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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Vom ewigen Kohn
Date
1901-12-06
Page
27 (sequence 2)
Language
German
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— 27 — dahin, bis endlich am Abende eines sonnenhellen Frühlingstages eine paradiesische Küste in Sicht kam. Reiche Palmenhaine winkten und nickten den kühnen Seefahrern entgegen, zahme Wilde begrüssten die weissen Männer und brachten ihnen Hühner, Cocosnüsse und Datteln. Dom Diago Caon nahm das Land im Namen Sr. Majestät Alfonso L, Königs von Portugal, in Besitz; nach ihrem Entdecker wurde die Provin Caongo benannt und im Laufe der Zeit entstand daraus das heutige Congo. Diese erste Besitznahme bildete den Rechtstitel der portugiesischen Regierung auf das Reich der Schwarzen. Der verdienstvolle Gelehrte und kühne Seefahrer wurde von seinem König im Jahre 1480 zum Admiral erhohen. Ich sammle also Kohns, und mein Auge ist auf diesen Sport so gut gedrillt, dass mir in einer ganz unbekannten Gasse in" einer wildfremden Stadt dieser Name unter vielen hundert Tafeln und Aufschriften zu allererst auffällt. Als ich eines Abends über den Hauptplatz von Bayreuth spazierte, schimmerte mir, vom Silberglanze des Mondscheines übergössen, vor allem der trauliche Kohn entgegen. Wo immer ich herumkomme, es lässt mich nicht ruhen, bis ich mir nicht wenigstens einen Kohn für meine Sammlung an die Nadel gespiesst habe. Verstimmt durchwanderte ich im letzten Sommer die Strassen von Stuttgart. Ich mochte nach allen Seiten hin auslugen, so scharf ich nur immer konnte, ich fand keinen Kohn. Was sollen mir die Bildergallerie des Königsschlosses und die orientalischen Wunder der Wilhelma! Was frommt mir der Stolz der schwäbischen Küche, das köstliche Gericht der Spätzle mit Sauerkraut! .Was habe ich mit den schwarzen Schwänen auf dem Teiche des Parkes, was mit dem fliegenden Riesenengel vom Perpendikel der Rathhausuhr, was mit all den sonstigen Sehenswürdigkeiten der schwäbischen Residenz zu schaffen! Ich brauche meinen Kohn, und kann ich keinen Kohn mir finden, dann: viam diemque perdidi! Der unerbittliche Onkel, der ewige Baedeker Davids Grab. lenkte meine Schritte nach dem alten Schlosse. Dort sollte ich in der Kapelle das Altarbild, ein Werk des grossen Klappermann, bewundern und mit schuldiger Ehrfurcht die vorderste Bank anstaunen, in welcher —- nach Varnhagen — die allerhöchsten Herrschaften dem Höchsten ihr Dankesopfer darbringen . . . Da—-im Dunkel des Thorweges leuchtet mir von einer kleinen Thür ein Täfelchen mit der Aufschrift in güldenen Lettern entgegen : Sebaldus Trauhold Köhnlein K, Kellermeister. Nun hatte ich endlich meinen Kohn, wenn er auch nur ein Diminutivum war. Befriedigt spiesste ich ihn zu den anderen. In Darmstadt vermochte ich mir nur ein einziges Stück aufzutreiben und auch dieses war ein schwächliches Exemplar, seines Zeichens ein Hausierer. Selbstverständlich prangte sein Name nicht auf einer Firmatafel; ich musste ihn mühselig aus dem Adressen buche zutage fördern. Er pflegte am „Langen Tage" über den reichen Banquier Oppenheim den Segen zu sprechen. Der Hirte in den Schwarzen Bergen ist am Ende auch ein Knez, und mancher Irländer, der kaum satt zu essen hat, stammt aus fürstlichem Geblüte. Was will der urälteste ungarische Adel unserer Kölcseys und Szemeres besagen gegen den altjüdischen Adel eines Kohn? Heutzutage freilich ist gleich dem Knez und dem Laird auch der Kohn niedergegangen. Seine Ahnherren haben ihrerzeit nicht durch Fideicommisse vorgesorgt. Ein armer Kohn und ein begüterter Israel: ein bettelarmer Prinz und ein reicher Proletarier! Ach, dass es so kommen musste! Was war dieses Geschlecht in den Tagen der heiligen Vorzeit! Sie waren die Aristokratie des auserwählten Volkes Gottes; sie waren die mächtige Classe der Oberhirien, der Minister und Satrapen, durch gemeinsames Interesse und feste Disciplin davor gefeit, dass andere Bresche legen in ihre strammgefügten Reihen. Da lag vor Jahren der alte Herr v. S—r im Sterben. Ein alter Jude begehrt Einlass bei ihm, um ihn durch seinen Segen zu stärken und zu trösten. War er doch ein „Konen". Der todtkranke Nabob lässt sich denn auch „benschen", kann aber folgende Bemerkung nicht unterdrücken: „Sie sind also ein Hohepriester? Ich habe alleweil gemeint, Sie wären ein Fleckputzer!" Darauf die Antwort des Tempelfürsten: „Fleckputzer bin ich a u c h." Fürwahr, grosse Herren waren sie! ist doch die Verwandtschaft zwischen dem persischen Khan und dem hebräischen Kohn eine augenfällige. Und wenn heute ein Kohn auf den hohenpriesterlichen Thron der Olmützer Diöcese berufen und gewählt wurde, so steht der späte Enkel nicht höher, als einer seiner Ahnen stand, der vor dreitausend Jahren Erzbisehof in Juda war. Darum, wenn auch in alle Welt zersprengt und zerstreut, gebeugt und mit Füssen getreten, ungebrochen besteht das alte Geschlecht, aufrecht heute wie ehedem. Der grausame Hohn fand den Kohn in jedem semitischen Antlitz, ja selbst in der überhängenden, flachgedrückten Nase des Hammels; er erblickte das Abbild seiner Beine in jedem Säbel und in jeder gebogenen Latte

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