Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Über den nationalen Charakter der internationalen socialen Bewegung
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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— 13 — selbst wieder zur Isolierseliicht gegen die Barbaren des Christenthums erstarrte. Das jüdische Volk stand ausserhalb des Einflusses der Ideologie seiner Umgebung und so lernte es den Spott und die realistische Kritik. Das jüdische Volk, dessen ganze leidrolle Geschichte eine glühende, heroische Bejahung des höchsten Begriffes ist, wurde der Ausganspunkt der grossen Verneinungen. Spinoza kam, der jüdischeste unter den Juden, und stürzte den alten Gott aus seinen Himmeln herab in das Herz alles Seienden. Karl Marx leugnete eine ganze ideologische Welt und zerriss die Menschheit in zwei kämpfende Parteien, deren Toben viel Schönheit zerstampfte. So wüthet der Classenkampf über erstickten Individualitäten, die sich wieder in ^Nationalitäten bewusst oder auch unbewusst zusammenfinden. Eine schematische Weltauffassung stemmte sich gegen die Entwicklung der nationalen Culturkräfte, bis die Expansivkraft der letzteren auch die letzte Hülle, den kosmopolitischen Illusionismus, zerriss. Langsam, aber unwiderstehlich bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass die Menschheit nicht nur durch die materiellen ökonomischen Vorbedingungen, sondern auch durch die gestaltende Kraft nationaler Energie ihre Werte empfängt. Die Geschichte ist nicht automatisch, sondern ein Resultat der lebendigen Menschen und diese schöpfen ihre reinsten Kräfte aus dem Blute^ aus dem ererbten Denk- und Empfindungsvermögen. Der jüdische Vater zeugt sich den jüdischen Sohn, und Menschen an sich ohne geistige und körperliche Tradition sind die Phantasien moderner Aufklärung, die Uebermensehen erträumte und Homunkeln gebar. Ueberall regt sich ein gewaltiges Werden und die wertvollsten Schätze empfängt die Menschheit von Individuen, deren Seele erfüllt ist von den Resultaten jahrhundertelanger Entwicklung, von Völkern, deren culturschaffende Energie aus den fessellosen unverwüstlichen Fähigkeiten ihrer nationalen Einheit erwächst. Die Gesellschaftsform der Zukunft, die allen Individuen das Hecht auf freie Entwicklung innerhalb der durch die socialen Zusammenhänge gesteckten Grenzen zugesteht, wird vor allem freie, einheitliche Menschen haben wollen, Menschen, welche über die Ueberwindung der primitiven Lebensbegriffe hinauskommen, weil sie sich nicht im Kampfe mit der eigenen ISTatur erschöpfen. Die nationale Haltlosigkeit der Juden lässt sie an ihren Instincten herumoperieren, bis dieselben zwar eingedämmt, aber zu Zerstörern harmonischer Entwicklung castriert werden. Die Ruhe ist dahin' und damit die Kraft. Die Nervosität der Rasse ist der Todeskeim der nationalen Cifltur.. sie beschleunigt in krankhafter Weise das Lebenstempo des Volkes. Seine Kraft ist abgelenkt gleichwie die Flamme, die man ersticken will, an den Seiten des hindernden Gegenstandes emporzüngelt, aber nicht frei in der Luft brennt. Wie alle Anstrengungen unseres Volkes., so weist auch der jüdische Socialismus Symptome von erstorbenem jüdischem Leben auf. Das Eindringen des jüdischen Feuergeistes in die sociale Propaganda hat das Flämmcheu zum Brande entfacht, aber es sind nur Vermittlerdienste, welche das Judenthuin geleistet hat. Noch sind wir der Menschheit die grosse Bejahung — das socialistische Judenthum schuldig geblieben. Eine jüdischnationale Form des Socialismus würde gleich der deutschen, französischen und englischen eine'typische, eigenartige Seite der socialen Idee zum Ausdruck bringen. Es ist ein herrliches Problem für Socialpsychologen, die einer etwas freieren Speculation nicht unzugänglich sind: die Erforschung der für den unbehinderten und fesselbefreiten jüdischen Nat.ionalcharakter nothwendigen Bethätigung innerhalb der internationalen socialen Bewegung. Vielleicht ist die grösste Idee des jungen Judenthums berufen, die Vorbedingungen für ein socialistisches Judenthum zu schaffen. Die eigenartige jüdische Entwicklung des jüdischen Volkes drängt zu gewaltigen ökonomischen Tendenzen, deren sociale Formen in ihren Umrissen schon langsam sichtbar werden. Wenn wir gute Ohren haben, so können wir förmlich hören, wie ein gewaltsam isoliertes Volk wieder in die Culturmenschheit organisch hineinwächst. Spinoza. Traumsilbern acht . . . Die schwarzen Fernen brausen, Der Himmel wölbt sich blank und riesengross. Viel Sterne glütin und helle Sterne sausen Aufblitzend in den dunklen Mutterschoss Des Alls, das ihre Wucht in Staub zerschellt — Und jeder Stern war eine Bruderwelt, War eine Welt in Chor der Myriaden, Ein wirr-verlor'ner Klang der Harmonie, Und wie die Weine reich an Lebensgnaden, Und war dereinst wie Du und Du wie sie, In schwüler wetterbanger Schöpfungsnacht Vom Traum des Allseins sehnend aufgewacht. Und wieder ist ihr Pfad zum All gegangen, In dem ihr Keim bei Deinem einstmals schlief, Ihr Sterbenstrieb war eins mit dem Verlangen Das heute Dich von blassen Träumen rief Hinaus zur sternenübersäten Nacht zu geh'n, Um Dich im Weltenwerden selbst zu seh'n. Wien. Stefan Zweig. V£ Korachs Rotte. Als Korach denn und die meuternde Schar Bezwungen und todesgewärtig war, Und die Erde nun, wie Gott befohlen, Sich aufthat unter den frevelnden Sohlen, Da hat er die letzte trotzige Kraft Vor allem Volk zusammengerafft, Und hob und ballte die sehnige Hand, Und dröhnend gieng sein Wort übers Land : „Pest Euch, Ihr Knechte, und Verderben! Dünkt ihr Euch frei, weil wir so sterben? Wir lassen Euch hunderttausend Erben, Die athmen und bluten in Ewigkeit, Und zweifeln an Euch und Eurem Kleid, Und müssen den „gütigen" Gott verdammen. Der so, mit Schlünden und Höllenflammen, Mit Bauernfaust und racheschwer Und liebeleer und liebeleer Die eherne Stirn zu brechen wähnt. Ihr Gläubigen, die Ihr am Altar lehnt, Hört meinen kündenden sterbenden Mund : Morgen bricht mit Spalt und Schlund, Und bricht mit zuckenden Höllenflammen Die Erde unter Euch selbst zusammen! . . So fuhr er hin. Doch Aaron lächelte Und trat in Demuth vor den Hochaltar: Jehovah, Du allein bist gross und wahr! . . . Wien. Haas Müller. Von unserer Lebensnoth. Ein Fragment. Durch die Mauern des Ghetto wurden die Juden nicht nur von den anderen Völkern, sondern von der Welt überhaupt abgeschlossen. Das Gesunde und Schöne, das die Natur für diejenigen ausstrahlt, die mit ihr in unmittelbarer Berührung stehen, existierte für sie nicht. Was sie mit der Erde band, waren die paar engen, schmutzigen Gässchen des Ghetto und die auf das Geringste beschränkte physische Nothdurft. Der Kern ihres Lebens war aber wo anders, in ihrer Gedankenwelt, in ihren abstracten, körperlich nicht greif- und fühlbaren Freuden und Leiden. Ihr Streben nach religiöser Erkenntnis wurde zur Freude an abstracter Gedankenarbeit, ihr Streben nach Reichthum war kein Mittel zur Erlangung der weltlichen Genüsse, sondern Streben nach Macht, nach der Macht, die ihnen Schutz und Trost und Rache an der traurigen Wirklichkeit bedeutete. Ihre Genüsse waren Ruhm und Ansehen. Anderes Streben und