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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Zur Psychologie des Parteiwesens
Date
1901-12-06
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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— 11 — immanenten Werte derartiger Schöpfungen. Ich spreche nur von ihrer werbenden Kraft. Dabei habe ich mit Absicht Beispiele gewählt aus dem Kreise der Culturbestrebungen, weil ich glaube, dass auf anderen Gebieten die Bedingungen zu positiven Leistungen noch nicht gegeben sind. Aber immerhin — jede That wirbt und bindet. Und nun das zweite: in der zionistischen Literatur finden sich sicherlich da und dort zerstreute Gedanken, die eine überzeugende Kraft haben, Gesammelt und zu einer festgegründeten Theorie vereinigt sind sie noch nicht. Und so etwas ist sehr nöthig. Worauf es ankommt, ist, dass die Theorie des Zionismus so gefügt und so gegründet sein soll, dass sie sich als integraler Bestandteil in die ganze Weltanschauunjg eines modernen Juden einprägen könnte. Thaten für die grosse Masse und ein Segment der Weltanschauung für die Kreise der Intelligenz — die werden uns die Seelen ganz gewinnen und binden. Haben wir sie aber gewonnen, dann werden wir auf sie bauen können. Denn zäh und ausdauernd im Festhalten sind die Juden, wie kein Volk der Weit. Dann werden wir eine festgefügte Partei und scnliesslich aufhören, eine Partei zu sein — denn wir werden sein: das Volk. Der alte Mattisjahu war nur der Repräsentant einer Partei. Aber durch seine und seiner unmittelbaren Nachfolger Thaten und durch die Lehre, die sie verkündeten, die eine idealistische Weltanschauung war, ward aus der Partei — das Volk. Zionistisches Vereinshaus in Capstadt Rosen. Komm' mit mir, Mirjam, dahin, wo sich träumend Die schweren, dunklen Rosen niederneigen, Und duftgeword'ne Thränen schmerzensheiFger Erinnerungen glüh'n in tiefem Schweigen.-- Komm' mit mir hin, wo grosse, weisse Rosen Aufblüh'n in zitternd lichtumschwebter Pracht, Wo alles wie aus oft gelebten Träumen Dir märchenfern und -nah entgegenlacht. Dort, wo sich abgrundtief aüs Licht und Dunkel Die Sehnsucht auf zu kühnen Kräften ringt, Zu Kräften, welche Leben schaffen wollen, Und neue Sehnsucht, die die Welt bezwingt. Dort lass' uns jubelnd, weinend niederknien Und küssen uus'rer Hoffnung letzten Saum — Und kommt der Tag, der Licht von Leben scheidet, Er treff uns kniend an — vor uns'rem Traum. Wien. ErnstMüller. Ueber den nationalen Charakter der internationalen socialen Bewegung. Von Egon Lederer*) Auf dem IV. Internationalen sociologischen Congresse wurde ein interessanter Vortrag gehalten: Der Professor am College des Sciences Sociales und an der Universite* Nouvelle in Brüssel, Dr. Casimir v. Kelles-Krauz, sprach, über den ökonomischen Materialismus. Es war eine Restaurierung der materialistischen Geschichtsauffassung nach dem Gesehmacke der modernen Sociologie und einer jener häufig gewordenen Interpretationsversuche, die den uneingestandenen Sieg der Forschung über die starre Parteiwissenschaft verkünden. Die Weltauffassung streift langsam das bewusst Tendenziöse ab, und aus der primitiven Einheit des ökonomischen Grundgedankens wird die complicierte Mannigfaltigkeit der socialen „Formen" abgeleitet. „Die ökonomische Kategorie der socialen Erscheinungen bildet die Basis des ganzen Ueberbaues, den Inhalt der ganzen socialen Form; aber in diesem formalen Ganzen dient auch die Moral als Basis dem Rechte, die Politik, Kunst und Wissenschaft — der Philosophie usw." Wenn nun auch als Tonica dieser Stufenleiter das ökonomische Princip festgehalten wird, so ist nunmehr dennoch die Annahme gestattet, dass die Klangfarbe dieses Grundtones durch die Combination in Accorden nuanciert wird. Die Wechselwirkung zwischen der primären wirtschaftlichen Constellation und deren gesellschaftlichen Folgeerscheinungen ist eine zu hochbedeutende Erkenntnis, als dass sie durch Verzerrung in irgendeine Complicationstheorie ernstlich Schaden nehmen könnte. Wenn wir gestützt auf diese Erkenntnis an die Untersuchung jener Kräfte gehen, welche in erster Linie auf die wirtschaftliehe Grundlage rückwirken, also der Kunst, Wissenschaft, Religion etc., so gelangen wir schliesslich zur Ueberzeugung, dass es einen Kräftecomplex gibt, der geradezu ausschlaggebend ist für die Richtung der verschiedenen socialen Tendenzen: die Summe jener unendlich vielartigen Factoren, die als nationale definiert werden. Nicht nur das bei den einzelinen Völkerschaften so verschieden geartete Temperament, das jeder Lebensäusserung der Nation seinen Stempel aufdrückt, sondern vor allem die ererbte Art des Denkens und Empfindens, die Qualität der zu Bedürfnissen destillierten Instincte haben auf die wirtschaftliche Entwicklung eine geradezu umformende Wirkung. Der ökonomische Conservativismus des Orients, der industrielle Evolutionismus Europas sind Resultate der in Betracht kommenden Rasseneigenschaften, der türkisch-osmanischen Apathie und des slavischen bezw. germanischen und romanischen Thätigkeitsdranges. Und auch dieser differenziert sich nach den einzelnen Völkerschaften zu verschiedenen Wirtschaftsformen, die erst durch die ausgleichende Kraft des Existenzkampfes, der Concurrenz in die Linie des lebensfähigsten Systems zusammenfliessen. So beginnen die Deutschen, die Bedeutung des englischen Colonialsystems erfassend, unter kaiserlichem Protectorate davon zu schwärmen, dass ihre Zukunft auf dem Wasser liege. So bereitet England in Erkenntnis der unwiderstehlichen Schönheiten des continentalen und amerikanischen Schutzzollsystems den Uebergang von seiner freihändlerischen Einsamkeit zur protectionistischen Geselligkeit vor. Ungarn gibt sich den Anschein, als ob es zur Erreichung der industriellen Ebenbürtigkeit mit den führenden Staaten seinen agrarischen Rückhalt im Zollkampfe gegen die österreichische Industrie opfern wollte. Die Ausgleichung der wirtschaftlichen Resultate nationaler Differenziertheit in der Richtung der grössten Lebensfähigkeit bilden den ökonomischen Fortschritt. Die Durchwühlung des socialen Bodens durch die nationalen Wurzeln der Menschheit zeigt sich bereits bei den jungen und jüngsten der wirtschaftlichen Bewegungen. Ja gerade dem Socialismus, der lange Zeit — bis zur Epoche der defensiven Marx- Interpretierung — an der materialistischen Geschichtsauffassung in ihrer starrsten Form festhielt — fiel die Aufgabe zu, die Bedeutung der nationalen Kräfte sinnfällig zu machen. Nicht nur *) Wir bringen diese interessanten Ausführungen, ohne uns mit ihren Conclusionen völlig zu identificieren. (Anm. d. Red.)

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