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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Zur Psychologie des Parteiwesens
Date
1901-12-06
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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— 10 — Persönlichkeit zu ersticken, dieselbe in ihrer Ganzheit vielmehr erst recht zum Bewusstsein bringt, liefert das moderne Parteiwesen. Sicherlich ist das Parteiwesen in seiner ungeheuren Ausdehnung ein Product der paar letzten Decennien. Es gibt schwerlich irgend einen praktisch-socialen Begriff, um den sich nicht eine Partei gruppiert. Ebenso wie es heute schwerlich viele Menschen gibt, die nicht zu irgend einer Partei gehörten. In die Partei steckt nun jedes Mitglied ein Stück oder das Ganze seiner Persönlichkeit ein : es unterordnet sich zunächst nur einer Idee, später einem Programme und schliesslich auch einem oder mehreren Führern. Diese Stufenleiter ist bemerkenswert. Während die Idee noch immer ganz und gar immanent ist -- so sehr ihr Ursprung ausserhalb der Seele liegen mag — hat das Programm schon eine durchaus ausserpersönliche selbständige Existenz, die die Unterordnung unmöglich fühlbarer werden lässt. Dem Führer gegenüber vollends bedeutet die Unterordnung schon eine sehr wesentliche Passivität. Indessen selbst auf dieser letzten Stufe ist die parteiliche Unterordnung noch immer kein Gegenpol der persönlichen Freiheit. Das zeigt sofort eine klare Beobachtung der Art parteilicher Arbeitsleistung. Die Leistung einer Partei in ihrer Gesammtheit besteht nämlich aus einer Anzahl Theilleistungen, die alle bis zur Unkennbarkeit des personalen Ursprungs in diese Gesammtheit eingehen. Natürlich kann es sehr weit auseinanderliegende Unterschiede zwischen den einzelnen Leistungen geben, aber alle sind nur Theile, keine ist ein Ganzes, ein Fertiges, und das bedeutet ihre Egalisierung. Gibt nun jedes Mitglied in gleichem Masse den individuellen Charakter seiner Leistung zugunsten der Gesammtleistung auf, so kann das zweifellos bei keinem einzelnen eine Bindung im Sinne der Unfreiheit bedeuten. Bleibt aller« dings noch die Leistung des Führers oder der Führer, die häufig ein individuelles Gepräge trägt oder noch tragen soll. Allein die Leistung der Führer, sofern sie nicht als Theil in das Ganze eingereiht werden kann, das heisst also, insofern sie wirklich individuell geprägt ist, bezieht sich nur und ausschliessliesslich auf die technische Seite der Arbeit, inhaltlich ist auch sie nur ein Theil eines Ganzen — also eine Quantität. Darum eben ist auch die Unterordnung unter den persönlichen Führer keine Unfreiheit, weil sie nur eine technische Kategorie ist, wie etwa die Unterordnung des Soldaten und Officiers nicht als Erniedrigung empfunden wird. Im Gegentheil, die Arbeit innerhalb einer Partei steigert den Wert der individuellen Leistung, indem sie sie in einen unverhältnismässig grossen Rahmen fasst. Die Zugehörigkeit zu einer Partei löst Seelenkräfte aus, die sonst vielleicht nie in Action getreten wären. Das mag auch der tiefere Zusammenhang sein, der zwischen dem intensiven Streben der modernen Menschen nach individueller Freiheit und ihrer Gruppierung in Parteien besteht: In dem Streben nach der individuellen Freiheit liegt gleichzeitig das Streben, jedem einzelnpn Bezirke der Seele die grösstmöglichste Bethätigungsfähigkeit zu geben. Und das ist selbstverständlich nur durch Parteien möglich. Daher die ins Unendliche gehende Gründung von Parteien und — insbesondere — Vereinen, für die irgend eine Reminiscenz, irgend eine körperliche oder geistige Eigentümlichkeit, irgend eine kleine ethische Bestrebung, kurz alles, was nur wie eine Aehnlichkeit zwischen Menschen aussieht, als Grundlage genügt. Alles soll eben beim modernen Menschen die Möglickeit der Bethätigung, des „Sich-Auslebens" haben. In diesem Sinne steigert das Parteiwesen ins Unübersehbare die Bewegungsfreiheit der Seele. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass gerade bei der Partei, die die strammste Disciplin, die energischeste Unterordnung fordert, auch die intensivste Freiheitsempfindung sich findet. Deswegen ist es auch kein „Gang nach Canossa", als was es liberale Zeitungen verschrieen haben, wenn Eduard Bernstein sich dem Parteibeschlüsse unterordnet, der die Rücksichtslosigkeit seiner Kritik der socialistischen Theorie unterbindet. Er hat sich nur die für ihn neuerlich wertvollere Freiheit der intensiven Bethätigung innerhalb der Partei um den Verzicht auf die Freiheit rücksichtsloser Kritik erkauft. Jener Seelenbezirk fordert offenbar gebieterischer eine Bethätigungsmöglichkeit als dieser. * So ist denn die Gebundenheit innerhalb der Partei, ebenso wie die Unterordnung keineswegs eine Unterdrückung der individuellen Freiheit im tieferen Sinne des Wortes. Die Wirklichkeit, die ja jeder kennt, bestätigt durchaus diese rein theoretisch gewonnenen Schlussfolgerungen. Nur in einer Partei vermisse ich gar sehr die Unterordnung des Individuums unter die Partei, jene unbedingte Unterordnung, die allein imstande ist, Grösseres hervorzubringen durch das Zusammenklappen von auf ein und dasselbe Ziel gerichteten Theilleistungen — in der zionistis c h e n. Fruchtbare oder auch sehr, sehr unfruchtbare Kritik dessen, was geschieht oder nur geschehen könnte—- daran haben wir übergenug. Projecte schiessen hervor wie die Pilze, und zwar durchführbare und undurchführbare, zeitgemässe und unzeitgemässe. Was aber nicht zu sehen ist, das ist: ein organisches Zusammenwirken der Theile, der einzelnen, dass dann eine nennenswerte Gesammtleistung herauskäme. Woran das wohl liegen mag? Zunächst sicherlich in dem schon häufig beobachteten Individualismus, der geradezu ein essentielles Merkmal der jüdischen Psyche ist. Und merkwürdig, dass sich damit in manchen Beziehungen eine geradezu auffallende Homogenität verbindet. Unser intimster Dichter, S. J. Abraham o w i t z, bemerkte einmal, dass es wohl kein Volk auf Erden gibt, bei dem alle, alle ohne Ausnahme, an demselben Tage, zu derselben Stunde, mit denselben Gesten fast — dieselben Speisen in derselben Reihenfolge essen, wie bei den Juden am Freitag-Abend. Diese Homogenität aber, die sich übrigens in noch sehr vielen Erscheinungen nachweisen lässt, verhindert nicht, dass in der Regel je zwei Juden zwei verschiedene Individualitäten vorstellen. Dieser instinctive Individualismus und noch mehr der bewusste in den höheren Intelligenzsphären ist zweifellos ein ernstes Hindernis der Unterordnung des einzelnen unter die Partei, beziehungsweise die Parteiführung. Allein das erklärt noch nicht alles. Wir haben es ja schon früher ausgemacht, dass die Unterordnung in der Partei nur eine technische Kategorie bedeutet, die unmöglich irgendein Gefühl unterdrückter Selbständigkeit auslösen kann. Schliesslich bezieht sich die Unterordnung zum allergrössten Theile doch nur auf das : „Wie zu machen?", nicht auf das: „Was zu machen?", wofern man unter letzterer Frage das Endziel ins Auge fasst. Vielleicht liegt aber der Grund für diesen Mangel an Unterordnung innerhalb der zionistischen Partei noch tiefer. Und da komme ich wieder einmal auf zwei\einander diametraljen,tg0genges,et9te Grujidrichtungen,der jüdischen Volksseele. Man tiatschori lange nämlich die B§6*bächtung^gemacht, dass die Juden einen extremen Idealismus mit einem ebenso extremen Realismus in sich verbinden. Dieser Widerspruch löst sich meines Erachtens auf, wenn man näher hinsieht. Man wird nämlich bemerken, dass diese beiden Grundrichtungen sich in keinem Punkte schneiden, da sie parallel nebeneinander herlaufen auf grundverschiedene Ziele zu. Idealistisch bis zum Extrem ist die jüdi che Volksseele in Sachen des Glaubens, der Ueberzeugung, der Weltanschauung allerhöchsten Stiles. Realistisch aber ist sie in Sachen der praktischen Lebensführung, der Lebensanschauung in des Wortes einfacner Bedeutung* Anders wäre die Existenz des jüdischen Volkes gar nicht zu begreifen. Oder wäre es möglich, dass dieses Volk an seinem Glauben mit dieser unglaublichen Zähigkeit festhielte, trotzdem es als verschwindende Minderheit fast erdrückt wird, wenn seine Seele nicht von einem beispiellosen Idealismus getragen wäre? Ueberhaupt wird man daran festhalten müssen, dass das gewollte Ausharren in der Minorität Idealismus voraussetzt, umsomehr in dieser Art von Minorität. Andererseits wäre das jüdische Volk ohne seinen Realismus in der praktischen Lebensklugheit sicherlich nicht um die vielen gefährlichen Klippen gekommen, die es thatsächlich umschifft hat. Jedenfalls sind diese beiden Grundrichtungen vorhanden. Es wird also nöthig sein, ihnen gerecht zu werden, wenn die jüdische Seele sich unterordnen soll, wenn innerhalb des Zionismus eine Disciplin herrschen soll, wie innerhalb der festgefügten Parteien in Europa. Um es kurz zu sagen: man wird müssen Thaten vollbringen, das wäre ad usum des Realismus; und man wird müssen eine theoretisch feste und überzeugende Begründung des Zionismus schaffen, das wäre ad usum des Idealismus. Zunächst bezüglich des ersteren: es ist zweifellos richtig, dass der Erfolg überall ein ausserordentlich mächtiger und werbender Factor ist. Aber es handelt sich nicht nur um ihn, es handelt sich überhaupt um zionistische Thaten. „Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Thaten sehen." Man sagt: Gründung von hebräischen Schulen ist ein zionistisches Postulat. Wohlan, gründen wir sie. Man sagt: Gründung von hebräischen und judaistischen Bibliotheken ist ein Postulat des Zionismus. Wohlan, gründen wir sie. Und so weiter. Ich spreche gar nicht von dem

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