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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Über den nationalen Charakter der internationalen socialen Bewegung
Date
1901-12-06
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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— 12 — die soeialistische boetrin, die abstracte, den Massen fremde Theorie der oligarchischen Wissenschaft, sondern auch das universale Mittel : der Classenkampf, passt sich an die nationale Eigenart der einzelnen Völker an. Der englische Socialismus, die unpolitische Gewerkschaftsbewegung — wenn auch in erster Linie das Resultat der übergeh alt igen Entwicklung der englischen Industrie — trägt doch unverkennbar den Stempel des nationalen Phlegmas. Der englische Arbeiter fühlt nicht das Bedürfnis nach politischer Macht, er entwickelt sich nicht auf gewaltsam zerstörten Traditionen und ist zu vorsichtig, um einer in der Luft umherschwirren - den Idee zuliebe seinen nach unten sorgsam abgegrenzten Besitzstand preiszugeben. Der Angelsachse hat Geduld — nach glücklicher Ueberwindung der chartistischen Kinderkrankheit ist er zum gut bürgerlichen Trade-Unionisten geworden, der langsam und temperamentlos, Schritt für Schritt zum Ziele marschiert. Die Entwicklung ist bei ihm und für ihn — sie kann ihm nicht entwischen, also wozu die Hast? Nicht so der Genosse am anderen Ufer des Canales, im Lande der latenten Revolution. Der Gallier hat seinen eigenen Socialismus, einen mechanischen, zum Unterschiede vom organischen der Deutschen. Die Geschichte Frankreichs, die er nur in den Katastrophen, losgelöst aus dem causalen Zusammenhange, kennt, macht es ihm schwer, an das Gesetz der langsamen Evolution zu glauben. Der Geist der Fourier, Saint Simon, Blanqui ist noch lebendig im französischen Proletariate, noch ist die soeialistische oder richtiger die communistische Theilhaberschaft am gouvernement provisoire nicht vergessen, die Tage der Commune sind nicht für immer — nicht einmal für lange Zeit vorüber! Schon einigemale hat das Proletariat die Hand nach der Macht ausgestreckt und immer mit Hilfe von Barricaden und dem ganzen revolutionären Apparat — warum plötzlich verzweifeln? Das Strohfeuer des französischen Temperamentes verbreitet sich mit Windeseile von Mann zu Mann und morgen ist Camelot wieder König von Paris! So ist der politische, der parlamentarische Kampf, dessen Schattenrisse sich scharf abheben von dem Hintergrunde der ewig drohenden Revolution, die Hauptwaffe des französischen Socialismus. Millerand ist nicht das Resultat einer momentan günstigen Constellation, sondern ein Geschöpf der constanten Machtlüsternheit des französischen Proletariats. Der Rhein bildet die Wasserscheide zwischen zwei Denksystemen, dem extensiven der französichen Intuition und dem intensiven der deutschen Deduction. Links werden Revolutionen verkannt, rechts Evolutionen erkannt. „Der Deutsche ist gelehrt," er bequemt sich zur Begeisterung nur, wenn sie vorher von der Wissensehaft legalisiert ist — und so entwickelte sich in Germanien das merkwürdige Gewächs eines idealen Materialismus. Karl Marx, der assimilierte Jude, verkörpert die gewaltige, typischnationale Fähigkeit zur analytischen Kritik, welche den Deutschen den Titel „Philosophen der Menschheit" eingetragen hat. Ferdinand Lassalle gab der plumpen deutschen Theorie die Flügel des jüdischen Temperamentes, und so wurde der Marxismus als angewandte Wissenschaft dem nationalen Gesetze der geistigen Schwerkraft entrückt. Deutschland ist das Land des classischen Socialismus, wobei unter „classisch" die Einheit von Form und Inhalt verstanden ist. Den Gegensatz eines „symbolischen" Socialismus weisen die romanischen Länder auf, deren proletarische Bewegungen einen marxistischen Inhalt in einer blanquistischen Form zum Ausdruck bringen. Die sichtbaren, explosiven Revolutionen sind nur Symbole einer ruhigen, ohne plötzliche Sprünge vorschreitenden Entwicklung, deren steter, doch unaufhaltsamer Charakter von Marx erkannt und in ein System gebracht worden ist. Die nationalen Sonderheiten in der weltumfassenden Einheit der socialen Bewegung sind unleugbar und es erscheint nicht uninteressant, auch die jüdische Methode im Socialismus aus dem fremdnationalen Muttergestein herauszulösen. Die Juden sind die Ahnen der historischen Demokratie. Das ist ein Gemeinplatz, dessen partielle Berechtigung überschätzt wird. Gewiss weist die Socialgesetzgebung Moses eine ganze Reihe radical demokratischer Institutionen auf; unleugbar waren die Juden als einziges nicht adelfähiges .Element der Bevölkerung die natürlichsten Kämpfer gegen die feudale Aristokratie; die feudale Gesellschaft machte jedoch der capitalistischen Platz, der weitere Kampf der siegreichen Capital-Bourgeoisie gegen den immer bedeutungsloser werdenden Feudalismus erschien bald zwecklos — da schloss sich das besitzende Bürgerthum gegen den Demos ab, es entwickelte sieh eine industrielle und Finanzaristokratie. Im Regierungspalaste der herrschenden Classen wohnen nun Adel und BürgeraristoTEratie friedlich beisammen und rasch wurde das grosse Thor geschlossen, damit die anstürmende Masse des Volkes nicht eindringe. Die altehrwürdige jüdische Demokratie ist nun in zwei Theile zerrissen. Die einen, die Herischenden, nennen sich zwar Demokraten, doch stehen sie nicht mehr mit dem Volke, sondern gegen das Volk in Waffen. Die anderen kämpfen jetzt gegen ihre früheren Ciassengenossen und nennen sich Socialisten. Die Vermittler haben für sich den Titel Socialreformer, Socialpolitiker erfunden und vergnügen sich damit, der vordringenden socialen Bewegung auf den der Bourgeosie abgewonnenen Territorien als Abgesandte der letzteren die Honneurs zu machen. Die Demokratie der herrschenden Juden verkrüppelte zu dem unjüdischen Begriffe der Humanität und die grosse Gegenseitigkeit im Geben und Empfangen war dahin. Es gibt jetzt Juden, welche nur geben und solche, welche immer nehmen müssen, Juden erster und zweiter Classe! Diese Erkenntnis zerstört das Ammenlied von der natürlichen Demokratie des jüdischen Volkes, mit dem die socialen Instincte im" Judenthum niedergehalten werden sollten: Der Riss in der Classeneinheit des jüdischen Volkes lässt einen breiten Strom geistiger Kraft in das soeialistische Sammelreservoir überströmen. Wir sind beim Begriffe des jüdischen Socialismus, der nicht zu verwechseln ist mit unserem Idealbegriffe: socialistisehes Judenthum. Die Juden sind ein Schulbeispiel finden Marxismus. Die Katastrophentheorie ist hier kein induetiver, sondern ein empirischer Schluss geworden, wenn auch die Katastrophe nicht die Vergesellschaftung der Productionsmittel bedeutet. Die Stellung ausserhalb der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesetzmässigkeit ist die Ursache dieser marxistischen Entwicklung, die hier keinen Beweis für die Richtigkeit der Doctrin bilden kann. Die moderne soeialistische Bewegung ist die gesellschaftliche Resultante aus dem wirtschaftlich technischen Kräfteparallelogramm. Die industrielle Technik ist der Inhalt der capitalistisch-socialistischen Form. Der Sociologe beginnt die Geschichte der proletarischen Bewegung mit den Worten: Am Anfang war die Maschine. Werner Sombart setzt an die Spitze seiner Chronologie der socialen Bewegung die Erfindung der Dampfmaschine. Kurz l^feserhalBL des Machtbereiches der industriellen Technik gibt zj&gr •. es ke^ modernes Proletariat. Das jüdische Volk steht erst zum geringen Theil *nn Bannkreise der Maschine, also ist es noch nicht in die sociale Bewegung eingetreten, fällt es in seiner Masse noch nicht unter den Einfluss der aus der Entwicklung des Lohnarbeitertypus abgeleiteten Gesetze. Nur die Minorität ist schon eingeschlossen in die nächsthöhere sociale Formation und diese hat den Begriff des jüdischen Socialismus ausgebildet. Der Socialismus der Massen ist nicht das Classenbewusstsein der Führer, sondern der unbewusste Antrieb socialer Instincte. Das Primäre ist der wirtschaftliche Existenzkampf, der zur rein äusserlichen Defensivorganisation zwingt. Das Secundäre aber ist der psychologische Process, der die erwähnten socialen Instincte auslöst und in den denkenden Köpfen zu einer Weltanschauung comprimiert. Und dieser secundäre Process weist auch bei den Juden nationalpsychologische Momente auf. Der Socialismus bedeutet nicht nur die Verneinung des capitalistischen Inhalts, er bildet vor allem die Negation der socialen Formen und hierin deckt er sich mit den tiefsten geheimsten Tendenzen der jüdischen Volksseele. Den entrechteten, unterdrückten, verachteten Juden war durch Jahrhunderte alle Lebenskraft gebunden, jede moralische, geistige, ökonomische Form der Wirtsvölker war den Juden fremd, feindlich. So wurde durch die stete Isolierung der Positivismus aus der jüdischen Seele gerissen und die grosse Verachtung erzeugt, die

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