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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Herbstblätter
Date
1901-12-06
Page
17 (sequence 1)
Language
German
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— 17 — stehenden Verwechslung mit der Gaunersprache, die vieles den J den und dem Hebräischen entlehnt hat, ihre Entstehung verdankt, sondern man hat die allgemeine Verachtung und den Ha^s, die man geg^n den Juden empfand und noch empfindet«, auf den Dialect übertragen, d^n man als specirUch jüdisch ansahen musste. Und die Juden, die sofort bei der Hand sind, wenn es gilt, sich selbst zu beschimpfen, tragen kein Bedenken, diese Bezeichnung, noch dazu mit Dank, zu adoptieren, und quittierten über das Schimpfwort, indem sie es auf die eigene Sprache anwendeten. Und z-var als ganz besonderen „Eigennamen". — Die Abneigung, die der Deutsche gegen das Mauscheln hat, ist doppelt und dreifach so gross bei dem deutschen Juden, undumso m -hr, als er eben brühwarm aus Posen kommt und seibot das „dialectfreieste Deutsch" spricht. Dieser selbe Jude findet freilich ein kindliches Gefallen au den öden Mauscheleien, welche die Witzmacher und Pussenreisser der Börse ihnen tätlich auftischen. Sie sind im Heirnfeld-Theater das Stauimpublicum, das seine eigene Missgestalt belacht, indem es glaubt, polnische Juden zu sehen. Für diese Kreise ist das elende Ma. hwerk „Adrabbo", ein dummes und dummdreistes Gesudel, die willkommenste Nahrung für den wiizbedürftigen „Geist". Dieselben Juden, welche Zeter ui.d Lamento schreien, wenn sie eine dieser faden Witzeleien in der von ihnen als Leetüre so beliebten „Staatsbürgerzeitung'1 lesen würden, haben keine grössere Freude, als diese Hanswurstiaden, die alles verspotten und ins Hässliche verzerren, was den Juden und dem Judenthum heilig ist. Es ist ein Ehrentitel für die Nationaljuden, in diesem Gesudel nur beschimpft zu werden. Diesen elenden Jargon des Herrn fei d -Theaters, der nirgends gesprochen wird, dieses Gemauschel witzig und geistreich sein wollender Scribenten nennt man merkwürdigerweise nicht Jargon, wohl aber den Volksdialect, den die fleissige und wackere-Masse unserer Brüder in denjenigen Ländern spricht, wohin sie sich auä den Verfolgungen L)e^utsclilan(is im Mittelalter gerettet Mben. Der Sprache, welche das^ Judenthum im Golus erkor, wurde dasselbe Geschick zuteil, wie Israel selbst im Golus. Wenn man wissen will, warum die Juden in gleicher und schlimmerer Weise als ihr%^ Feinde sich hieran betheiligen, so nehme mau das Liederbuch von Jung-Juda*) in die Hand. Dort ist der Grund deutlich und klar zu ersehen. Es ist die allgemein herrschende Unwissenheit, w»lche die Herausgeber eines Liederbuches für Nationaljuden veranlasst, zu den hebräischen Liedern eine Ueberschreibung mit lateinischen Buchstaben hinzuzufügen. Freilich ist gerade die Jugend, an die sich das Liederbuch wendet, zu tief eingeschätzt, und es wäre besser gewesen, ihr nicht dieses Armutszeugnis auszustellen. Aber so gross ist die Unwissenheit der Juden über alles, was jüdisch ist, dass sich eine so unglaubliche Beurtheilung selbst in unsere Kreise wagen darf. Darum die Verachtung Israels im Golus durch sich selber. Wir aber wollen Front gegen diese Misskennung machen. Schon jetzt gibt es einen Anfang für eine zukünftige Entwicklung der hebräischen Sprache. Freilich nicht die in den Ländern der Diaspora gepflegte hebräische Literatursprache trägt den Keim einer gesunden hebräischen Entwicklung in sich. Denn sie Stent zu sehr unter dem syntaktischen Einflüsse des umgebenden deutschen (jüdischdeutschen) Dialectes : sie ist auch eine todte Sprache, und nur eine lebende Sprache vermag sich zu entwickeln. Aber die Spräche der Kinder in Palästina lebt, wenn sie auch noch auf einen engen Kreis beschränkt ist. Dort steht sie auch nur wenig unter dem Einflüsse der deutschen Sprache und unendlich viel mehr unter dem des ebenfalls semitischen *; Erschienen im Verlage des Jüdischen Turnvereins „Bar Kochba" in Berlin. (Anm. d. Red.) Arabisch. Dort kann und muss sie sichnaturgemäss d. h. gesund entwickeln. Aber noch lange Zeit wird vergehen, bis eine Majorität der Judenheit imstande sein wird, die alte angestammte Muttersprache als solche zu meistern. Bis dahin wird der jüdische Volksdialekt, der spanische wie der persische, der griechische wie der deutsche, für den grössten Theil des Judenthums den Mangel einer Nationalsprache wenigstens in etwas erträglicher machen. Es ist also im Interesse unseresVolkstnumsgelegen, dieseMundarfc vor der Verachtung zu schützen, die Feindseligkeit und Unverstand ihnen zutheil werden lassen. Wir werden auch dazu beitragen müssen, die wissenschaftliche Erschliessung gerade dieser Dialecte auch unsererseits besonders zu fördern und ihrem Untergange entgegenzuarbeiten. Wenn für viele Juden des Ostens die Aufgäbe des Dialectes in den Westländern auch die Aufgabe der jüdischen Stammeszugehörigkeit bedeutete, so müssen wir dies« Dialecte gegen die Vorurtheile schützen, die in ihnen die Barbarei erblicken. Darum vor allem: „Fort mit dem Schimpfworte Jargon!" Heinrich L o e w e. Herbstblätter. Von Morris Rosenfeld. Aus dem Jüdischen von Berthold Feiwel. (Nachdruck verltoten.) Welches Bangen und Verlangen! Einsam sitze ich und still: Etwas möchte ich erlangen, Doch jeh weiss nicht, was ich will. Sind es Freuden, sind es Leiden, Nur für mich allein bestellt? Krank ist eines von uns beiden, Sagt, bin ich es? Isi's die Welt? Stunden kommen und verrinnen, v; Neue, neue kommen zu, Doch nicht eine bringt den Sinnen, Bringt dem kranken Herzen Ruh'. Kann nicht reden und muss leiden, Weiss nicht, was im Bann mich hält. Krank ist eines von uns beiden, Sagt, bin ich es? Ist's die Welt? * Ich liebe den Wind, ich liebe das Meer, Denn wie der Wind, so bin ich elend, Und wie das Meer, so rauscht mein Herz. Ich liebe die Wolken, ich liebe die Nacht. Denn wie die Wolken kann ich weinen, Und wie die Nacht ist meine Welt. * Die Welt ist so alt und alltäglich, Das Leben so^kalt und so kläglich. Die Erde so schmutzig, so klein, Die Zeit so verworren, so flüchtig, Die Menschen so thöricht, so nichtig, — Was soll ich da, einer aliein? * Hab' viel gelacht, doch viel auch geweint, Mein Lachen war stets mit Thränen vereint, Leid kam, die Lust zu stören — . . . Nicht viel zu hören. Hab' oft gesprochen, oft schwieg mein Mund, Mein Schweigen that mehr als mein Reden kund, Ich kann Euch schwören : ... Nicht viel zu hören. Hab' viel gehasst, doch viel geliebt, so viel, Mich quälte ein ewiges Widerspiel, Ich wollte mich trotzig empören — . . . Nicht viel zu hören.

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