeräth; So harrt sie ihres Arje, wenn ein der Sabbath geht. Die braune Esther löset ihr rabenschwarzes Haar, Am Bettrand sitzt sie sinnend ... sie denkt an vieles gar, Sie löst vom zarten Nacken die schwarze Perienreih' Und zählt, zählt an den Perlen — wie bald die Hochzeit sei. Die Witwe drin im Stübchen schaut, unruhvoll gestimmt, Wie tief schon an den Kerzen der Docht herniederglimmt. Urplötzlich sie verlöschen, als wie durch Zaubermacht. . . Jehovah! Send' ein Licht ihr in diese grause Nacht! Die braune Esther träumet... sie sieht, von Glück erfüllt, In weisse Feierkleider den Bräutigam gehüllt. Früh morgens pocht's ans Fenster: „Auf, Esther, aufgerafft!" — Jehovah! Gib dem Kinde zu dem Erwachen Kraft! Budapest. Ladislaus v. Neügebauer.

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