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Die Welt · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Article
Über H. St. Chamberlain
Date
1901-11-29
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 48 Die & Welt Seite 9 vor allem ein sympathische gegenübergestellt werden. Was ist sympathisch an einer Kasse? Antwort: Dass sie Cultur, d. h. Kunst, Philosophie und Religion hat. Aber das findet sich doch so ziemlich bei den meisten europäischen Völkern. Was thun? Eine Rasse annehmen* die alle diese Volker durchsetzt und überall und immer der Grund davon ista wann und wo Culturthaten geschehen. Nur darf natürlich eine so wunderschöne Rasse nicht auf einen zu engen Verwandtschaftskreis beschränkt werden. Darum rasch die Germanen mit den Slaven und Kelten vereinigt, alle zusammen „Slavokeltogermanen" oder in einem funkelnagelneuen Sinne auch bloss „Germanen" genannt, und die einzig aus erwählten Culturträger der Welt sind fertig. Die Söhne des Tages, die mit dem sogenannten „Völkerchaos" und den Juden zu kämpfen haben. Die römisch-hellenische Culturwelt wurde nämlich vom „Völkerchaos" abgelöst. Das will heissen: Allmählich wurde die reine römische und reine hellenische Rasse — beide übrigens glückliche Mischlings- und Züchtungsergebnisse — von den verschiedenartigsten Rassenelementen, namentlich Syriern, Semiten und Afrikanern durchsetzt. Es entstand ein Rassenbrei., ein Gemengsei aus den divergentesten Rassen, ein Mestizenthum, in welchem man vorgeblich nach schöpferischen Genien, nach Menschen aus einem (hiss, nach idealistischen Enthusiasten sucht. Doch nein! Einzelne Männer ragen wohl wie Felsen aus dem Meere hervor, die beweisen aber eben dadurch — und einige Herkunftsverimithungen sind auch bald aufgestellt — dass sie keine Mestizen, sondern Leute mit reinem Culturrassenblut sind, sei es, dass sie den Edelrassen des Alterthums, den Römern und Griechen, sei es, dass sie schon dem neuaufsteigenden Geschlechte der Germanen angehören. Diese letzteren sind es, die das „Völkerchaos" überwinden. Es war ein allmähliches, schweres Ueberwinden, mit unwiederbringlichen Verlusten auf der einen, mit mächtigen Fortsehritten auf der anderen Stelle. Die lateinischen Länder — namentlich Italien und Spanien — scheinen verloren zu sein. Hie und da tauchen germanische Gestalten auf, z. B. Dante*) und Crispi (!). Aber es hilft nichts, im grossen ganzen erweist sich die unglückselige Blutmengung als zu stark. Ebenso ist in den slavischen Ländern das rein slavische3 also auch „germanische" Element schon grösstentheils durch tartarisch-mongolisches Blut verdorben. Dagegen ist die germanische Rasse in den deutschen, britischen und skandinavischen Ländern siegreich gewesen. Doch auch hier wohnt unter den Germanen eine Menge von Halb-, Viertel-, Achtel- und Sechzehntelgermanen, sowie ganze Antigermanen. Und neuerdings schreitet die Vermengung mit den völkerchaotischen Mestizen wieder vor — daneben auch die Bastardierung mit den Ueberresten culturell inferiorer unarischer Urrassen (also doch!), deren Typus immer stärker hervorbricht. Nun aber die Juden! Wer sind sie? Die Wissenschaft sagt, dass sie eine Mischrasse sind. Auch gut. Die Hypothese Luschangs — aus Hethitern (syrischen Alarodiern), indoeuropäischen Amoritern und Semiten bildete sich in uralten Zeiten das jüdische Volk — ist ganz verwertbar. Nur darf die Mischung nicht unverdächtigt bleiben. Man braucht nur anzunehmen., dass Arier, Alarodier und Semiten so Aveit auseinanderstehen., dass aus ihrer Paarung tüchtige Kinder nicht hervorgehen können — und alles ist gerettet. Die Juden sind dann eine in Blutschande gezeugte Rasse, die diesen Bastard-Ursprung stets mit Zerfahrenheit, Unansgeglichenheit und einem drückenden Schuldbewusstsein l>ezahlt. Nimmt man obendrein noch an, dass das semitische, wenn auch das schwächste, so doch das „aufdringlichste" Element in der jüdischen Mischung ist, so hat man vollkommen gewonnenes Spiel. Dann darf man den Semiten und Juden zugleich das Auszeichnende edler Völker, die Cultur, absprechen. Nicht einmal die Religion *) Von diesem bringt Chamberlain sogar ein Bildnis, das den Leser von dem germanischen Ausdruck des Gesichts überzeugen soll, sagt aber kein Wort, worin das Germanische in diesen Zügen liegen soll. Die Methode verdient Nachahmung. Vielleicht taucht nächstens ein jüdischer Chamberlain auf, der in Dantes Ge: sieht etwas Jüdisches sieht und daraus die ausschliessliche Culturtriigerei der Juden ableitet. muss man ihnen lassen. Denn nichts ist unrichtiger als die verbreitete Meinung,, dass die Juden eine religiöse Rasse kat'exochen sind. Die sogenannte Religion der Juden ist Gesetz und Moral, ein Lebensregeln-System — aber keine innere, den inneren Menschen umwandelnde Macht. Die Juden haben kein Gemüth, keine transeendentalen Empfindungen, kein mystisches Sich-Emporschwingen, kein tief symbolisches Erfassen des Lebens, keinen idealistischen Pessimismus usw. usw. Dafür haben sie den mächtigsten Willen der Welt, eine tyrannische Willkür, die ihnen ihren Gott und ihr Gesetz schuf, die sie als Rasse so stark und wiTlerstandskräftig erhält und die sie nach der Weltherrschaft streben Hess und noch streben lässt.*) Ausserdem ersetzen sie. was ihnen an Cultur abgeht, reichlich durch civilisatorische Begabung. (Man erinnert sich, was Ch. unter Civilisation versteht.) Die undankbarste Aufgabe wäre es. wenn ich Chamberlain auf das Gebiet der Religion folgen wollte. Nein, da hinaus wage ich mich nicht, ich armer Jude, der ich ja gar nicht empfinden kann, was so einem gottgesegneten Germanen die Seele weitet und wandelt. Es ist wahrscheinlich nur das Gewohntsein an meine eigene beschränkte jüdische Seelenhäuslichkeit schuld, wenn ich in den Seelen der vielen Millionen Durchschnittsgermanen auch nicht ein Kämmerchen finde, in welchem die schöne transcendente Religion des Herrn Chamberlain zuhause wäre. Oder sind sie wirklich alle als Germanen verkleidete Völkerchaotiker''? Ebenso ist wohl nur meiner semitischen Befangenheit zuzuschreiben, dass ich kein positives, auf Massen eingerichtetes Religionssystem kenne, welches von Moral- und Lebensregeln absehen würde, und da auch die braven Inder nicht ausschliesse. Mehrbesagte Seelenenge bewirkt wahrscheinlich auch, dass mir die Haarspaltereien Chamberlains nicht imponieren, womit er auch die von ihm höchstgeschätzten Propheten, z. B. Arnos, welchen er selbst dem zum Arier erklärten Christus nahestellt, aus dem Tempel der Religion verjagen will. Und schliesslich finde ich in der culturlosen Einfalt meines Heizens, dass Chamberlain zu sehr an die von ihm selbst constatierte Verwandtschaft der Religion mit der Kunst und der künstlerischen Empfindungsweise vergisst. Er wird mich auch in seiner Durchtränktheit mit abgestandener Romantik einen religiösen Barbaren nennen, wenn ich ihm sage, dass mir heutzutage drei Arten von Religion zu existieren scheinen : Der gute alte Väterg'laube, der bei Juden sowohl als bei Nichtjuden eine ganz kleine Dosis von symbolistischer Gemüthsinnigkeit enthält; zweitens die Neoreligiosität einer Anzahl confuser Leute, die zum positiven Glauben zu aufgeklärt und zu feig, dagegen aber bereit sind, sich in den weichen schlüpfrigen Phrasen einer neuen gottbaren Theologie auszutoben, wenn sie damit nur der verhassten Wissenschaft einen Streich versetzen können; drittens jener logisch nicht fassbare, in Symbolen sich auslebende Zustand von Religion, möchte ich sagen, in dem sich jeder schöpferische Mensch, vor allem der Künstler befindet, bevor und während er schafft. Allerdings bestreitet Chamberlain den Juden auch die Möglichkeit, Künstler zu sein. Zwar spricht er dieses Urtheil für die Gegenwart nirgends ausdrücklich aus (wenn ich nicht etwa auf eine Stelle seines tausend Seiten zählenden Werkes vergessen habe), aber es ist kein Zweifel, dass er den Eindruck hervorrufen will, als ob es sich so verhielte. Nun, darüber mit dem verbissenen Schematisierer. der sonst das Evidente selbst dort findet, wo es nicht ist, zu rechten, fällt mir nicht ein. Vielleicht gewährt er auch diesen Auserlesenen — als -wären die Künstler anderer Völker nicht Auserlesene? — taxfrei das im komischen Gegensätze *) Bezeichnend für die Chamberlain'sehe Art, sich zu informieren und zu referieren, ist folgende Stelle: „Auf dem jüdischen Congress, gehalten in Basel im Jahre 1898, erklärte Dr. Mandelstamm, Professor an der Universität Kiew, in der Hauptrede der Sitzung vom 21). August, „dass die Juden das Aufgehen in die übrigen Nationalitäten mit aller Energie zurückweisen, und dass sie ihre historische Hoffnung (d. h. also auf Wellherrschaft) festhalten" (nach dem Berichte eines Theilnehmers am Congresse in der Pariser Zeitung „Le Temps" vom 2. September 1898)."'

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