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Die Welt · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Article
Europäer
Date
1901-11-29
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 48 Die # Welt*1 Seite 11 Italien zwischen Roms Sturz und den ersten Accorden d*r Renaissance. Wir wissen von manchen Flüssen, dass sie plötzlich spurlos verschwinden, um erst in grosser Entfernung wieder aus dem Boden zu treten. So müsste wohl dies Volk eine Zeitlang einen dunklen und engen unterirdischen Gang hindurchgehen. Aber da das körperliche Auge blöde war, hat sich die Seele vollgesogen wie ein Schwamm an Dingen und Erscheinungen. * * * Nach dem Muster der physikalischen Lehre, dass nichts von der Materie verloren gehe, möchte ich behaupten, auch nichts von der Kunst gehe verloren. Wenn sich Kunst infolge widriger Verhältnisse nicht äussern kann, wird sie gebunden und harrt auf günstigere Zeit. Das lässt sich natürlich nur in grossem Massstabe beobachten. Bei Völkern. So habe ich beim Lesen moderner Dichter jüdischer Abstammung die deutliche Empfindung: hier wird latente Kunst und Poesie frei. Und zwar eine solche Menge, dass man nicht daran denken kann, dies üiesse aus der Seele eines einzelnen, sondern es müsste in der Volksseele geschlummert haben. Und nun löst es sich bei dem einen und dem anderen aus in poetischen Stimmungen, Bewegungen, Gefühlen und Tönen. Die verschiedensten Töne werden vernehmbar. Wie Memuons-Säulen, die plötzlich erklingen. Oder wie Kinder, die man ohne bekannte Ursache auf einmal eine fremde Sprache reden hört. Beinahe ein unheimliches Phänomen, denn die meisten dieser Töne scheinen unjüdisch. Sie sind eher menschlich als jüdisch. (Eine grausame paradoxe Antithese, die wohl sonst bei keinem anderen Volke berechtigt wäre.) Nun nehme man noch die Wirkung hinzu, welche hervorgebracht wird durch das, was ich „Resonanz der Vergangenheit" nennen möchte. Jenes Orientalische, Reichs-Israelitische, zu dem doch einige Fäden noch laufen dürften. Wie Hauch äus alten Königsgräbern wirkt es. Wie der altedie Duft, der ausgeht von verwitterten goldenen Todtenmasken ... So ungefähr mag man sich eine Erklärung suchen für manchen Reichthum, für manche Schönheit und für manche Seltsamkeit in der von mir angedeuteten Literaturregion. * * * In erster Linie hatte ich bei dem Gesagten einen im Auge: Jakob Wassermann. Ein kräftiges, mitten im Aufstieg haltendes Talent. Vom Schlüsselroman Melusine, der, glaube ich, sein grösseres erstes war, bis zum letzten Romane, der Geschichte der jungen Renate Fuchs, wuchs er stetig und ebenmässig. In schöner Ordnung liegen die Etappen seines Entwicklungsganges da, was in unserer fahrigen und sprunghaften Zeit eine Seltenheit geworden. Charakteristisch für diese Entwicklung ist weniger eine wachsende, allzu Ueppiges oeschneidende Selbstzucht, als eine nach innen gekehrte Selbstpflege, die immer wachsamer, immer feinhöriger wird für die eigene Melodie und sie mit intimer Kunst cultiviert. Oft geschieht dies bis hart an die Grenze eitler Manieriertheit. Vor der Manier selbst aber bewahrt ihn glücklich der Umstand, dass seine Kunst echt ist und seine Bestrebungen, die literarischen und die menschlichen, ehrlich empfunden sind. Sein Hauptton, sozusagen der Canevas, auf dem ei stickt, ist die Erotik. Nicht die flammende, brutal-sexuelle Erotik, sondern eine übersinnliche, von des Gedankens Blässe angekränkelte. Faust überwindet Don Juan. Es mag interessant und sogar bezeichnend sein, zu seiner Renate Fuchs des grossartigen Dänen Jakobsen Ruch „Frau Marie Grubbe" zu legen. In beiden klingt das Problem der suchenden Frau Aber anders sucht Frau Grubbe und anders Renate. Vieles berechtigt in diesen scharfen Unterschieden bei ähnlichen Vorwürfen zurHervorhebung jüdischer und germanischer Art. Am stärksten mag da das Ende des Wassermannschen Romanes und der Epilog der Marie Grubbe wirken. Renate findet endlich Agathon Geyer, den Apostel, den Höhenmenschen. Marie Grubbe sinkt in die Arme des bäurischen Knechtes. Renate steigt empor von der Sinnlichkeit zum Gedanken. Marie gleitet die schiefe Ebene herab. Die eine läutert und verfeinert ihre Instincte, die andere lässt sich von ihnen tragen. Auch stofflich geben beide Bücher Anlass zu Vergleichen. (Ich meine jetzt: stofflich-artistisch, wie man's macht.) Jakobsen meistert den Stoff. Er schmiedet. Wunderbar schweisst er Stoff und Stimmung zusammen. Alles rundet sich künstlerisch. Nichts starrt ab. Anders bei Wassermann. Bei all seinem Können steht er etwas unbeholfen Ui.d erschrocken vor dem Stofflichen. In einem Bild, in einer Stimmung sucht er das meiste abzufertigen. Er zerhackt manchmal die Handlung bis zur Unklarheit, um — Psychologie zu treiben, um psychologischer Experimente willen. Trotz aller Wahrheit, um die er stets als ehnicher Künstler bemüht ist, hat man bei ihm oft den Eindruck, auf Charons Kahn zu stehen: Es sind nicht Menschen, die sprechen und handeln, sondern Seelen, die wispern und gleiten. Der Stoff sprüht und zuckt um ihn bedrohlich hin und her, wie glühende Kohlen, in die ein Knabe schlägt. Es gibt von Wassermann eine kleine Novelle, „Der nie geküsste Mund." Vielleicht sein schönstes. Ein Stück von der Köstlichkeit einer überaus feinen Goldschmiedearbeit. Dort wird man besonders deutlich erkennen, was ich von seinem Verhältnis zum Stofflichen, das ja auch gewollt und auf gewisse Wirkungen berechnet sein mag, behaupte. An Menschen mit reichen ergreifenden Schicksalen führt er uns rasch vorbei, wie ein geschäftiger Fremdenführer, der nur das Wichtigste zeigen will. Rechts und links lassen wir, wie Sackgassen, viel Räthselhaftes, Angedeutetes, Geahntes liegen. Man denkt an C. F. M e y e r's Verse vom Canal grande: Eine kurze, kleine Strecke Treibt das Leben leidenschaftlich Und erlischt im Schatten drüben Als ein unverständlich Murmeln. Unbefriedigt und ermüdet, aber dabei gereizt und angeregt wird man aus diesem Grunde ein Buch Wassermanns aus der Hand legen. * * Es liegt nicht in meiner Absicht, mich hier näher und intensiver mit den Inhalt der Bücher zu befassen, wiewohl in dieser Hinsicht manche Lockung für mich sowohl als für das Interesse des Leserkreises dieses Blattes liegt. Denn stets stossen uns bei Wassermann, nicht nur in den „Juden von Zirndorf14, Gedanken und Ansichten über Juden und Jüdisches auf, und oft sehr merkwürdige. Aber darüber mag an anderer Stelle discutiert werden. Hier aber will ich bloss versuchen, einige rein künstlerische und technische Züge seiner literarischen Physiognomie festzuhalten, die nach meiner Ansicht aus dem Judenthum des Künstlers resultieren, so zwar, dass sie seine wesentlichsten Stärken und Schwächen bewirken. Wenn ich mich auch keinen Augenblick darüber täusche, wie viel Schwierigkeit und Gevvagtheit ein solches Bestreben enthält, hoffe ich doch, manches zutage zu fördern, das mir geeignet erscheint, neue Gesichtspunkte in herrschende Anschauungen zu tragen. Jetzt bei Wassermann, nächstens bei den anderen, die hier in Betracht kommen. * * * Ich habe darauf hingewiesen, wie sich Wassermann zum Stofflichen verhält. Er versucht, den Stoff

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