Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Article
- Über H. St. Chamberlain
- Date
- 1901-11-29
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Weit" Nr. 48 zu seiner Rassenlehre stehende Privilegium des persönlichen Nichüj udeseins. Vielleicht meint er auch triumphierend, es gebe wohl jüdische Künstler, aber keine jüdische Kunst. Wie soll er von ihr, der neuerstehenden, wissen — er, der sich seine Informationen in Judendingen aus den verlogensten antisemitischen Schmökern und bei den läppischesten bildungsdünkelhaften westjüdischen Schmücken holt? Doch angenommen, sie existierte wirklich nicht — die Thatsache, dass Juden Künstler sind, wenn auch in fremden Culturkreisen, kann nicht angezweifelt werden. Diese Thatsache aber führt zu dem zwingenden Schluss, dass es zu Zeiten völliger Geistesselbständigkeit der Juden eine jüdische Kunst gegeben haben muss. Natürlich darf man dann nicht den Begriff Kunst dogmatisch auf die üblichen Gebiete einschränken. Man muss vielmehr ein tieferes Verständnis für das Entwicklungsgesetz der Anpassung haben und sich sagen können: Die künstlerischen Geister eines jeden Volkes passen sich, auch was das Genre der Kunst betrifft, den tiefsten und stärksten Erschütterungen der Volksseele an. Die jüdischen Künstler des Alterthums mussten bei dem eigentümlichen Wege, den die jüdische Psyche vom Leben weg zum Ueber-dem-Lebenschweben*) gemacht hatte, auch ihren Genius auf ganz eigenen Gebieten entfalten. Nur durch die Lyrik hängen sie einigermassen mit den Kunstübungen anderer Völker zusammen., sonst ist die sociale und ethische Phantasie ihre Kunst. Die meisten jüdischen Propheten sind grossartige Künstler, von deren Jahrtausende besiegender Schöpferkraft das süssliche Lob eines Chamberlain nichts abzustänkern vermag. Trotz seines vielen Geredes von Persönlichkeit und Individualität übersieht er., dass Kunst nie im Objecte. sondern immer im Subjecte, in einer sondergearteten Ueberschwenglichkeit, sein eigenes Wort zu wählen, liegt. Und diese L'eberschwenglichkeit ist immer eine geistige, nicht wie er. um recht zu behalten, will, bei den indoeuropäern eine solche des Geistes, bei den Juden eine solche des Willens. Soviel zum angeblichen semitischen Erbtheil der Juden. Darüber, wie die anderen Mutterrassen in Israel nachwirken, erfährt man nicht viel. Man hört nur, dass die Juden hoch über den anderen Semiten stehen. Sehr verbunden! Sonst erzählt uns Chamberlain vom jüdischen Rassenschuldbewusstsein als einer Folgeerscheinung der stattgehabten Kassenimpfung. Ich gestehe wieder offen: Mein jüdisches Gehirn ist offenbar so ganz semitisch, so verdammt gradlinig, dass es diesen blühenden Unsinn einer Widerlegung nicht für-wert hält. Nur ein natürlichem Denken abgeneigter, mystisch vernebelter Kopf —deren es übrigens, Chamberlain tröste sieh, auch unter, den Juden leider noch genug gibt — kann so verrücktes Zeug aus der Ethos-Kunst der Propheten und aus der angeblich so trockenen jüdischen Volksseele herauslesen. Eine ernstere Betrachtung verdient die Mischungstheorie Chaniberlains in ihrer Anwendung auf die Juden. Ich will gegen dieselbe nicht polemisieren, ich frage nur: Woher weiss Chamberlain, dass die Fremdheit zwischen den Indoeuropäern.Alarodiern und Semiten wirklich so gross ist? Aus seinen Erfahrungen, aus seinen „Erlebnissen** heraus? Aber diese Erlebnisse hat ja nur er und seinesgleichen. Alle übrigen Leute — sowohl die grossen Geister als die grossen Massen — haben zumindest das Gefühl der, ich möchte sagen, Weisse-Rasse-Einheit. Wer nicht völlig antisemitisch bethört ist, versehliesst sich der Tüchtigkeit der jüdischen Rasse, versehliesst sich der Einsicht nicht, dass sie eine grosse active, welthistorische Rolle gespielt hat. Wer nicht Rassenwahrheit in Rassennarrheit umwandelt, kann nicht auf den Gedanken verfallen, dass das jüdische Volk in einer Art Rassenblutschande empfangen und geboren wurde. Und selbst, wenu ein Mensch mit tiefem naturwissenschaftlichem Denken schon auf dem Sprunge wäre, diese Hypothese sich anzueignen, so müsste er doch, weiterdenkend, bald auf Thatsachen stossen, die den angeblichen Bastardierungseffect wieder aufheben. Bastardierte Völker gehen nach Chamberlain entweder kläglich zugrunde oder ihr Leben gestaltet sich tragisch; zur letzteren Art rechnet er die Juden. Aber Tragik oder nicht, so lange Leben da ist, ist Hoff- *) Siehe meinen Artikel „Ohne Drama*' in Nr. 37 der „Welt". nung da, besonders wenn eine verjüngende, erfrischende Kraft hinzutritt. Und als solche muss doch, meine ich, die Inzucht gelten, in welcher nunmehr, nach, der grossen und meinetwegen auch lange währenden „Blutschande", die Juden seit Jahrtausenden leben. Chamberlain hat eben in seiner Entwicklungsfeindlichkeit keinen Sinn für Uebergänge. Er hat keinen Sinn für Fragen, wie etwa die, ob nicht der Unterschied zwischen seinen Misch- und Bastardrassen vielleicht nur ein relativer ist, ob dieser Unterschied nicht darauf hinausläuft, dass lebensfähige Kinder einander fremder Eltern-Rassen mehr Zeit brauchen, um etwas Rechtes zu werden, als die Kinder verwandter Rassen? Hätten solche Fragen in Chaniberlains Gehirn Platz, er würde den Juden nicht lange den Titel einer gelungenen Rasse vorenthalten und wäre von seinem germanocentrischen Irrthum bald geheilt. Aber, man mag die Sache wenden, wie man will, die wildgewordene Geschichtsphantasie des Herrn Chamberlain bleibt ein wüster Traum. Hat einst die Mischung wirklich stattgefunden — und es ist dies sehr wahrscheinlich — so war sie keine unglückliche. Dann hat sie das dicke semitische Blut leichtflüssig, den biegbaren arischen Willen eisern gemacht, die hethitische Einfan vergeistigt und veredelt. Hat sie nicht stattgefunden, dann darf uns die Gegenwart genügen: Wir stehen da, ein altes in Verjüngung begriffenes Culturvolk, hierdurch und durch die gleiche Civilisation des europäischen Völkerkreises würdig, zu dem wir ebenso gehören, wie die Germanen. Pantarhei... Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Jüdisches Jahrbuch.*) Wie aus der Anzeige des Verlages zu ersehen ist, erschien (iiese Woche der zweite Jahrgang dieses Unternehmens. Wir behalten uns vor, in allernächster Zeit dieses überaus vornehm und thatsächlich sehr reich ausgestattete Buch ganz ausführlich zu besprechen und wollen heute nur den Inhalt aufzählen: Martin Bub er: Wege zum Zionismus. Adolf S t r a u s s(:,Jüdische Moderne. Donath: Jüdin. M. S e h e r 1 a g: Ein Jude als Mörder. Dr. O. Thon: Ueber Emancipation. Wiktor Chajes: spin narüv Er. Alfred Nossig: Palästina. David Malz: Dr. Moses Blumm. N. S o k o 1 o w : Los von — Zion! Doctor ■Grün berg: Sind wir wohlthätig? Sal. Schiller: Kunstgedanken. Dr. M. Ehrenpreis: „JudaÄ, ein Brief an Ephraim Mose Lilien. Dr. Z 1 o c i s t i: Judenkunst. Perez: Die vier Testamente. Das Buch zieren eine Menge sehr gediegener Illustrationen von Lilien und Wachtel, von dem auch ein sehr schöner Lichtdruck „Ein Wunderkind" als Kunstbeilas:e zu erwähnen wäre. Wie gesagt, kommen wir auf das Jahrbuch noch zurück, wir können es aber heute schon unseren Lesern als sehr interessantes Buch empfehlen. Europäer. 3. Jakob Wassermann. Das Wesen aller literarischen Kunst ist das Schauen. Dies wehrte dem Juden lange Zeit die Ghettomauer. Sein Blick glitt vorbei an der wilden Pracht des Mittelalters. Ihm erschlossen sich auch nicht landschaftliche und andere Reize der Natur. Denn er war meist ein Städter und seine Berufe waren dergestalt, dass sie eher alle anderen, als seine künstlerischen Iostincte zu wecken vermochten. Es war die dumpfe Halbbetäubtheit des Entwurzelten und zu Boden Geworfenen, in der er dahinlebte. Er hatte aufgehört, die Stimmen des vollen Lebens zu verstehen, die doch so laut um ihn erbrausten. Es war eine Abgeschiedenheit von aller Kunst. Mehr als herbeigeführt durch jene künstlichen Massregeln, die so viel Schmach und Pein auf dies Volk gebracht, mochte dieser Zustand eine völker-psychologische Notwendigkeit gewesen sein, zu der sich eine entfernte Analogie etwa in Italien finden Hesse: in jenem zerfleischten *) Jüdisches Jahrbuch für das Jahri[1902 (5662|3). Re digiert und Herausgegeben von Adolf Stand und Emil Silbers tei n im Verlage des Jüd. Jahrbuches. 16 Bogen, Preis 80 Heller.