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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 18

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Herbstblätter
Date
1901-12-06
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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— 18 Wo ich fahre, wo ich gehe, Wo ich sitze, wo ich stehe, Schwebt vor mir ein bleiches Bild. Schreckgestalt! Von Stund' zu Stunde Immer bleicher, Heisse Thränen fallen nieder, Immer reicher, Um die dürren Backen zuckt es, Starr aus müden Augen guckt es, Und mich fasst ein Schrecken wild. Schreib* ich, auf dem Blatte lebt es, Les' ich, seh' ich's auf dem Buche, Ganz vergeblich, dass ich suche Zu entfliehen. Vor mir schwebt es, Wo ich geh' und wo ich steh', Starr und gross, das bleiche Weh', — Bis mich einst das Grab umschliesst Und das Bild in Nichts zerfliesst. Der Weg ist weit, der Tag ist kurz, Die Sonne steigt schon herunter, Das Wasser rauscht, und das Ufer ist fern, — Mein Schiff, mein Schiff geht unter! Da hilft kein Ein gen. Es pfeift der Wind, Das Spiel wird bunt und bunter, Das Meer ist unendlich, die Flut ist wild, — Mein Schiff, mein Schiff geht unter! Fahr' wohl, vielschöne Sonne, fahr' wohl! Du scheinst bald wieder munter, Doch ich — so schaurig braust das Meer — Mein Schiff, mein Schiff geht unter! . .. Zwei Junghebräer. Feierberg und Berdyczewski. Von Dr. Markus Ehrenpreis. I. Sie gehören beide zusammen, wie zwei Zwillingsbrüder. Sie haben beide dieselbe Unbeholfenheit in ihren Geberden, den-' selben abgehärmten, leidenden Ausdruck in ihren Gesichtern, die-' selbe traumverlorene, suchende Sehnsucht in ihren Augen. Sie sind beide - heimatlos, die jäh und heftig aufgescheucht wurden aus den süssen Träumen ihrer Kindheit und frierend und zähneklappernd die neue Heimat mit der dürstenden Seele suchen. Sie sind beide junge Greise, früh gebeugt vom tiefen Gram, trüh vergiftet von namenlosem Ekel. Ihre Bücher sind voll von ungeweinten Thränen und von Seufzern, die ungehört verhallten. Beide suchten gierig den neuen Weg und das neue Ziel. Und als sie im Begriffe waren, einander näherzukommen, da trieb sie der Tod auseinander. Ich habe vor Jahren an dieser Stelle*) definiert, was ich unter der Bezeichnung „J u n g h e b r ä e r" verstehe. Feierberg und Berdyczewski vereinigen in sich alle Merkmale des Junghebräerthums. Sie sind beide Umwerter, rücksichtslose Zertrümmerer geheiligter Gulturwerte und Sucher neuer Werte, neuer Wege, neuer Lebensinhalte für ihr Volk. Sie sind beide Beginnende, sie haben keine Vorläufer, sie sind keine Enkel. Sie sind neu in Form und Inhalt, sie setzen nicht fort, sondern sie fangen an. In Feierberg und Berdyczewski — und vorläufig nur in ihnen, wenn man van den noch nicht ganz geklärten poetischen Versuchen Bialiks und Tschernichowskis absieht — hat unsere Epoche, oder richtiger: der Uebergangscharakter unserer Epoche, seinen literarischen Ausdruck gefunden. Das plötzliche Erwachen, der völlige Bruch mit morsch gewordenen Idealen, das leidenschaftliche Suchen nach neuen Wegen und neuen Zielen, der erschütternde Zusammenstoss zwischen dem unverwüstbaren semitischen Geiste und der europäischen Cultur und zuletzt: der Heisshunger nach der neuen Welt der Schönheit — alles das lebt in Feierberg und Berdyczewski, alldem haben sie mit jugendlicher Heftigkeit in ihren Büchern Ausdruck geliehen. Sie sind beide repräsentative Schriftsteller: Aus ihnen spricht ein ganzes Zeitalter, ein Geschlecht neuer Juden, die sich erhoben haben und ausgezogen sind, neue Welten zu erobern, mit der heiligen Sehnsucht in den Herzen und der jungen, leidenschaftlichen Lebensfreude in den flammenden Augen. Mit ihnen sind die n e u e n J u d e n in die Literatur eingezogen. H. Mordechai Z'e b Feierberg hat eigentlich gar nicht recht unter uns gelebt. Er ist nur so vorbeigehuscht, wie ein Wandervogel aus fernen, fernen Weltgegenden, und im Vorbeihuschen ruhte er eine kurze Weile auf dem Aste eines Baumes aus, sang uns ein herrliches, fremdes, fernes Lied — und flog weiter seines Weges. Das war sein Leben, das sein Dichten. Als er aufgegangen war, da gieng er auch schon unter. An dem Tage, da wir die einzige Schönheit dieses Geistes gemessen durften, da mussten wir ihn auch schon zu Grabe tragen — ihn, der unendliche Reichthümer in seiner Seele trug und der uns so viel zu schenken hatte. Fünfundzwanzig Jahre war er alt, als er für immer die Augen schloss, die nie die Sonne gesehen hatten. Von seiner fanatischen Familie verkannt, ja sogar gepeinigt, von seiner kleinstädtischen Umgebung blutig verfolgt, von der Enge seines Milieus tief angeekelt, von einer todbringenden Krankheit verzehrt, nur von semen wenigen Freunden ermuthigt und verehrt — so starb sein Körper langsam dabin, während sein Geist immer mehr wuchs und sich weitete, bis er in seinem „L'on" („Wobin?"), diesem mit Herzblut geschriebenen Vermöchtnisse eines Sehers, eine Höhe erreichte, vor der wir ehrfurchtsvoll das Haupt beugen. M. S. Feierb erg. Da steht er leibhaftig vor uns, der jun^e, suchende Jude unserer Tage, mit dem ewigen, grausamen „Wohin?* auf den Lippen. Nachman — die Hauptfigur der Erzählung — ist der freigewordene Bet-Hamidrasch-Jünger, der endlich die ewigen Fesseln satt bekommt, der es nicht länger aushalten kann in seiner engen, verblendeten Umgebung, der nicht länger seinen Rücken beugen kann unter dem Joche der Tradition. Und mit einem Schlage macht er allem ein Ende — mit einer T h a t. Am Kol-Nidre-Abend, da die alten Juden ihre alten Gebete verrichten, geht er hin zum Almemor und bläst das Wachslicht aus, das den Raum erhellt. So vollzieht er den völligen Bruch: Weg mit diesem fahlen, flimmernden Lichte der elenden Wachskerze, er will ein anderes, ein grosses, ein junges Licht für sein Volk. Nachman ist nicht der erste Bet-Hamidrasch-Jünger, der in die Freiheit hinaus will. Wir kennen diesen Freiheitshunger aus Lili enblums „Chatot N'urim" („Jugendsünden"), aus Juda Leib G o r d o n s Dichtungen, aus B raudes' „Hadat w-Hachaim" („Das Gesetz und das Lebena). Aber Nachman ist anders, radicaler, rücksichtsloser, ist über jene ersten Freiheitsschwärmer weit hinausgewachsen. Braudes' Schmuel disputiert mit den Rabbinern wegen kleinlicher religionsgesetzlicher Reformen. Er ist der „Maskil*, der, auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums stehend, es modernisieren, „zu- *) Die „Welt", Jahrg. I, Nr. 7.

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